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Donna Tartts Roman „Der Distelfink“ : Zum Entsetzen, zum Entzücken

  • -Aktualisiert am

Vor 22 Jahren erschien Donna Tartts Welterfolg „Die Geheime Geschichte“. Jetzt kommt ihr dritter Roman „Der Distelfink“ - ein großer Wurf. Bild: FRED R. CONRAD/The New York Time

Dieses Buch lässt keinen kalt: Donna Tartts Roman „Der Distelfink“ erscheint jetzt auf Deutsch. Es zeigt eine große Erzählerin, die so spannend wie eine Thrillerautorin schreibt.

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          Wer je den Roman „Die geheime Geschichte“ gelesen hat - dieses Werk in der Hand zu halten und nicht zu verschlingen ist unmöglich -, wird den Namen Donna Tartt nie mehr vergessen. Vor 22 Jahren erschien die Geschichte über eine eingeschworene Gruppe von Collegestudenten, die im Namen der Kunst einen Mord begehen, und sie machte die zugeknöpfte schwarzhaarige Autorin aus Grenada, Mississippi, berühmt. Das Buch soll von Tartts eigenem Altphilologie-Studium am Bennington College inspiriert worden sein, wo sie neben heute hochangesehenen Schriftstellerkollegen wie Jonathan Lethem oder Jay McIneray vor allem Bret Easton Ellis kennen- und eine Weile lang angeblich auch lieben lernte.

          „Die geheime Geschichte“ war, ein knappes Jahrzehnt vor dem Durchbruch eines Jonathan Franzen, auch deswegen so aufsehenerregend, weil die Autorin Anspruch und Unterhaltung, Intellektualität und Spannung scheinbar mühelos miteinander verband. Auf den Welterfolg des Debüts folgte ein langes Schweigen, das Tartt erst 2002 mit „Der kleine Freund“ brach. Für viele ihrer Bewunderer war diese im Gestus eines Schauerromans geschriebene Geschichte über ein Mädchen, dem der Tod seines Bruders keine Ruhe lässt, eine Enttäuschung. Dann aber ließ Tartt sich mehr als zehn Jahre Zeit bis zum dritten Roman: „Der Distelfink“. Er beweist, dass der erste große Wurf kein Zufallstreffer war. Am kommenden Montag erscheint das Buch bei Goldmann, übersetzt von Rainer Schmidt und Kristian Lutze.

          Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind

          Man könnte sagen, dieser Roman sei konventionell erzählt, habe mit 1022 Seiten Überlänge und könne sich nicht recht entscheiden, ob er ein Entwicklungs-, Bildungs- oder vielleicht doch lieber ein Kriminalroman sein will. Trotzdem ist er ein Meisterwerk. „Der Distelfink“ handelt von Kindern und Eltern, von Tod und den Versuchen, Verlust zu verwinden, von großer Kunst und schlimmen Betrügereien, von Freundschaft, Verrat und Liebe. Vor allem aber geht es um die verschwimmende Grenze zwischen guten Absichten und bösen Taten, um den Webfehler im Muster des Schicksals, den jeder Mensch selbst darstellt, und um das Rätsel der Identität: „Ein großes Leid und eines, das ich erst anfange zu verstehen: Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.“

          Theodore Decker, der Ich-Erzähler dieser Lebensbeichte, ist dreizehn Jahre alt (und damit im besten Tartt-Alter, die ein Faible für den Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter hat), als er seine Mutter bei einem Bombenanschlag im New Yorker Metropolitan Museum verliert. Gerade noch standen sie vor dem aus dem Mauritshuis in Den Haag entliehenen kleinen Bild eines zahmen Distelfinken, das Carel Fabritius, der Schüler Rembrandts und Lehrer Vermeers, 1654 in Delft gemalt hat. „Das ist ungefähr das erste Bild, das ich jemals wirklich geliebt habe“, sagt die Mutter und erzählt ihrem Sohn, dass Fabritius noch im selben Jahr 1654 bei der Explosion einer Schießpulverfabrik ums Leben kam. Als Theo seine Mutter Minuten später im Rauch und dem Chaos nach der Detonation nirgends mehr sehen kann und sich stattdessen mit einem alten Mann allein sieht, der kurz zuvor zusammen mit einem rothaarigen Mädchen ebenfalls den Fabritius bewundert hat, nimmt er das Bild an sich.

          Mit diesem Zusammenfall von Verlust und Raub beginnt der Roman, der als Rückblende erzählt wird. Minutiös schildert Theo jenen 10. April vor vierzehn Jahren, an dem sein Leben in doppelter Hinsicht eine ungute Wendung nahm. Dann wie er von den Barbours, der wohlhabenden Familie eines Schulfreundes, aufgenommen und von Psychologen auf Traumata abgeklopft wird. Sein Vater, ein gescheiterter Schauspieler und Glücksspieler, der seine Mutter und ihn vor einiger Zeit verlassen hat, ist unauffindbar, und die Großeltern scheinen nicht eben erpicht darauf, den verkorksten Jungen zu sich zu nehmen.

