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: Dieser Hans heißt Jan

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Die Geschichte existiert nicht, sie verändert sich, weil wir uns verändern. Jede Gegenwart hat ihre eigene Vergangenheit." Der Epilog zu André Winters Debütroman "Die Hansens" zitiert den niederländischen Autor Leon de Winter. Damit wird auf den Punkt gebracht, worum die Handlung in diesem Familienroman auf mehreren Bahnen kreist.

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          Die Geschichte existiert nicht, sie verändert sich, weil wir uns verändern. Jede Gegenwart hat ihre eigene Vergangenheit." Der Epilog zu André Winters Debütroman "Die Hansens" zitiert den niederländischen Autor Leon de Winter. Damit wird auf den Punkt gebracht, worum die Handlung in diesem Familienroman auf mehreren Bahnen kreist. Es beginnt mit einem enthüllenden Fund: Jan Hansen, ein verträumter, phantasiebegabter Junge, der mit seinem kleinen Bruder nach der Trennung der Eltern bei seiner Großmutter Grethe in einem kleinen Ort in der Schweiz aufwächst, entdeckt im Jahr 1973 hinter einer Tapetentür in der Wand ein von seinem Vater vor langer Zeit eingerichtetes Versteck. Ein dort aufbewahrter Ordner enthält auch ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater ist. Bis Jan Hansen Licht ins Dunkel der Geschichte gebracht hat, bis er ihr gegen die Widerstände der Familienmitglieder auf den Grund kommt, werden allerdings viele Jahre, Gespräche und Auseinandersetzungen nötig sein.

          Die Stärke des Romans, dessen Manuskript im Jahr 2006 mit dem Zentralschweizer Nachwuchs-Förderpreis ausgezeichnet wurde, liegt in der gelungenen Darstellung dieser aufklärenden Suchbewegung des Protagonisten beim Blick auf seine eigene Geschichte. Winter nähert sich den Strängen dieser Familiengeschichte nicht auf kürzestem Wege, sondern schlägt Bögen über einen Zeitraum von hundert Jahren. Im zweiten Teil setzt die Handlung auf Usedom im Jahr 1907 ein, wo Albers Hansen, der Vater von Jan Hansen, in Armut aufwächst, später im Berlin der Wilhelminischen Zeit seine Liebe zur Musik entdeckt und 1933 aus Deutschland in die Schweiz auswandert. Im dritten Teil wird, ebenfalls ausgehend von 1907, über denselben Zeitraum die Geschichte von Jans Großmutter Grethe erzählt, einem unehelich geborenen Mädchen aus der Innerschweiz. Zwei zunächst voneinander getrennte Welten werden auf diese Weise langsam einander angenähert.

          Der Roman des 1962 in der Schweiz geborenen Autors unterscheidet sich in seinem langsamen, weit ausgreifenden Erzählduktus angenehm von zahlreichen, linear vorgehenden Dreigenerationen-Familienromanen. Dass er eine sehr genaue, bisweilen die Details mikroskopisch ins Auge fassende Sprache wählt, um die verschlungenen Pfade seiner Protagonisten zu entwirren und deren Gedanken und Gefühle zu durchleuchten, macht die Lektüre zu einem erfreulichen Leseerlebnis. Wenn Jan Hansen nach der Entdeckung des Geheimnisses seiner Herkunft und dem Tod seiner Mutter alles in Zahlen umzuwandeln versucht, um in seiner aus den Fugen geratenen Kinderwelt wieder Ordnung herzustellen, meint man den Schmerz des kleinen Jungen zu spüren. Wenn Winter Landschaften wie die Gegend um den Zugersee in der Schweiz oder die Ostsee entlang Usedoms Küste kunstvoll mit Bedeutung auflädt und getrennt voneinander bestehende Gebiete, Gegenstände und Phänomene zu komplexen Verweisungszusammenhängen verwebt, ohne dabei aufdringlich mit symbolischen Zaunpfählen zu winken, wiederholt er im Motivischen des Romans das Verfahren seines Umgangs mit der Chronologie.

          Was "Die Hansens" weiterhin auszeichnet, ist die Art und Weise, wie der Autor zeit- und sozialgeschichtliche Strömungen aus einer Spanne von hundert Jahren so in die Erzählung einfließen lässt, dass sie als klare Untertöne das Verhalten der Figuren mitbestimmen, ohne dabei als programmatisch von einer Erzählinstanz applizierte, nachträgliche Erklärungen oder Kursbestimmungen anzuklingen. Dies ist nicht nur das Ergebnis profunder und genauer Recherchen. Dahinter steckt auch eine besondere Begabung für das angemessene Synthetisieren von persönlichem und kollektivem Erleben. Die Lage der Arbeiter im Berlin der zwanziger Jahre wird in der Schilderung von Albers Hansens Schwester ebenso plastisch wie der opiumdurchtränkte Ennui einer gelangweilten Berliner Baronin in dieser Zeit, deren Geliebter der junge Albers Hansen ist. Und wenn die hypersensible Amalia Lindner in der Schweiz in völliger Nacktheit ein Fenster aufreißt, um ein Lichtbad zu nehmen, ist in einer knappen Szene die ganze Melange aus Spiritismus, lebensreformerischer Sinnsuche und Okkultismus präsent, die um die Jahrhundertwende manch empfänglichen Geist zu verwirren drohte.

          "Die Hansens" zeigen zudem, wie familiäre Muster geradezu schicksalhaft weiterwirken, wie geheime Hypotheken über Generationen weitergereicht werden und dabei nie zwangsläufig, aber immer plausibel scheinen, ohne dabei den Erzähler mit der undankbaren Aufgabe zu betrauen, das Geschehen in küchenpsychologische Deutungsmuster zu gießen. Das Geschilderte zu bewerten, die Muster zu entdecken und von konkreten Szenen und Dialogen zu abstrahieren bleibt den Lesern selbst überlassen.

          "Keine dieser Szenen war erfunden. Wahrheitssplitter, Wirklichkeitsbruchstücke steckten darin. Gelebtes, Gedachtes, Gehörtes mischten sich untrennbar", heißt es, als sich der kleine Jan Hansen in fiktiven Szenarien seinen realen Vater auszumalen versucht. Dass am Ende einige Geheimnisse enthüllt sind und dennoch Lücken klaffen, vieles der Deutung offenbleibt, ist der Finesse André Winters geschuldet, von dem man sich gerne auch in Zukunft wieder etwas erzählen lassen möchte.

          BEATE TRÖGER

          André Winter: "Die Hansens". Roman.

          Bilger Verlag, Zürich 2007. 312 S., geb., 23,- [Euro].

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