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: Die Woge wogt, es wallt die Quelle

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Hatte Hermann Hesse Humor? Wohl kaum. Man kennt ihn als gemütskranken Idealisten, dem Weltschmerz ergeben. Wie hat doch Ninon Hesse einmal über ihren Mann gesagt? "Er liebt das Leid, und er braucht es, und er holt es sich von überall her." Nachschubprobleme gab es nicht.So wurde Hermann Hesse ...

          Hatte Hermann Hesse Humor? Wohl kaum. Man kennt ihn als gemütskranken Idealisten, dem Weltschmerz ergeben. Wie hat doch Ninon Hesse einmal über ihren Mann gesagt? "Er liebt das Leid, und er braucht es, und er holt es sich von überall her." Nachschubprobleme gab es nicht.

          So wurde Hermann Hesse auf der ganzen Welt bekannt und verehrt, gefeiert und auch verhöhnt als Poet des gehobenen Weltschmerzes. Die Gesamtauflage seiner Werke beträgt heute mehr als 120 Millionen Exemplare, davon entfallen etwa 25 Millionen auf den deutschen Sprachraum. Seine Bücher, von den ersten, 1899 erschienenen "Romantischen Liedern" bis zu seinem letzten Roman "Das Glasperlenspiel" (1943), wurden in beinahe sechzig Sprachen übersetzt. Kein zweiter deutschsprachiger Autor des zwanzigsten Jahrhunderts kann einen ähnlichen Erfolg aufweisen.

          Generationen jugendlicher Leser haben mit Hesse gefragt, gesucht, gelitten. Die Hesse-Soziologie, auch das gibt es, weiß, daß viele Leser im Alter wieder zu der Lektüre ihrer Jugend greifen: So lesen vor allem Schüler und Rentner Hesse und suchen mit ihm den Sinn des Lebens. Hesse ist der Dichter der spirituellen Erlösungssehnsucht und der poetischen Lebenshilfe, der Dichter der idealistischen Identitätsrecherche und der leidvollen Selbstverwirklichung. Aber kann man mit Hesse lachen?

          In einem seiner bekanntesten Bücher, dem Bildungsroman "Narziß und Goldmund", gibt es auf 270 Seiten nur eine einzige halbwegs komische Stelle, blitzt nur ein einziges Mal etwas wie Humor und Wortwitz auf. Als Goldmund, der die Kunst, nicht den Geist, das Gefühl, nicht den Intellekt verkörpert, auf seinen ziellosen Wanderungen auf den Landstreicher Viktor trifft, stellt sich dieser als Verfasser einer Dissertation über die "Metaphysik der Leberwurst" vor. Ein Scherz. Wer hätte das gedacht? Aber Viktor muß sein loses Mundwerk büßen, denn Hesse läßt den Spaßvogel von Goldmunds Hand sterben.

          Lacht Harry Haller, der Steppenwolf, lacht Siddharta? Bei Hesse ist alles würdevolles Leid und verzweifelte Suche. "Kein Mensch kennt den andern, / Jeder ist allein" heißt es in "Im Nebel", einem seiner bekanntesten Gedichte. "Leben ist Einsamsein" - was sollte es da auch zu lachen geben? Das Leben ist eine dunkle Wallfahrt, und Wallfahrer machen keine Scherze. Oder vielleicht doch?

          Die Woge wogt, es wallt die Quelle,

          Es wallt die Qualle in der Welle,

          Wir aber wallen durch die Welt,

          Weil nur das Wallen uns gefällt.

          Wir tuns nicht, weil wir wallen sollen,

          Wir tun es, weil wir wallen wollen.

          Wer nur der Tugend willen wallt,

          Kennt nicht des Wallens Allgewalt.

          Sie wallt und waltet über allen,

          Die nur des Wallens willen wallen.

          Das klingt, als wäre es vom Wallen zum Lallen nur ein winziger Schritt. Das klingt, als habe Robert Gernhardt - Goethes "Zauberlehrling" im Sinn (Walle! walle / Manche Strecke,) - ein Spottlied auf Hesse verfaßt. Aber hier spottet nicht die "Neue Frankfurter Schule", sondern hier spricht, man glaubt es kaum, Hermann Hesse selbst. Das "Wallfahrer-Lied. Von Vögeln gesungen" stammt aus dem Nachlaß und ist, wenn man so will, das klandestine Gegenstück zu dem Gedicht "Der Pilger", das in bekannter Hesse-Manier anhebt: "Immer war ich auf der Fahrt / Immer Pilgersmann / Wenig hab ich mir bewahrt, / Glück und Weh zerrann." Das ist Hesse, wie ihn seine Leser seit hundert Jahren kennen und wie er seit fast ebenso langer Zeit von seinen Gegnern bekämpft und verabschiedet wird - ebenso erbittert wie erfolglos.