          Ruhiger und sachlicher Ton

          So bleibt Theo zunächst bei den Barbours und bekommt so die Gelegenheit, den letzten Wunsch des alten Herrn aus dem Museum zu erfüllen. Dabei trifft er nicht nur das rothaarige Mädchen namens Pippa wieder, das ihn vom ersten Augenblick an fasziniert hat, sondern er lernt auch den Freund und Kompagnon ihres Großvaters kennen, den sanften und schüchternen Hobie, den Mitinhaber des Antiquitätengeschäfts „Hobart and Blackwell“. Hobie wird über die Jahre für Theo ein väterlicher Freund, der ihn später in den Feinheiten der Möbelrestauration unterweisen und an dem der Junge später einen üblen Verrat begehen wird.

          Bei der abermaligen Lektüre sieht man, wie sorgfältig Tartt in diesem ersten Drittel bereits alle Themen anklingen lässt, die den Roman ausmachen: Der erste Teil bildet gewissermaßen die Grundierung ihrer Charakterstudie. Dann taucht Theos Vater auf und nimmt den Sohn mit nach Las Vegas. Von hier an überschlagen sich die Ereignisse regelrecht, doch Tartt bleibt ihrem ruhigen, sachlichen Ton treu. Theo freundet sich mit Boris an, einem Jungen aus der Ukraine, der mit seinem Alkoholiker-Vater durch die Weltgeschichte gondelt, ein Einzelkind wie Theo und wie er auch Halbwaise. Boris beschleunigt die Abnutzung von Theos Gewissen erheblich: Sie rauchen, klauen, trinken, werfen Tabletten ein wie Smarties - und reden dabei, weil beide im Grunde kluge Jungen sind, die dem Wesen der Dinge auf den Grund gehen wollen, über die Bücher, die sie lesen.

          Im Hintergrund von Theos Gedanken aber lauert stets das gestohlene Gemälde: Immer wieder möchte er sich Erleichterung verschaffen und jemandem erzählen, dass er den Alten Meister hat mitgehen lassen, doch je länger er es für sich behält, desto unmöglicher scheint es, das Ganze noch wie ein Versehen aussehen zu lassen. Und irgendwann begreift er, warum das so ist: „Das Bild hatte mir das Gefühl gegeben, weniger sterblich, weniger gewöhnlich zu sein.“ Mehr noch: Was Theo mit Fabritius’ Werk verbindet, ist die „Überzeugung, dass mein ganzes Leben auf der Spitze eines Geheimnisses im Gleichgewicht gehalten wurde, das die Sprengkraft besaß, dieses Leben jeden Augenblick in Stücke zu zerfetzen“.

          Überbordende realistische Detailfülle

          Warum Menschen Dinge tun, die sie unzweifelhaft als falsch erkennen und die, wenn sie auffliegen, ihr ganzes Lebenskonstrukt ins Wanken bringen müssen - diese Frage treibt Tartt um. In Theos Fall lautet die Antwort nicht, wie so oft, schlicht: Gier, sondern sie ist komplexer. Schönheit, Erkenntnis und „das Entzücken und Entsetzen des Fetischisten“ spielen darin mit, aber ebenso die Sehnsucht, etwas festzuhalten, was sonst für immer verloren wäre, nämlich die letzte Verbindung zwischen ihm und seiner Mutter wie auch zwischen ihm und dem „vermissten Königreich“ Pippa.

          Der Distelfink ist dabei für den Roman weit mehr als ein Symbol. Für Donna Tartt ist nicht nur das Motiv der angeketteten wilden Kreatur zentral, sondern ebenso die Malweise von Fabritius, die „adrette, kompakte Art“, wie das Geschöpf „in sich selbst steckt“. Was sie bewundert, ist die Ausstrahlung einer Schönheit, die über das Dargestellte weit hinausreicht: „Das Ding und doch nicht das Ding.“

          Auf nicht weniger als eine literarische Entsprechung dieser Kunst hat es Donna Tartt abgesehen. Und das Wunder: Je länger ihr Roman währt, desto überzeugender erzielt die Autorin genau diese Wirkung. Denn aus den zahlreichen erstaunlichen Verästelungen, die die Handlung nimmt, und dem Wechselspiel der Figuren tritt immer deutlicher hervor, wovon Donna Tartts Roman in seiner überbordenden realistischen Detailfülle vor allem handelt: von Unsterblichkeit und dem Trost der Schönheit inmitten des Chaos.

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