https://www.faz.net/-gr3-15ylz

Don DeLillo: Der Omega-Punkt : Teilen wir alle dasselbe Geheimnis, ohne es zu wissen?

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

In seinem großartigen Roman „Der Omega-Punkt“ schickt Don DeLillo einen Gelehrten auf Sinnsuche in die Wüste. Dessen paranoider Rückzug ist auch als Kommentar zum intellektuellen Amerika der Bush-Ära zu verstehen.

          5 Min.

          Der Tod? Ein elektrischer Ton, ein gleichmäßiges, weißes Geräusch, das dich umgibt wie die Sprache, in der du lebst: eine Endlinie, die sich wie ein schwarzer Bewusstseinsfaden durch Don DeLillos Werk zieht und auch den großartigen neuen Roman des Schriftstellers markiert. Die Mitteilungen des „verrückten Memoschreibers“, der in „Americana“ die Angestellten eines Fernsehsenders daran erinnert, dass der Mensch „auf ewig im Zustand des Todes verharren wird“; J. Edgar Hoover, der in „Unterwelt“ eine Reproduktion von Brueghels Gemälde „Der Triumph des Todes“ betrachtet und seinen faszinierten Blick kaum mehr abwenden kann. Von Lanzen durchbohrte Leiber, Farben von Fleisch und Blut – „eine Landschaft der visionären Verwüstung und Katastrophe“, die DeLillo in „Falling Man“ aus den Trümmern des World Trade Center abermals auferstehen lässt und in „Der Omega-Punkt“ am Rande des Gesichtsfelds kaum verbirgt.

          Die Toten, die sich in Asche niedergeschlagen haben und auf die Haare der Überlebenden herabrieseln; die „tiefen, schrecklichen Ängste um uns und die Menschen, die wir lieben“, wie es in „Weißes Rauschen“ heißt. „Und der Tod? Wo ist er?“ Die zehrende Angst, die in Tolstois Erzählung „Der Tod des Iwan Iljitsch“ den Sterbenden jäh verlässt – in Don DeLillos Werk ist sie bewahrt und allgegenwärtig: Ein „weißes Rauschen“ – electrical noise, uniform, white –, das DeLillo in seinem gleichnamigen, teils unter dem Arbeitstitel „The American Book of the Dead“ entstandenen Roman auf eindringliche Weise benennt. „Wie kommt es, dass keiner sieht, welch tiefe Angst wir in der vergangenen Nacht, an diesem Vormittag hatten?“ White Noise. „Ist das etwas, was wir alle voreinander verstecken, in gegenseitigem Einvernehmen? Oder teilen wir alle dasselbe Geheimnis, ohne es zu wissen.“ Als diese tiefe, schreckliche Angst am Ende von „Der Omega-Punkt“ an die Oberfläche drängt, verwandelt sie DeLillos Protagonisten Richard Elster in einen bebenden, allmählich in sich selbst versinkenden Körper, eine versteinerte Seele – leblos und roh wie nackter Fels.

          Sprachliche Haute Couture

          Richard Elster ist der Vater einer über alles geliebten Tochter, zweier ungeliebter Söhne; ein 73 Jahre alter Gelehrter von internationalem Format, der sich nach einer zweijährigen Tätigkeit im Pentagon auf einen „spirituellen Rückzug“ in die Wüste begeben hat und dort im Sommer 2006 Besuch von dem jungen Filmemacher Jim Finley erhält. Finley, der einen Film über Elster drehen möchte, in dem dieser über seine Zusammenarbeit mit den Strategen und Militäranalytikern der Bush-Regierung spricht, ist der Ich-Erzähler von DeLillos Roman, empfindlich und intensiv: Sein Blick streicht wie ein Kameraauge über Elster hinweg, registriert jede Bewegung, jeden Gedanken und spürt schon an einem der ersten Abende „die hartnäckige Unruhe“, die der mehr als drei Jahrzehnte ältere Mann bei einsetzender Dunkelheit in einem tiefen Schweigen zu verbergen versucht. „Im Strom von Gedanken und trüben Bildern werden wir zu uns selbst und fragen uns träge, wann wir sterben müssen“, so formuliert es Elster in einem der zahlreichen Aphorismen, in deren verführerische und nicht selten entblößende sprachliche Haute Couture Don DeLillo seine grandiose Figur hüllt: „So leben und denken wir, ob wir es wissen oder nicht.“ In der glühenden Urwelt der Wüste – im Nachdenken über Zeit und Raum – erlebt Richard Elster Momente „meditativer Panik“, eine Art „spiritueller Panik“, wie es aus DeLillos Theaterstück „Gott der Träume“ nachklingt, die in einen kühnen, von der einnehmenden literarischen Überzeugungskraft des Autors jedoch mühelos getragenen Traum vom kollektiven Aussterben des Menschen eingehen.

          Weitere Themen

          Wie sehr sollten wir zweifeln?

          Kritik an Corona-Maßnahmen : Wie sehr sollten wir zweifeln?

          Sie kritisieren die Corona-Maßnahmen und wedeln mit dem Grundgesetz: Skeptiker erhalten in der Pandemie-Krise viel Aufmerksamkeit. Was steckt hinter der Kultur des Zweifelns und wie kann man sie retten?

          Topmeldungen

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Trump will G7 zu G11 erweitern : Eine neue Allianz gegen China?

          Russland reagiert zurückhaltend auf Trumps Vorstoß, die G7 zu erweitern. Australien, Indien und Südkorea zeigen sich offener – ohne Amerika wären sie Vasallenstaaten Chinas, warnt ein früherer Außenminister.
          Kerzen und Stofftiere vor der Kita „Am Steinkreis“ in Viersen: Hier starb am 21. April eine Dreijährige.

          Totes Kita-Kind in Viersen : Reihenweise Alarmsignale

          In einer Kita in Viersen soll eine Erzieherin die kleine Greta ermordet haben. Ihr Lebenslauf enthält zahlreiche Alarmsignale. Es war offenbar nicht der erster Übergriff der 25-Jährigen auf ein Kita-Kind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.