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Neuer Roman von Thomas Kunst : Die Wolfsträume der Rehe

  • -Aktualisiert am

Thomas Kunst Anfang Oktober in Frankfurt Bild: dpa

Rotierendes, evolvierendes, lyrisch-litaneihaftes Erzählen zwischen Groteske, Elegie und postmodern umgebogenem Abenteuer-Stil: Thomas Kunst inszeniert in „Zandschower Klinken“ die Heimkehr eines Verlorenen als Triumph.

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          Zandschow, wie das schon klingt. Wie das Gegenteil von Poesie. Wie ein gezackter Blitz, der vielleicht bloß ein gemalter ist. Wie Sancho in Sancho Panza. Und tatsächlich sind es Gestalten wie der im windschiefen Schatten des in der Tradition erstarrten Aristokraten Don Quijote reitende Gehilfe mit seinem nur scheinbar naiven, der Realität frech ins Auge blickenden Schalk-Mut, die dieses Dorf im Hinterstmecklenburgischen, das sich selbst zum Paradies zu erheben wagt, bevölkern. Teschi, Dettel, Digger, Mimi, zwei Graboschs (einer schleppt einen ererbten Kronleuchter mit sich herum), Pampel, Körperchen, der Erzähler Bengt Claasen: Über sich selbst hinausträumende Zandschow Panzas sind es allesamt, die sich mit Plastikpalmen, Badeschwänen und Ritualen wie dem Übersetzen zur Insel im Feuerlöschteich so etwas wie eine vielleicht bloß gemalte Aussteiger-Utopie geschaffen haben, ein eigenes Sansibar: „Wir haben uns angewöhnt, sowohl die Frauen als auch die Männer, an den Tagen, an denen wir dazu neigen, den Indischen Ozean mit unseren Füßen zu betreten, den Indischen Ozean in Zandschow mit unseren Füßen zu betreten.“ In diesem trotzigen Angewöhnen steckt schon einiges von der Tragik und dem Übermut einer DDR-Gegenkultur, die gegen das graustumpfkalte Reale im Sozialismus anfieberfantasierte, bis sie nach der Wende zu Tode kuriert wurde.

          Den Nukleus dieses Paradieses, das sich leicht mit allen anderen (Schein-)Paradiesen in Afrika, Asien oder Südamerika kurzschließen lässt, aber eben auch eine bierselige, dadaistische Laune darstellt, bildet ganz richtig und ziemlich lustig ein Getränkeladen, geführt von einem ominösen Herrn Wolf. Ob es sich um einen in den merkantilen Schafspelz gewickelten Nachfahren des bösen Wolfs handelt, Markus mit Namen, der hier in einem der vielen Zeitsprünge seinen Auftritt hat, als er 1964 dem sozialistisch gewordenen Sansibar seine Stasi andienerte, bleibt unklar. Zumindest verfügt der „Getränke-Wolf“ über zwei Sklaven. Und er hatte eine große Idee, die nämlich, neue Etiketten für billiges Supermarktpils zu drucken, um exotische, in die Ferne verliebte Biere wie Mongozo Palmnut anbieten zu können. Treffend absurd umkreist der Roman in köstlichen Beschreibungen diesen Dreh- und Angelpunkt des Dorfes, der so auch für die Leser allmählich zum Mittelpunkt der Welt wird.

          Verteidigt gegen Städter

          Es ist ein rotierendes, evolvierendes, lyrisch-litaneihaftes Erzählen zwischen Groteske, Elegie und postmodern umgebogenem Abenteuer-Stil, das der Autor und Dichter Thomas Kunst hier auf die Spitze treibt, sprachlich eine lockere Zwangsehe von Sarah Kirsch und Stephan Remmler, poetologisch bei der Hand genommen von den Paten Bernard Malamud und Andreas Okopenko. Mit seinen endlos scheinenden Wiederholungen – viele Passagen liest man kaum variiert ein Dutzend Mal – schmiegt sich der Ton dieser mal zärtlichen, mal aufstampfend politischen Selbstermächtigungsposse (die angestrebte „Dynastie der Fehlbarkeit“ ist durchaus eine Abrechnung mit dem sozialistischen Imperativ: „Die Idee von der Auslöschung des Einzelnen ist mehr wert als die Bewunderung der ganzen Welt“) dem von der Hypernervosität innovationsversessener Zentren verschonten Rhythmus einer provinziellen Not-, Brot- und Bettgemeinschaft an. Es findet auf allen Dörfern eben jedes Jahr ein Schützenfest statt, auf dem feste Rituale gepflegt und exakt dieselben Anekdoten erzählt werden. Hier ist es, frech ins Kosmopolitische verschoben, das Darajani-Fest. Just darin eine bewohnbare Utopie zu erblicken, die Rettung für einen an der Seele Versehrten, hat enormen Reiz.

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