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: Die Verschiebung der Welt

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Gerhard Mercator, geboren 1512 in Rupelmonde bei Antwerpen, gestorben 1594 in Duisburg, war der vielleicht bedeutendste Kartograph seiner Zeit. Zwei Innovationen verbinden sich mit seinem Namen. Zum einen war er der erste, der einer seiner Kartensammlungen den bis heute kanonischen Namen "Atlas" ...

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          Gerhard Mercator, geboren 1512 in Rupelmonde bei Antwerpen, gestorben 1594 in Duisburg, war der vielleicht bedeutendste Kartograph seiner Zeit. Zwei Innovationen verbinden sich mit seinem Namen. Zum einen war er der erste, der einer seiner Kartensammlungen den bis heute kanonischen Namen "Atlas" gab, und zum zweiten ist er der Erfinder der nach ihm benannten Mercator-Projektion, einer Zylinderprojektion, die es erstmals ermöglichte, die Kugelgestalt der Erde winkelgetreu auf einer planen Karte abzubilden.

          Dem "Leben und Werk" Mercators wendet sich der niederländische Autor John Vermeulen, der bereits Romanbiographien über Pieter Bruegel und Hieronymus Bosch verfaßt hat, in seinem jüngsten Roman zu. Im Vorwort schreibt er, ihn interessiere "der Mensch hinter dem brillanten Wissenschaftler", und es ist ein sehr unheldischer Mercator, den Vermeulen zum Leben erweckt. Die Diskrepanz zwischen brillantem Wissenschaftler und gehemmtem Alltagsmenschen wird in voller Weise entfaltet, und so ist es nicht zuletzt eine regelrechte Ehehölle aus Verdächtigungen, Beschimpfungen und Mißachtung, die den wachsenden Ruhm des Kartographen konterkariert. Gelehrtenexistenz und bodenständig-derbes Handwerkertum erweisen sich als ebenso unvereinbar wie der Impetus freien Forschens und die beharrliche Sorge um das Haushaltsgeld, wobei sich Barbara Schellekens von einer zungenfertigen Emanze avant la lettre zu einer verbitterten Megäre wandelt. Daß die Beziehung allerdings jahrzehntelang durch einen vermeintlichen Kindesmißbrauch Mercators vergiftet worden sein soll, wie er erst kurz vor Barbaras Tod erfährt, gehört eher zu den Zumutungen an den Leser.

          Der innovative Denker droht manchmal hinter den Alltagsszenen verlorenzugehen. Ganz will man dem häufig kindischen, zaudernden Mercator die berühmten Erfindungen nicht zutrauen, die er im Roman vorführen darf, doch gelingt es Vermeulen schön, die Diskrepanz von imaginativer Weitsicht und äußerer Einschränkung charakterlich zu begründen. Der Denker, der mit seinen Karten und seiner weitläufigen Korrespondenz die ganze Welt zu umspannen versucht, zeigt sich nämlich denkbar uninteressiert daran, selbige auch mit eigenen Augen kennenzulernen: "Mir genügen die Geschichten, die mir zu Ohren kommen. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn die Wirklichkeit weit weniger schön wäre als das, was mir meine Einbildung vorgaukelt." Mercators berühmtester Erfindung bleibt zu seinen Lebzeiten die Anerkennung verwehrt. Ausführlich schildert Vermeulen, wie in Mercator die Idee einer zylindrischen Projektion der Erde erwächst, welche Schwierigkeiten sich bei der Umsetzung ergeben und wie er sich bis ins hohe Alter hinein bemüht, seiner innovativen Karte zum Durchbruch zu verhelfen. Seine Praxisferne büßt Mercator in Diskussionen mit der Admiralität, der er die nautischen Vorteile seines Kartenmodells nahezulegen versucht, während den Kapitänen nur die Proportionsverschiebungen zu den Polen hin ins Auge fallen, die der Preis für die winkelgetreue Abbildung sind: "Das Tollste ist freilich, daß die Welt nach Norden hin immer größer wird. Man könnte schwören, die Erde wölbte sich nach innen und nicht nach außen."

          Sprachlich ist der Roman eher aus grobem Holz geschnitzt. Da werden "Spuckebatzen" gespien und ziehen sich Eingeweide zusammen, da wird der "Allerwerteste" gewärmt und wird "tüchtig geschimpft", zudem ist, warum auch immer, das Kichern eine der Hauptbeschäftigungen der Romanfiguren. Überdies hat man es mit einem durchgehend "naiv" erzählten historischen Roman zu tun.

          Allerdings bleibt Vermeulen zugute zu halten, daß er das Skandalpotential der Epoche nicht übermäßig reißerisch in Szene gesetzt hat, und so fügen sich neuzeitliche Wissenschaft, Reformation, Inquisition und niederländisches Unabhängigkeitsstreben zu einem plastischen Panorama, vor dem die Romanfiguren ihr Leben bestreiten. Wenngleich manche Szenen und Auftritte allzu arrangiert wirken, man das Bemühen des Autors erkennt, epochal Bedeutsames einzufangen, versteht er es doch, ein turbulentes Jahrhundert lebendig werden zu lassen und ein auf den ersten Blick sprödes Thema wetterleuchtend in Szene zu setzen.

          THOMAS MEISSNER

          John Vermeulen: "Zwischen Gott und der See". Roman über das Leben und Werk des Gerhard Mercator. Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers. Diogenes Verlag, Zürich 2005. 688 S., geb., 22,90 [Euro].

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