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Dino Buzzati: Tatarenwüste : Die bittersüße Lust des höchsten Opfers

Bild: Die Andere Bibliothek

Dino Buzzatis „Tatarenwüste“, vor mehr als siebzig Jahren erstmals erschienen, gehört zu jenen Romanen der Weltliteratur, die für deutsche Leser noch zu entdecken sind.

          4 Min.

          Dieser Roman ist eine gefährliche Lektüre für Menschen mittleren Alters, vor allem, wenn sie männlich sind. Denn er reißt noch die kleinste, sanft dahindämmernde Lebenskrise erbarmungslos aus ihrem trügerischen Halbschlaf. Eine Lektüre wie der Biss eines Skorpions: stechender Schmerz, jähes Erschrecken, dann setzen stetig zunehmende Lähmungserscheinungen ein. Nur das Herz schlägt schneller als zuvor.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Als „Die Tatarenwüste“ von Dino Buzzati vor mehr als siebzig Jahren erschien, war ihr Verfasser nach heutigen Maßstäben ein junger Mann, gerade einmal 34 Jahre alt. Der Roman wurde sofort als das literarische Ereignis erkannt, das er noch immer darstellt, und in fast alle europäischen Sprachen übersetzt. In Deutschland gab es im Lauf der Jahrzehnte sogar mehrere Versuche, das Buch unter verschiedenen Titeln und in mehreren Übersetzungen bekannt zu machen, zuletzt im Jahr 1990, als Klett-Cotta die Fassung von Stefan Oswald publizierte.

          Aufbruch im Morgengrauen

          Seltsam: Alle fünfzehn bis zwanzig Jahre erscheint hierzulande eine neue Ausgabe des Romans, ohne dass einer von ihnen je größere Resonanz beschieden gewesen wäre. Jetzt unternimmt die „Andere Bibliothek“ einen neuen Anlauf und greift dabei auf die Übersetzung von Percy Eckstein und Wendla Lipsius zurück, die 1982 im Reclam Verlag erschien und von Julika Brandestini überarbeitet wurde. Ist das sinnvoll angesichts der Flutwellen der Neuerscheinungen? Warum macht der Verlag das? Weil „Die Tatarenwüste“ zu jenen Büchern der Weltliteratur gehört, die für deutsche Leser noch zu entdecken sind.

          Der Roman beginnt mit einem Aufbruch im Morgengrauen und endet mit einer Ankunft in der Abenddämmerung. Dazwischen liegt nicht ein Tag, sondern ein ganzes Leben. Nach Abschluss seiner Ausbildung und der Ernennung zum Leutnant tritt der junge Giovanni Drogo seine erste Offiziersstelle an. Er ist abkommandiert zum Dienst in der legendären Festung Bastiani, die in früheren Zeiten errichtet wurde, um die nördliche Grenze des namenlosen Reiches gegen drohende Tatarenüberfälle zu verteidigen. Doch die Tataren kommen nicht, und seit Menschengedenken hat niemand mehr die trostlose Einöde jenseits der Grenze durchquert. Man weiß nichts über das Land, das sich hier karg und wüst erstreckt, nichts über den Feind und dessen Absichten, nichts über die eigene ferne Regierung und deren Haltung gegenüber dem äußersten Vorposten der eigenen Macht. Ist die Festung noch wichtig, existiert sie überhaupt noch?

          Warten auf die Tataren

          Drogo spricht niemanden, der die Festung je mit eigenen Augen gesehen hätte, doch als er vor ihr steht, schlägt ihn der eigentümliche Reiz des Bauwerks ebenso in Bann wie der strengem Reglement folgende Dienst, dessen völlige Sinnlosigkeit auf der Hand liegt: „Da hüteten weiß Gott wie viele Menschen einen Gebirgspass, den nie ein Feind angreifen würde.“ Noch am Tag seiner Ankunft bittet der junge Leutnant um seine Versetzung, doch als sich ihm die Gelegenheit bietet, Bastiani wieder zu verlassen, schlägt er sie aus. Wie die meisten anderen Offiziere unterliegt er einer geheimnisvollen Macht, die ihn an den seltsamen Ort kettet. Sie kommt aus seinem eigenen Inneren.