          Mit Hesse sei kein Blumentopf mehr zu gewinnen, konstatierte Rudolf Walter Leonhardt im Jahr 1962 in der "Zeit". Das Urteil erfolgte, nicht besonders pietätvoll, im Nachruf auf den Dichter. Fünf Jahre zuvor hatte Karlheinz Deschner seinen legendären Kitschvorwurf erhoben, im Jahr darauf hatte der "Spiegel" mit einer Titelgeschichte Hesse und seine Leser für alle Zeiten in der "Gartenlaube" einkerkern wollen. Hatte nicht schon Gottfried Benn 1946 das endgültige Urteil gesprochen? "Ein kleiner Mann. Deutsche Innerlichkeit." Da hatte der schwäbische Missionarssohn gerade auf Vorschlag seines Freundes Thomas Mann den Nobelpreis bekommen.

          Keine zwanzig Jahre später glaubten viele, mit Hesses Werk sei es nach dem Tod des Autors endgültig aus und vorbei. Ein Irrtum. Timothy Leary und die amerikanischen Blumenkinder jagten mit dem "Steppenwolf" durch Pop und Protestbewegung, "Siddharta" wurde in zwölf indische Dialekte übersetzt, und nach Japan und Korea entdeckte seit den späten achtziger Jahren auch die Volksrepublik China den Pietistensprößling. So entstand, betrieben von Siegfried Unseld und gestützt auf internationale Nachfrage, die Hesse-Industrie, ein blühendes Familienunternehmen: Es gibt drei Söhne und ein gutes Dutzend Enkel. Literarische Ambitionen der Nachkommen sind nicht bekannt. Rudolf Walter Leonhardt aber irrte sich gewaltig: Mit keinem anderen Autor hat der Suhrkamp Verlag mehr Blumentöpfe gewonnen als mit Hermann Hesse, dem Pilger aus Calw, der manchmal nur um des Wallens willen wallte.

          Beide, der Schmerzenspilger wie der Quallenfreund, finden sich jetzt in der nach vierjähriger Arbeit abgeschlossenen Ausgabe sämtlicher Werke. Zwanzig Bände mit vierzehntausend Seiten nehmen nun das Werk eines Autors auf, den alle Welt zu kennen glaubt, über den alles gesagt scheint. Seit seinem achtzigsten Geburtstag im Jahr 1957 liegen Hesses "Gesammelte Schriften" in sieben Bänden im Suhrkamp Verlag vor. Später kam die zwölfbändige Taschenbuchausgabe hinzu, mit immerhin weit mehr als sechstausend Seiten. War das nicht Hesse genug?

          Offenbar nicht. Zum einen war die Gesamtausgabe fast schon eine Ehrenpflicht des Verlags gegenüber seinem ökonomisch wichtigsten Autor. Welche Entwicklungsmöglichkeiten hätte der Suhrkamp Verlag ohne Hesse gehabt, ohne die mit seinen Büchern erzielten ungeheuren Umsätze? Und andersherum gefragt: Welche Bedeutung hätte Hesse heute noch ohne das verlegerische Genie Siegfried Unselds? Beide Fragen sind nicht zu beantworten. Vermutlich war Unseld, der auf Empfehlung Hesses zu Peter Suhrkamp kam, dem Dichter sein Leben lang dankbar. Sicher hingegen weiß man, daß diese Dankbarkeit dem Suhrkamp Verlag bestens bekommen ist.

          Unermüdlich erfand Unseld neue Vermarktungsformen. Allein das Bändchen "Hesse für Minuten" verkaufte sich in 1,3 Millionen Exemplaren. Bis heute liegen mehr als zweihundert verschiedene Taschenbücher mit Texten Hesses vor. Da war die Gesamtausgabe unausweichlich, denn hier feiert die Hesse-Industrie mit dem Autor nicht zuletzt sich selbst. Der Herausgeber und Lektor Volker Michels, seit Jahrzehnten eine Art Stellvertreter Hesses in der Frankfurter Lindenstraße und auch überall sonst auf Erden, verweist gern darauf, daß siebentausend Seiten "bislang in keiner geschlossenen Ausgabe aufgenommen waren". Die gewundene Formulierung bedeutet, daß der größte Teil dieser siebentausend Seiten bereits gedruckt vorlag, nur eben nicht als Teil einer Werkausgabe.

          Aber die Gesamtausgabe bietet auch unveröffentlichte Texte Hesses: Dazu zählen die meist nach den Handschriften gedruckten Jugendschriften, der kurze Roman "Der Dichter. Ein Buch der Sehnsucht", fünfzehn Märchen und Legenden aus dem Nachlaß, Übersetzungsarbeiten und vier bisher unbekannte Opernlibretti. Zu den 580 von Hesse selbst überlieferten Gedichten kommen nun 340 Gedichte aus dem Nachlaß, darunter Gelegenheitslyrik und Scherzgedichte wie das "Wallfahrer-Lied". Teile der Tagebücher erscheinen hier erstmals transkribiert, Hesses politische Schriften werden ebenso wie seine Feuilletons ausführlicher vorgestellt als zuvor.

