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Dieter Bachmann: Unter Tieren : Was denkt der Quastenflosser in der Tiefe des Meeres?

  • -Aktualisiert am

Bild: Limmat

Dieter Bachmann erfindet einen zeitgenössischen Johann Peter Hebel, den es in die Natur zieht: „Unter Tieren“ ist ein kurioses Buch, das in keine Schublade passt.

          Wenn ein gebürtiger Basler, „ein Mensch mit rotem Schweizerpass in der Gesäßtasche der Jeans“, für seine Hauptperson den Namen „Hebel“ wählt, dann weiß er, was er tut. Er erinnert an den in Basel geborenen Johann Peter Hebel, der viel über Prozessionsraupen, Spinnen, Schlangen, Maulwürfe, fliegende Fische oder Eidechsen geschrieben hat.

          Dieter Bachmann erfindet einen zeitgenössischen Hebel, einen Versicherungsvertreter an der Pensionsgrenze, einen Wanderer, den es hinauszieht „im Frühtau“, um Ruhe vor der Welt zu suchen und sich mit den Tieren zu beschäftigen, ihnen ins Auge zu sehen und mit ihnen zu schweigen. Eigentlich wollte er Meeresbiologe werden, in die Tiefe tauchen und dem Gesang der Wale lauschen.

          Er scheint eher ein staunender Wanderer wie Robert Walser zu sein als ein am Abgrund wandernder Lenz bei Büchner, der die Welt kopfüber sieht. Bachmanns Hebel will den vom Menschen unterdrückten, ausgebeuteten und verzehrten Tieren neu und mit offenen Sinnen begegnen. Tiere sind sprachlos und unschuldig - jedenfalls meint es der Mensch. Sie stehen im Zoo auf der anderen Seite des Gitters und staunen den Menschen an, der sein Futter verzehrt wie sie und wunderliche Dinge tut.

          Romanfigur nur ein Vorwand

          Bachmanns Hebel, als Romanfigur ebenso blass und schwach ausgebildet wie sein kauziger Freund Anderberg, ehemaliger Schadenssachbearbeiter, der in Umbrien lebt und die toten Tiere in seinem Haus sammelt (“animali morti in casa“), ist eher ein Vorwand für den Autor, um alles aufzulesen, was man über Tiere wissen kann, aus Brehms Tierleben, aus den Zeitungen, aus dem Internet. Es sind Wissensfunde über Krähen und Dohlen, über heilige Krokodile, die man am T-Shirt trägt, oder solche, die wirklich zuschnappen, über scheinbar ausgestorbene und wieder gefundene Tiere wie den Quastenflosser, über die treuen Hunde, die man streicheln kann und die den Trost der Obdachlosen bilden, wenn diese „auf den Hund gekommen“ sind.

          Daraus ist ein kurioses kleines Buch geworden, das in keine Schublade passt. Es ist weder ein Roman noch ein Sachbuch, es hat auch keinen roten Faden. Man könnte es am ehesten einen naturphilosophischen Zettelkasten nennen. Es sind „Fragmente, Impromptus, Capriccios“. Die darin verborgene Philosophie lautet, dass der Mensch eine Aberration der Evolution ist, zugleich intelligenter Störfaktor und unkluger Zerstörer. Der Mensch spricht mit seinesgleichen, aber unter Tieren ist er einsam. Bachmann alias Hebel sehnt sich nach einem „Zurück zur Natur“, reflektiert über die Möglichkeiten, wieder auf allen vieren zu gehen, zur Ruhe der Natur zurückzufinden.

          In die Rezeptionswelt der Tiere abtauchen

          „Die Tiere haben etwas“, sagt er, „was Menschen nicht haben. Aber was ist das?“ Was denkt der Quastenflosser in der Tiefe des Meeres, oder was denkt der Molch, der unten im Brunnen sitzt? „Solch ein Tierlein“, schreibt Johann Peter Hebel 1808, „in seiner verschlossenen Brunnenstube hat ein geheimliches Leben und Wesen, sieht nie die Sonne auf- oder untergehen, erfährt nichts davon, dass der Prinz von Brasilien nach Amerika ausgewandert ist, und dass die englischen Waren auf dem festen Lande verboten sind, weiß nicht, obs noch mehr solche Brunnenstuben in der Welt gibt, oder ob die seinige die einzige ist, und ist doch in seinem nassen Elemente des Lebens froh, hat keine Klage und keine Langeweile“.

          Vielleicht hat Bachmann daran gedacht, als er seiner Reflexionsfigur den Namen Hebel gab. Wir können einwenden, was wir wollen, etwa dass man nicht in den Brunnen hinabsteigen und mit dem Molch reden könne, dass es Illusion sei, den rapiden Schwund der Tierarten auf der Welt zu verhindern oder der Menschheit den Verzehr von Fleisch abzugewöhnen. Bachmanns Hebel hat schon recht.

          Wir sollten wenigstens reflektieren, auf welcher Seite der Gitterstäbe im Zoo wir in unserer lärmenden Stummheit stehen und was daraus folgen könnte. Die Bundesrepublik Deutschland hat 2002 den Tierschutz in Artikel 20a des Grundgesetzes aufgenommen. Auch stumme Verfassungsnormen sehen uns an.

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