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: Diese halbwahre Existenz

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Der erste Rezensent des lang erwarteten neuen Romans von Daniel Kehlmann war Daniel Kehlmann. In einem Interview in der F.A.Z. vom 27. Dezember gab er sein Urteil ab: "Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen." ...

          Der erste Rezensent des lang erwarteten neuen Romans von Daniel Kehlmann war Daniel Kehlmann. In einem Interview in der F.A.Z. vom 27. Dezember gab er sein Urteil ab: "Ich glaube, dass es formal das Avancierteste ist, was ich je gemacht habe. Ich bin damit künstlerisch am weitesten vorangekommen." Dann führt er den Leser durch sein Werk, erklärt Aufbau, Struktur und Grundidee, weist darauf hin, welche Geschichte "wahrscheinlich" die beste des Buches sei, welche "wahrscheinlich" die lustigste und welche dagegen überhaupt nicht komisch. Wenn er schließlich auch noch anmerkt, die eine Passage sei "eine kleine Buñuel-Hommage", und über die andere sagt, "der graue Raymond-Carver-Realismus am Anfang ist zum Beispiel eine kalkulierte Täuschung", denkt man sich, man kann den Autor und Selbstrezensenten eigentlich auch ganz gut mit seinem neuen Buch allein lassen.

          Kann man aber natürlich nicht. Denn so klug der doppelte Kehlmann auch ist, so stolz er die Baupläne seines Buchs lange vor dem Erscheinen vor seinen Lesern ausbreitet, so wenig weiß er natürlich über das Geheimnis seines eigenen Werkes. So wenig weiß er über die Wirkung des Romans "Ruhm" auf die Leser, so wenig über die Lebendigkeit all seiner Prosa-Berechnungen. Und was würde am Ende jede noch so meisterlich kalkulierte Täuschung eines grauen Raymond-Carver-Realismus helfen, wenn beim Lesen davon nur das Graue bliebe?

          Doch Daniel Kehlmann hat gute Gründe, sich seiner künstlerischen Mittel so sicher zu sein. Mit seinen gerade mal 33 Jahren blickt er schon auf so etwas wie ein Werk zurück. Vier Romane, eine Novelle, einen Erzählungs-, einen Essayband und ein Interviewbuch hat er bislang veröffentlicht. Es ist atemberaubend, wie schnell und sicher er sich Schritt für Schritt vorangeschrieben hat, bis es mit seinem letzten Roman, der "Vermessung der Welt", geradezu zu einer Erfolgsexplosion gekommen ist. 1,4 Millionen verkaufte Bücher allein in Deutschland, Übersetzungen in vierzig Sprachen, der größte Erfolg seit Patrick Süskinds "Parfum", und das mit einem Roman über die Wissenschaftler Humboldt und Gauß - eine unglaubliche Geschichte. Aus irgendwelchen Gründen brachte dieser phantastische Erfolg dem Autor kaum Neid und Missgunst und dafür umso mehr Respekt und Bewunderung ein - und sonderbarerweise Sorge. Wie er mit diesem Erfolg umgehen werde, ob ihn der Erwartungsdruck nicht lähme, die Literaturgeschichte sei schließlich voller Autoren, die am lebenslangen erfolglosen Nacheifern eigener Großerfolge zerbrochen seien. Kehlmann nahm diese mütterlichen Nachfragen meist lächelnd zur Kenntnis, erklärte ruhig, er persönlich mache sich da überhaupt keine Sorgen, und das Beste am Bestsellerschreiben sei doch, dass man nach einem Bestseller keinen weiteren mehr schreiben müsse, weil man ja jetzt, für immer aller Geldsorgen ledig, ohne Druck einfach schreiben könne, was man wolle.

          Und als er schon einmal dabei war, im Abwehren all der Sorgen um möglichen Übermut, Kleinmut, um Ruhmsucht und verdrehten Kopf, hat Daniel Kehlmann wohl beschlossen, sein neues Buch einfach "Ruhm" zu nennen, "Ruhm - Ein Roman in neun Geschichten". Der Effekt ist natürlich, dass ihn nun alle fragen, ob er jetzt also endgültig verrückt und größenwahnsinnig geworden sei, und Kehlmann antwortet dann immer: "Leute, das ist IRONIE!"

          Das ironische Ruhmesbuch beginnt mit einem Klingeln. Es klingelt das neue Mobiltelefon des Computertechnikers Ebling, er wollte nie eins haben, er als Techniker vertraue dieser Sache letztlich nicht, aber seine Bekannten nannten seine Unerreichbarkeit schändlich, und also hat er sich endlich auch eins besorgt. Es ist auch nicht so schlimm, denn es klingelt ohnehin fast nie, nur wenn seine Frau ihn zum Gurkenkaufen schicken will oder so. Doch jetzt klingelt es, und es ist nicht seine Frau, sondern eine Fremde, die mit einem Ralf sprechen möchte. Ebling heißt nicht Ralf, also teilt er höflich mit, dass sie sich verwählt haben müsse. Doch das ist nur der Anfang. Eblings Telefon klingelt und klingelt. Fremde Männer fluchen: "Ralf! Was ist, wie läuft es, du blöde Sau?" Es ist offensichtlich: Ebling hat die Nummer eines anderen bekommen, eines Vielangerufenen irgendwo aus der Welt da draußen. Der Kundendienst, bei dem er sich beschwert, erklärt die Sache für ausgeschlossen. "Es ist aber passiert!" Nein, es sei unmöglich, also ist es auch nicht passiert, also kann auch nichts geändert werden.

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