          Die letzten fünf Bände, also immerhin ein Viertel der Ausgabe, sind dem Rezensenten Hesse vorbehalten: 3365 Bücher von 1428 Autoren hat Hesse zwischen 1900 und 1960 in den verschiedensten deutschsprachigen Zeitungen dargestellt und gewürdigt. Ein Kritiker wollte Hesse jedoch nie sein: "Das Positive zu sehen und zu betonen", so umreißt er sein Credo 1934, "schien mir immer die Hauptaufgabe dessen, der zwischen Lesern und Büchern vermittelt. Darum habe ich auch nur ganz wenige Male in meinem Leben öffentlich getadelt. Ist nichts zu loben, schweige ich."

          Es gab erstaunlich viel zu loben. Aber muß die Welt heute wirklich wissen, daß Hesse 1933 Georg von der Vrings Novellen am Ende einer gerade einmal zwölfzeiligen Besprechung "auch den Volksbibliotheken" zur Anschaffung empfahl? Wen muß heute noch interessieren, was Hesse von den Werken längst vergessener Autoren wie Gustav Waldt, Ernst Claes oder Georg Elert hielt? Vollständigkeit ist hier nicht Pflicht, sondern Unfug. Wohin wird das führen, wenn die Briefausgabe erscheint? Seit Jahrzehnten forscht Volker Michels gemeinsam mit Hesses ältestem Sohn Heiner in der ganzen Welt nach Hesse-Briefen. Die Ausbeute ist gewaltig: Fünfunddreißigtausend Briefe an den Dichter und siebzehntausend Briefe von seiner Hand sind bislang bekannt, und die Suche geht dem Vernehmen nach weiter. Wird es da bei den angekündigten zehn Bänden bleiben können?

          Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Die neue Hesse-Gesamtausgabe ist ein Kraftakt und eine schöne Geste gegenüber einem Autor, dem der Verlag unendlich viel verdankt. Man liest mit Respekt, wie Hesse in einer Rezension vom 16. September 1934 in der Baseler "National-Zeitung" das Engagement des Schocken Verlages für eine "volkstümlich jüdisch-deutsche Bibliothek für unsere Zeit" würdigt. Die Reihe habe "in der Stunde der schwersten Heimsuchung für die deutschen Juden, ihren Anfang genommen mit der ,Tröstung Israels' aus dem Propheten Jesaja". Der letzte Satz der Besprechung lautet: "Die tapfere Bücherei Schocken verdient Bewunderung."

          Man ist erstaunt angesichts des enormen Lesepensums, das sich Hesse auferlegt hat. Er absolviert das selbstgewählte Rezensentenamt pflichtschuldig, gewissenhaft und ohne jeden literarischen Ehrgeiz: Hesse ist nicht Alfred Polgar. Aber imponierend bleibt doch, wie Hesse noch im hohen Alter neugierig die neuesten Autoren liest, uneitel und alles andere als borniert. Er liest und bespricht kreuz und quer: Heinse und Rilke, Balzac und Thoreau, Samuel Butler und Lion Feuchtwanger, James Boswells "Londoner Tagebuch 1762 - 1763" und Salingers "Fänger im Roggen", ein Buch, dessen Welt ihm denkbar fremd ist und dem er gleichwohl höchstes Lob zollt: "In einer problematischen Welt und Zeit kann Dichtung nichts Höheres erreichen." Für Paul Celans Gedichtband "Mohn und Gedächtnis" schreibt er 1953 einige empfehlende Sätze, und über die Erzählung "Leviathan" des jungen Arno Schmidt äußert er sich mit größtem Respekt: "Der Weltkatzenjammer ist nicht mehr um Ausdrucksmittel verlegen. Aber hier ist es nun ein wirklicher Dichter, der seinen Ekel uns ins Gesicht spuckt."

          Hesse hat seinen Weltekel nie herausgespuckt. Er hat eine poetische Angelegenheit daraus gemacht: Schönheit, Trost und Wahrheit sollen seiner Überzeugung nach aus der Literatur sprechen - im Zweifelsfall lieber Trost als Wahrheit. Dafür wird Hesse seit einem Jahrhundert "teils ausgelacht, teils angespuckt, teils den sentimentalen Leserkreisen überlassen", wie er selbst in einem Brief schrieb. Die Gesamtausgabe bietet seinen Gegnern wie seinen Verteidigern reichlich Material für ihre Argumentation, fügt aber dem Bild Hesses nichts Wesentliches hinzu. Außer einer Kleinigkeit: Daß Hesse, der eine Analyse bei C. G. Jung absolvierte, Spottverse über den Schmerzenspilger und die Psychotherapie verfaßt hat, muß denn doch überraschen: "Der Hummer liebte die Languste, / Was aber unerwidert blieb, / Die Liebe sank ins Unbewußte / Und wurde dort zum Todestrieb." Hermann Hesse hatte Humor. Wer hätte das gedacht.

          Hermann Hesse: "Sämtliche Werke". Hrsg. von Volker Michels. Zwanzig Bände und ein Registerband. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001 - 2005. Zusammen etwa 14 000 S., geb., 780,- [Euro]. Subskriptionspreis bis Herbst 2006: 721,80 [Euro]. Die Bände sind auch einzeln erhältlich.

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