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„Die Vegetarierin“ rebelliert : Das grausame Gesetz des Fleisches

Die südkoreanische Schriftstellerin Han Kang Bild: Baek Dahum

Dies ist die literarische Entdeckung des Jahres: „Die Vegetarierin“ heißt der Roman der aus Südkorea stammenden Schriftstellerin Han Kang. Er lässt den Leser völlig aufgewühlt und zugleich tief beeindruckt zurück.

          6 Min.

          Es gibt, wenn man einen Roman zu lesen beginnt, über den man nichts weiß und von dessen Autorin man noch nie gehört hat, sehr selten dieses Gefühl, dass mit einem Mal alles auf dem Spiel steht. Es ist wie eine dunkle und zugleich schöne Ahnung: Man muss nur ein paar Sätze lesen, und schon glaubt man zu wissen, dass man nicht mehr dieselbe sein wird, wenn dieses Buch zu Ende ist.

          Julia Encke

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          „Die Vegetarierin“, der Roman der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang, ist so ein Buch. Man schlägt es auf und ist weg, mittendrin in einer Welt, die auch deshalb so anziehend erscheint, weil sie unheimlich wirkt, weil man sofort spürt, dass hier vermutlich überhaupt nichts in Ordnung ist. Ein Mann erzählt, ein Ehemann: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar“, sagt er. „Um ehrlich zu sein, fand ich sie bei unserer ersten Begegnung nicht einmal attraktiv. Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wangenknochen. So fühlte ich mich weder von ihr angezogen noch abgestoßen und sah daher keinen Grund, sie nicht zu heiraten. Ihr Mangel an Ausstrahlung, ihr fehlender Esprit und Charme, kam mir im Grunde genommen sehr gelegen. Auf diese Weise brauchte ich keine intellektuellen Hochleistungen zu vollbringen, um sie für mich zu gewinnen.“

          Wer ist die Frau, die hier aufbegehrt?

          Man mag ihn gleich nicht, diesen Mann, dessen Worte so beiläufig daherkommen und doch wie eine Drohung klingen. Aber wer ist die Frau, die hier aufbegehrt? Die von einem Tag auf den anderen beschließt, kein Fleisch mehr zu essen? Und was sind die Konsequenzen?

          Han Kang ist in Südkorea eine der bekanntesten Schriftstellerinnen, spätestens seit diesem Roman, der in Seoul schon 2007 erschien, zum Bestseller wurde, über Umwege nun die Welt für sich gewinnt und der im Mai in England sogar mit dem internationalen Man Booker Prize ausgezeichnet wurde. Geboren wurde sie in Gwangju, jener Stadt, in der im Jahr 1980 Studenten, Arbeiter und Bürger gegen die damals in Südkorea herrschende Militärdiktatur rebellierten, auf Demokratie hofften und vom Militär mit 20.000 Soldaten und Panzern tagelang niedergemetzelt wurden. Vier Monate vor dem Massaker, da war Han Kang neun Jahre alt, zog ihre Familie nach Seoul, durch Zufall, ohne zu ahnen, was kommen sollte. Ein Schuldgefühl, überlebt zu haben, wurden sie seitdem nicht los.

          Als Han Kang zwölf war, fuhr ihr Vater nach Gwangju zurück und brachte einen Fotoband mit, der von dem Massaker Zeugnis ablegte. Die Erwachsenen versteckten ihn im Bücherschrank, das Mädchen aber fand ihn und schlug ihn auf, ohne auf das, was er enthielt, vorbereitet zu sein. Die Bilder des Blutbads, aber auch die Fotografie einer endlosen Schlange bereitwilliger Blutspender vor einem Krankenhaus sind ihr seither im Gedächtnis geblieben und beides - Gewalt und Würde - zu Hauptthemen ihres Schreibens geworden. „Human Act“ heißt ihr bisher nur ins Englische übersetzte Roman über das Massaker in Gwangju, der ein Roman über Südkorea ist.

