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: Doktrinen sind Drogen

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Das Jahr 1905 wäre für die Polen ohnehin ein denkwürdiges Datum gewesen: Genau ein Jahrhundert und eine Dekade waren seit jenem fatalen Jahr 1795 vergangen, in dem ihr Vaterland zum dritten Mal unter die Nachbarmächte aufgeteilt und damit endgültig von der Landkarte Europas gelöscht wurde. Doch anstelle ...

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          Das Jahr 1905 wäre für die Polen ohnehin ein denkwürdiges Datum gewesen: Genau ein Jahrhundert und eine Dekade waren seit jenem fatalen Jahr 1795 vergangen, in dem ihr Vaterland zum dritten Mal unter die Nachbarmächte aufgeteilt und damit endgültig von der Landkarte Europas gelöscht wurde. Doch anstelle der Ermahnung zum stillen Gedenken erreichte sie bereits im Januar ein flammender Aufruf: "Genossen! Es ist ein großer Augenblick. In der Hauptstadt des Zaren begann die Revolution. Bei einem gemeinsamen Sturm wird der morsche Zarenthron nicht widerstehen können. Daher: Auf zum Werk! Auf zur revolutionären Tat!"

          Dieser Appell des Warschauer Arbeitskomitees der Polnischen Sozialistischen Partei fand zwar große Resonanz, doch die Revolution wurde bekanntlich zerschlagen, und die Polen mußten weitere dreizehn Jahre warten, bis ihr Freiheitstraum Wirklichkeit wurde. Im Jahre 1905 konnten sie nur aus einem freudigen Ereignis Trost schöpfen: Henryk Sienkiewicz, der Autor des Welterfolgs "Quo vadis?", wurde als erster Pole mit dem Literaturnobelpreis bedacht.

          Seine enorme Popularität verdankte er in erster Linie seinen historischen Romanen, vor allem seiner Trilogie über das 17. Jahrhundert, die drei erfolgreiche Feldzüge - gegen die ukrainischen Kosaken ("Mit Feuer und Schwert"), die Schweden ("Die Sintflut") und die Türken ("Herr Wolodyjowski") - zum Hintergrund hat. Im Stoff lag auch größtenteils das Geheimnis des Erfolgs: Die seit Jahrzehnten gedemütigten Polen brauchten nichts dringender, als daß man ihnen die ruhmreichen Kapitel ihrer Geschichte vor Augen führte.

          Allerdings bestand sein OEuvre auch aus Werken, die ganz im Zeichen der Gegenwart standen. Dazu gehörte nicht zuletzt sein später Roman "Wirren" (1910), ein Liebesroman mit politischen Exkursen. Das Buch war eine Reaktion auf die Revolution von 1905 und wurde von allen politischen Lagern gleichermaßen mit hohen Erwartungen gelesen - zum einen, weil Sienkiewicz als eine der höchsten moralischen Autoritäten galt, und zum anderen, weil man sich davon eine Antwort auf die Frage versprach, welche Fraktion sich nun mit seinem Namen schmücken durfte. Bis dahin hatte er mit verschiedenen Parteien, insbesondere aber mit den extrem konservativen Nationaldemokraten, kokettiert.

          Anfänglicher Handlungsort des Romans ist ein Landgut, auf dem anläßlich einer Testamentseröffnung mehrere Personen zusammentreffen: der Besitzer Wladyslaw Krzycki, die Jungwitwe Zofia Otocka und ihre musikbegabte Schwester Marynia sowie eine geheimnisvolle Engländerin namens Agnes Amney. Dies ist auch der Auftakt des romantischen Handlungsstrangs, in dessen Mittelpunkt Krzycki und Agnes stehen. Sie fühlen sich von Anfang an zueinander hingezogen, bald gestehen sie sich ihre gegenseitige Liebe. Doch kurz nachdem sie ihre Verlobung kundgetan haben, wird das Geheimnis der fließend Polnisch sprechenden Fremden gelüftet: Sie hat ihre Jugend in einem benachbarten Dorf verbracht und in dieser Zeit ein kurzes Liebesverhältnis mit Krzycki gehabt. Eine Schicksalsfügung hat sie später nach England geführt, wo sie zu Bildung und Vermögen gekommen ist. Obwohl Krzycki trotz der schockierenden Enthüllung die Verlobung aufrechterhalten will, wächst zwischen den Liebenden schnell eine Mauer aus Scham, Vorurteil und verletztem Stolz. Als sich die wahre Identität der "Engländerin" herumspricht, dauert es nicht mehr lange, bis die Verbindung gelöst wird, obwohl sie selbst das Land wieder verläßt.

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