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Dirk Kurbjuweit: Angst : Angriff auf die innere Sicherheit

  • -Aktualisiert am

Bild: Rohwolt

Schutz der Fassaden: Dirk Kurbjuweits packendes Psychodrama „Angst“ erzählt von einer Familie, die in einen Albtraum gerät, vor dem sie auch die deutsche Justiz nicht retten kann.

          Es empfiehlt sich, mit der Altbauwohnung auch das Verhältnis zum eigenen Vater zu pflegen. Der Vater im Haus erspart den Mörder, wenn man einen braucht. Und Randolph Tiefenthaler, ein unauffälliger Architekt, der seine Stunden am liebsten im gediegenen Ambiente Berliner Sterne-Restaurants verbringt, weil er sich mit niemandem stilvoller unterhalten kann als mit sich selbst, braucht dringend einen Mörder, seit er den Glauben an den Rechtsstaat verlor: „Ich hatte lange genug darüber nachgedacht“, sagt er, „es musste nun geschehen.“

          Und also geschieht es wie auf Knopfdruck. Wobei man sagen muss, dass der Gedanke, eine Waffe auf einen Kopf zu richten und abzufeuern, so ganz taufrisch nicht war. Denn schon als Autoverkäufer, damals, irgendwo im Weitweitweg der alten Bundesrepublik, trug Tiefenthalers Vater eine Pistole im Holster unter der Achsel, er packte sie ein, wenn sie zum Einkaufen fuhren, sie war im Auto versteckt, wenn es von Berlin aus durch die DDR westwärts ging, und aus seiner Leidenschaft für Waffen, Schießvereine und Selbstverteidigungskurse machte der Senior nie einen Hehl.

          Ob die Bücher daran schuld sind? „Mein Vater hatte als Junge viele Abenteuerbücher gelesen, und sie hatten ihn zu einem Abenteurer gemacht, einem Abenteurer, der noch keine Abenteuer erlebt hatte.“ Nein, nicht die Bücher. Schuld ist die Angst, die neue Formen findet, was immer man gegen sie unternimmt, und je mehr man den Bericht liest, mit dem Randolph Tiefenthaler auf dieses Leben mit einem bewaffneten Vater zurückblickt, diese als Suche nach Ansatzpunkten für einen familiären Neubeginn verkleidete Beichte, umso mehr scheinen seine Ängste dem Zeitgeist entsprungen.

          Die Achse des Bösen

          Was einen wiederum rätseln macht, wie es um die Ängste in einem Villenviertel bestellt ist, in dem die SUVs nur so über den Asphalt jagen. Sie lassen dort sogar die Fassaden schützen.

          Der unangenehme Mensch, der die demonstrative, vom Duft einer teuren Espressomaschine umwehte Geborgenheit der Familie Tiefenthaler bedroht, wohnt jedenfalls kaum zufällig im Souterrain. Er ist Mieter und nicht Wohnungseigentümer wie Tiefenthaler, er hat keine Arbeit. Ein Have-Not inmitten des Wohlstands. Ein Einzelgänger in Sichtweite dessen, was sich auf dem Hochparterre als Vater-Mutter-Kind-Glück präsentiert. Die Tiefenthalers nennen ihn den „Untermenschen“.

          In dem Moment liegen die Nerven allerdings blank. Denn „Herr Tiberius“, die zivilisierte Form ist Programm, bedrängt Tiefenthalers Frau mit obszönen Briefen, er gafft durchs Schlafzimmerfenster, zeigt die Eltern schlussendlich aus heiterem Himmel wegen vermeintlichen Kindesmissbrauchs an, und dies alles bringt in Tiefenthaler, der bei den Anwälten und Polizisten auf ratloses Schulterzucken stößt, allmählich den Entschluss zum finalen Rettungsschuss hervor: „Mein Ruf ist mir wichtig. Das macht ein bürgerliches Leben so empfindlich. Ein Gerücht reicht aus, auch wenn es haltlos ist.“ Wenn der Sozialhilfeempfänger austickt, reicht die Achse des Bösen bis in den Garten.

          Skizze der bürgerlichen Befindlichkeiten

          Umso selbstverständlicher stellt sich der Architekt, als es getan ist, als reflexionsgewandter Bildungsbürger die Frage, ob nicht vielleicht doch (das wäre wohl die Männlichkeit gewesen, über deren Verlust er so viel nachdenkt) auch eine handfeste Abreibung gereicht hätte. Eine Vertreibung per Scheckbuch. Oder ein Umzug. Um zugleich wiederum gegen das möchtegerntolerante, Verständnis für den benachteiligten Tiberius anmahnende Gutmenschentum zu wüten, mit dem die Freunde das Problem kleinreden. Alles, was diesen Mord mitverschuldet oder verhindert haben könnte, soll auf den Tisch.

          Der Text, der dabei entsteht, besticht durch eine detailreiche, schnittige, im Windkanal des Magazin-Journalismus optimierte Sprache. Sie macht Dirk Kurbjuweits Thriller „Angst“, dieses als Skizze der bürgerlichen Befindlichkeiten verpackte Psychodrama, das auf einer realen Erfahrung des Schriftstellers aufsetzt, zu einer bemerkenswert leichten Lektüre. Einzig den nach etwas mehr als hundert Seiten einmontierten Hinweis, die Geschichte spiele in der Zeit vor dem Anti-Stalking-Gesetz, „und ich weiß nicht, ob es uns geholfen hätte“, vergaß der Autor zu justieren.

          Nicht der da zerstört, sondern ich

          Doch wie präzise hat er die Getriebe der Angst und der Liebe verzahnt! Vor Tiberius hatte sich Tiefenthaler ohne Anlass und Affäre aus seiner Ehe „hinausgeschlichen“, die Kinder gerieten ihm zu „Schutzschilden vor dem Alleinsein“ mit seiner Frau, und das Verhältnis zum Vater, dessen Ängste er nie verstehen konnte, war ähnlich komplex wie das zu einem Bruder, der sich dem Traum vom sozialen Aufstieg entzog. Jetzt kommen die Gefühle zurück, gelobt er Besserung und jenen Schutz, den der Staat einer Familie nicht zu geben vermag. Er erkennt: „Nicht der da zerstört meine Familie, sondern ich.“

          Nur ist eben auch das ein ebenso egozentrischer wie pathetischer Satz: Tiberius bleibt ein Albtraum, Tiefenthaler ohnmächtig. Bis Tiefenthaler senior die Pistole in den Altbau trägt wie andere, dem Nachwuchs bei der Familiensanierung helfende Väter ihren Werkzeugkasten. Nachher wird er sagen: „Ich bin so stolz auf dich.“

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