          Denn Bastiani ist nicht nur die trostlose Heimstatt sinnloser Rituale, ein Ort des Verzichts und des Wartens, der Eintönigkeit und der Langeweile, sondern auch ein Ort der Hoffnungen und Verheißungen. Sollte der Feind eines Tages doch noch kommen, wäre hier und nirgendwo anders der Ort der Bewährung, dann würden in dieser schäbigen Festung Helden geboren und Ruhmestaten vollbracht. Dass im Warten auf die Stunde der Bewährung nicht nur eine sinnlose Pflichterfüllung betrieben, sondern auch das eigene Leben vergeudet wird, ist Leutnant Drogo und seinen Kameraden in ihrem schwachen Stunden durchaus bewusst: Sie fühlen den Schmerz dieser Erkenntnis und verwandeln ihn in die bittersüße Lust des höchsten Opfers, als wären nur die Besten der Besten in der Lage, ihr Leben der völligen Sinnlosigkeit zu weihen.

          Der Feind aller Feinde

          Dino Buzzati, 1906 als Sprössling einer venezianischen Patrizierfamilie geboren, wurde früh mit Kafka verglichen. Die Parallelen liegen auf der Hand - das Absurde und das Parabelhafte der Texte, die Lust am bürokratischen Detail, die an Sadismus grenzende Bereitschaft, die eigenen Figuren den quälendsten Verhältnissen auszuliefern, bis hin zum biographischen Aspekt chronischer Bindungsunfähigkeit bei hoher Empfänglichkeit für weibliche Reize.

          Doch anders als Kafka lässt Buzzati seinen Helden nicht in der Sinnlosigkeit verharren. Denn eines Tages kommen die Tataren tatsächlich. Das Warten, die Wachsamkeit, der Dienst, das strenge Regiment, das zwei Kameraden auf ganz unterschiedliche Weise das Leben gekostet hat, all das erfährt plötzlich eine Umwertung von einer Minute auf die andere. Alles Sinnlose hatte seinen Sinn und bleibt doch sinnlos für Leutnant Drogo, der mit Mitte fünfzig zu alt und zu krank ist, um an den bevorstehenden Kämpfen noch teilzunehmen. Drogo wird abkommandiert, er soll zurück in die Stadt, aus der er vor einem halben Menschenleben gekommen ist und wo er längst niemanden mehr kennt. Er kommt dort nie an, denn auf dem Weg begegnet er dem „Feind aller Feinde“, dem eigenen Tod.

          Ein Werk über die Zeit

          Wie Dino Buzzati dem Sterben Drogos in der Einsamkeit eines Wirtshauszimmers ein humanes Heroentum abgewinnt, wie er seinen Helden, der in Unterordnung und militärischer Gemeinschaft seine Erfüllung gesucht hat, am Ende seines Lebens in völliger Einsamkeit zu stolzer Individualität zurückfinden lässt, ist längst nicht alles, was diesen Roman so groß macht. Buzzatis ungewöhnliche Meisterschaft zeigt sich vor allem in der Gestaltung des flüchtigsten aller literarischen Stoffe: der Zeit an sich.

          Als „Die Tatarenwüste“ 1940 erschien, war Mussolini bereits fast zwanzig Jahre an der Macht, und Italiens Eintritt in den Zweiten Weltkrieg stand unmittelbar bevor. Eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus war vom eher unpolitischen Buzzati nicht zu erwarten, wenngleich auch eine solche Lesart für „Die Tatarenwüste“ nicht fruchtlos bleibt. Buzzatis Leben als höchst erfolgreicher Zeitungsjournalist, der 43 Jahre lang als Reporter und Redakteur für den „Corriere della Sera“ geschrieben hat, trägt selbst romanhafte Züge, wie Maike Albath in ihrem instruktiven Nachwort anschaulich macht. Stoff für eine Heldengeschichte klassischer Art findet sich indes auch hier nicht: fast lebenslang an die Mutter gekettet, unpolitisch, als Journalist den Faschisten gegenüber unkritisch bis angepasst, Hypochonder.

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