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Dietmar Dath: Deutschland macht dicht : Ein weiser Stoffhase namens Mandelbaum

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Hier fliegen gleich die Löcher aus dem sprechenden Käse: Dietmar Dath hat mit seinem bebilderten Buch eine ulkige Fibel zur Finanzkrise geschrieben.

          Nein, Dietmar Daths „Deutschland macht dicht“ ist kein Buch für Insider. Man braucht keine Logarithmentafeln zum Lesen, keine historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe, kein „Spex“-Abonnement und auch keinen Verdi-Mitgliedsausweis. Das Label der Unlesbarkeit, das vielen der kaum mehr zählbaren Bücher dieses Autors in der Vergangenheit wie ein Warnhinweis aufgeklebt wurde, passt hier bestimmt nicht. Es handelt sich um eine simpel erzählte Geschichte mit Illustrationen, die jedem offensteht – beinahe (aber dann doch nicht ganz) so, wie auch „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren jedem offenstehen.

          Das vorweg. Denn es gibt in „Deutschland macht dicht“ sehr wohl einen Subtext, der eine kleine Lesergruppe auf besondere Weise anspricht. Denn Daths Buch handelt auch von dieser Zeitung, die hier die „Erhabene Zeitung“ heißt – und von der nicht so erhabenen Alltagswelt, die sie umgibt. Das fängt damit an, dass der halbstarke Held mit seinen Freunden an der Frankfurter Galluswarte herumgammelt und eine Schokomilch an jener überteuerten S-Bahn-Brötchentheke kauft, wo viele Zeitungsleute morgens ihr Frühstück mitnehmen. So umkreist Dietmar Dath, der ehemalige Feuilleton-Redakteur, auch als Schriftsteller den alten Arbeitsplatz – und all die eingestreuten Frankfurter Ortsmarken, das „Nordsee“-Restaurant am Hauptbahnhof und die U-Bahn Richtung Seckbacher Landstraße, geben dem Buch eine nostalgische Note, die sich nur Insidern erschließt und von der man nicht schweigen kann, wenn man dieses Buch hier bespricht.

          Entführung aus Liebe

          Ansonsten ist „Deutschland macht dicht“ aber überhaupt kein nostalgisches Buch, was auch mit der Form der Teenager-Liebesgeschichte zusammenhängt. Protagonist ist ein gutaussehender Gymnasiast, in dem auch ein bolschewistischer Revolutionär steckt: Beim Anblick der Bankangestellten im öffentlichen Nahverkehr kommt ihm der Satz „Du gehörst beseitigt“ in den Sinn, der schon ein bisschen nach Gulag klingt. Dieser Held namens Hendrik ist verliebt in seine Klassenkameradin Rosalie, die Tochter eines mächtigen Frankfurter Zeitungsherausgebers (der Bernd Vollfenster heißt und, um Verwechslungen auszuschließen, einen Vollbart trägt). Zugleich plant Hendrik mit ein paar Kleinkriminellen die Entführung seiner Schulkameradin Clea, einer höheren Tochter aus dem Frankfurter Geldadel.

          Soweit zur realistischen Hälfte, die ganz heiter daherkommt und ein bisschen erzählt wird wie ein „Bravo“-Fotoroman über Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, mit „Bittersweet Symphony“ von The Verve und „Common People“ von Pulp als Soundtrack. Wie oft bei Dath, der zu Unrecht immer wieder mit einem schreibenden Gehirn verwechselt wird, sind die wichtigsten Figuren ganz theoriefern – und die Revolution, von der hier geträumt wird, lockt frei nach Lenin nicht mit goldenen Toiletten, sondern eher mit Schokomilch und Twix für alle.

          Münzgeld wird zu Gelantine

          Doch schon nach ein paar Seiten werden diese mehr oder weniger normalen Leute von einer Krise durcheinandergewürfelt. Man erkennt darin die Konturen der globalen Finanzkrise, die in Deutschland das Frankfurter Bankenviertel zuerst erzittern ließ – aber Dath rechnet sie zum kosmologischen Umsturz hoch und entwirft eine volkswirtschaftliche Version von „Alice im Wunderland“, bei der Deutschland sich in jeder Hinsicht gegen die Außenwelt abdichtet. Es beginnt damit, dass Eurostücke sich in Gelatine verwandeln und Dollarnoten zu schimmeln anfangen. Doch mit der Geldwirtschaft implodiert auch die physikalische Ordnung. Düsseldorfer Rotlichtkneipen landen im Frankfurter Westend, das Oktoberfest wird auf die Zugspitze versetzt und das Gedankengut eines Offenbacher Islamisten verschiebt sich in einen Käse.

          Es handelt sich hier um die Dietmar-Apokalypse: Eine ulkige, fast schülerzeitungshafte Version vom Jüngsten Gericht, in der Jakob-van-Hoddis-Phantasien über zerbröselnde Passanten mit Naturwissenschafts-Dada über „Homotopiebewegungen“ zusammenknallen. Ein Stoffhase, der Mandelbaum heißt, und ein „Zuspätkommunist“, den man sich als Veteranen prähistorischer Klassenkämpfe vorstellen muss, versuchen das Chaos zu ordnen – unterstützt von einem plötzlich sprachbegabten Kunstwerk namens „Ohne Titel“, das die versprengten Protagonisten in ihrem Kampf gegen ferngesteuerte Banker-Zombies unterstützt.

          Wer kämpft gegen wen?

          Man kennt die Handlungsmuster (die tapfere Schar Nicht-Infizierter, die sich bis in die Kommandozentrale des Bösen durchschlägt, in diesem Fall die Europäische Zentralbank in der Frankfurter Innenstadt) aus jedem guten Katastrophenfilm, und Dietmar Dath baut einfach zuviel schlauen Wahnsinn ein, um die Story je öde werden zu lassen. Aber irgendwie erklärt „Deutschland macht dicht“, das ja als „politisches Bilderbuch“ – die zahlreichen Illustrationen stammen von Christopher Tauber – einen Fibelcharakter beansprucht, dann doch recht wenig. Der Autarkieplan zur Abdichtung Deutschlands etwa, der nach Vorbereitung durch die Politik komplett vom personifizierten Geld gesteuert wird – ist das nicht ein Projekt, auf dass sich zwar Oskar Lafontaine und Horst Mahler, nie aber etwa ein Josef Ackermann einlassen würde? Und kämpfen die letzten Dissidenten hier wirklich gegen den Kapitalismus, oder kämpfen sie gegen den Staat?

          Dietmar Dath, der alte Satanismusforscher, lässt das Geld nach dem Muster des klassischen Horrorfilms eine leibhaftige Erdentochter zeugen, die aber am Ende durch das sprechende Gemälde und einen Cowboy namens Christus befreit wird. Das heideggernde Kunstwerk besiegt den Mammon, und ein sozialrevolutionärer Jesus vertreibt die Händler noch einmal aus dem Tempel – man kann das Gefühl haben, dass dieser Bilderbuchschluss die Sache mit der Finanzkrise eher vereinfacht als erhellt. Aber es ist ja auch ein Bilderbuch.

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