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Dieter Kühn: Ich war Hitlers Schutzengel : Staatstrauer, und Göring übernahm

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Bild: Verlag

Entfesselung des Möglichkeitssinns gehört zu Dieter Kühns Poetik, seit er 1970 seinen ersten Roman veröffentlichte. Jetzt stellt er sich vor, Hitler wäre ermordet worden.

          3 Min.

          Gerade erst hat Quentin Tarantino unter großem Hallo Hitler in die Luft gesprengt. Jetzt stellt Dieter Kühn gleich mehrere Attentate auf den „Führer“ nach und lässt sie gegen die historische Wahrheit gelingen. Tarantino mag es um blutsprudelnden historischen Trash gehen, um Rache des Kinos an der stupiden Realität und die Genugtuung, den Schurken noch einmal zur Strecke zu bringen. Kühn dagegen liebt literarische Denkspiele, das Erzählen gegen die Fakten. Er geht zurück an die Weichenstellungen, von denen aus andere Geschichtsverläufe möglich gewesen wären.

          Es beginnt mit Georg Elser. Aus klarer politischer Einsicht wollte er Hitler am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller töten. In dreißig Nächten baute er heimlich in eine Säule des Saals eine genialisch ausgeklügelte Bombe ein, verdeckte alle Spuren und dachte sogar an die Kork-Isolation, die das Ticken des Zeitzünders unhörbar machte. Alles funktionierte bestens, nur dass der Dauerredner Hitler sich am Tag seines prospektiven Todes ausnahmsweise kurzfasste, um rechtzeitig zum Zug nach Berlin zu kommen. Man kann sagen, dass das schlechte Wetter jenes Novemberabends, das den Start von Hitlers Flugzeug verhinderte, Millionen Menschen zum Verhängnis wurde und unsere Geschichte bis heute bestimmt.

          Was wäre wenn?

          Entfesselung des Möglichkeitssinns gehört zu Kühns Poetik, seit er 1970 seinen ersten Roman über Napoleon veröffentlichte. Was wäre gewesen, wenn Hitler den ihm zugeschobenen Zettel mit der Abfahrtszeit des Zuges einfach ignoriert hätte mit dem Hinweis, dass er selbst bestimme, wann in Deutschland die Züge abfahren? Kühn malt es aus: Staatstrauer, Beethovenmusik, feierliche Radioansprachen des Nachfolgers Göring – Goebbels, Himmler und Bormann wurden beim Attentat gleich mit beseitigt. Dann folgt die historische Komödie der Rücknahme: Die Aggression und Radikalität der Hitler-Politik wird unter dem martialisch-jovialen Genussmenschen entschärft. Die Ausweitung des Polenfeldzugs zum Weltkrieg wird glücklich vermieden, der Holocaust findet nicht statt. Deutschland erlebt in der Folge Nationalsozialismus light, mit Zügen neowilhelminischer Restauration. Weil der Kulturbruch ausbleibt, bricht auch die Kultur nicht mit der Vergangenheit: Der Geist der Dreißiger weht weiter; keine „Stunde null“, kein „Kahlschlag“. Stattdessen wird Carl Orff mit einem Gegenwerk zu Mahlers 8. Sinfonie beauftragt: Es gelte, Goethes Faust II „in deutsche Tonsprache“ zurückzuholen.

          Der Reiz von Kühns „Fiktionen“ besteht darin, dass die Ereignisse in pseudodokumentarischem Tonfall beglaubigt werden, mit sprachspielerischem Geschick bei der Konstruktion offizieller O-Töne. Offen bleibt nur die Frage, wie Göring-Deutschland ohne Raubzüge seine maroden Finanzen saniert hätte. Vom ersten Verschwender des Reiches wäre da wohl keine Lösung zu erwarten gewesen.

          Tresckows Attentatsversuch

          Auch dem Attentatsversuch Henning von Tresckows widmet Kühn eine Erzählung. Am 13. März 1943 schmuggelte er ein Sprengstoffpaket in Hitlers Flugzeug – wegen der russischen Eiseskälte im Frachtraum versagte der Zündmechanismus. Bei Kühn nicht; und nachdem Himmler Göring (auf der Pirsch erschossen) und Goebbels (als Blaubart verhaftet) ausgeschaltet hat, wird er selbst vom künftigen Reichspräsidenten Rommel übervorteilt, dem Wunschpartner Churchills für die Rettung Mitteleuropas vor dem Zugriff Stalins. Mag sein, dass Kühn alten Landser-Träumen vom fortgeführten Kampf gegen den „Bolschewismus“ bedenklich nahe kommt. Beunruhigender ist seine Ausformulierung eines neuen politischen Biedermeier, in dem auch die nachmaligen Widerständler vom 20. Juli 1944 – deren Aufgabe sich ja erledigt hat – ihren Platz und ihre Ämter gefunden hätten.

          Die beiden historischen „Fiktionen“ erzählen möglichst realistisch, wie es hätte sein können. Die Titelgeschichte dagegen führt auf phantastische Weise aus, wie es wirklich war. Sie nimmt die Rede von der „Vorsehung“, die Hitler selbst gern bemühte, wörtlich und macht dessen „Schutzengel“ zur literarischen Figur. „Seit mehr als einem halben Jahrhundert werde ich von Selbstzweifeln geplagt, gequält, gepeinigt“, beichtet der Geflügelte, der doch immer nur seine „Pflicht“ erfüllt hat. Er verrät, wie es ihm gelang, „eigentlich todsichere Attentate“ knapp zu vereiteln. Dabei erfährt man interessante Einzelheiten über die tatsächlichen Maßnahmen zum Schutz Hitlers. Allerdings kann Kühn dem Leser die Gewissensnöte des Engels nicht wirklich nahebringen.

          Paranoider Querulant

          Gelungener ist die Bewältigungs-Burleske „Gitler kaput?“: „Hiermit bewerbe ich mich um den Kurt-Gerstein-Preis für Political Correctness“ – so beginnt es. Ein so akribischer wie paranoider Querulant legt dar, wie er sich als Metallspezialist bei der verantwortungsvollen Entsorgung von Hitler-Büsten preiswürdige Verdienste erworben habe. Er macht Vorschläge zur Volksaufklärung durch die Sprengung von Hitler-Betonköpfen. Er erzählt, wie er in den Besitz der zerfetzten Hose kam, die Hitler am 20. Juli 1944 trug – und weiß, wie man sie mit pädagogischem Nutzwert der Öffentlichkeit zugänglich macht. Vor allem aber ist er gekommen, um sich zu beschweren. Die Komik zielt auf den vor lauter Korrektheitsanstrengung verkrampften Umgang mit der Geschichte. Kühn, der heute 75 Jahre alt wird, lässt es verspielt zugehen. Er riskiert etwas, weil er weiß: Die „Tiefenttrümmerung“ der nationalsozialistischen Geschichtslast hat längst stattgefunden.

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