          Han Kang: „Die Vegetarierin“
          Han Kang: „Die Vegetarierin“ : Bild: Aufbau Verlag

          Und genau das erwartet man auch, wenn man „Die Vegetarierin“ aufschlägt: einen Südkorea-Roman. Irgendwie hat man gleich die fleischversessene koreanische Küche vor Augen und wird darin ja auch bestätigt, wenn der Ehemann die Frau nachts im Dunkeln vor dem Kühlschrank findet, während er etwas Weiches unter seiner Fußsohle spürt. Sie sitzt im Nachthemd auf dem Boden, die Haare hängen ihr wirr ins Gesicht. Um sie herum ist der Fußboden bedeckt von schwarzen und weißen Gefrierbeuteln, die sie Stück für Stück in einen großen Müllbeutel wirft: „Fonduefleisch, Schweinebauch, zwei Packungen Rinderfilets, Tintenfisch, Aal, gepökelten Trockenfisch; Teigtaschen“. Was man offenbar alles so im Gefrierfach hat in Korea.

          Sojapaste mit Kimchi und Algensuppe

          Der Mann versteht die Welt nicht mehr. Die ganze Familie, allen voran der Schwiegervater, liebt doch Tatar. Die Schwiegermutter bereitet Sashimi aus lebenden Fischen zu, ihre Töchter tranchieren Hühnchen mit großen Fleischmessern. Nun gibt es Bataviasalat, Sojapaste mit Kimchi und Algensuppe. Man glaubt kurz, sich in einer Gesellschaftssatire zu befinden, weil in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, der Vegetarismus als subversiver Akt gilt. Man merkt schnell, dass das aber nicht der Punkt ist, dass sich ein Abgrund auftut, der überhaupt nichts spezifisch Koreanisches hat, sondern überall dort zu finden ist, wo Menschen sich Freiheiten nehmen. Freiheiten, die ihre Umgebung ihnen nicht zugestehen und sie stattdessen wieder zur sogenannten Vernunft bringen will - wenn es gar nicht anders geht, mit Gewalt. „Die Vegetarierin“ erzählt nicht bloß von einem subversiven Akt. Der Roman erzählt von der Subversion schlechthin.

          „Ich hatte einen Traum“, sagt die Frau als Erklärung für ihren Verzicht. Es sind Träume von unendlichen Reihen blutigen Fleischs, dem sie rennend entkommt, durch das Tal in den Wald hinein. „Du riechst nach Fleisch“, sagt sie zu ihrem Mann und wendet sich ab. „Es dringt dir aus jeder Pore.“ Bald aber isst sie nicht nur kein Fleisch mehr, sondern kaum noch etwas. Sie nimmt dramatisch ab, spricht nur noch selten. Die Familie eilt zu Hilfe, mit Stäbchen und Schweinefleisch im Gepäck. Der Vater hat einen stämmigen Körper. Er hält der Tochter das Fleisch vors Gesicht. „Iss! Gehorche deinem Vater und iss!“ Sie weigert sich weiter, er befiehlt den anderen, ihm zu helfen, das Fleisch in sie hineinzustopfen. Die Dinge geraten außer Kontrolle.

          Han Kang, zuhause in Gwancheon
          Han Kang, zuhause in Gwancheon : Bild: JEAN CHUNG/The New York Times/Re

          Und spätestens in diesem Moment, wenn der strafende Vater die Bühne betritt, der Vietnamkriegsveteran und Tatar-Liebhaber, der im Buch so etwas wie das Prinzip des Fleischs repräsentiert, das nichts anderes ist als das Prinzip der Gewalt, kann man gar nicht anders, als an Franz Kafka zu denken. Was nicht heißt, dass Han Kangs Roman kafkaesk wäre in der Weise, wie alles, das undurchdringlich und rätselhaft erscheint, immerzu und überall als kafkaesk bezeichnet wird. Han Kang klingt auch überhaupt nicht wie Kafka.

          Aber es gibt diese Erzählung von Kafka, „Der Hungerkünstler“, in der in einem Gitterkäfig ein Hungerkünstler als Attraktion zur Schau gestellt wird und die Leute sich um ihn drängen. Für den Hungerkünstler ist das andauernde Hungern „die leichteste Sache von der Welt“. Er leidet darunter, dass er nach vierzig Tagen das Hungern beenden und zum Essen gehen soll, „das ihm schon allein in der Vorstellung Übelkeiten verursacht“. Die Zeiten ändern sich, der Hungerkünstler kommt aus der Mode. In einem Zirkuskäfig hungert er weiter, von Zuschauern kaum noch bemerkt. Bevor er stirbt, nennt er den Grund seines Hungerns. „Weil ich hungern muss, ich kann nicht anders“, sagt er, „weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt.“

          Sie denkt, sie sei eine Pflanze

          Bei Kafka ist die Essensverweigerung der Versuch einer verzweifelten Selbstbehauptung, die, wenn man den berühmten „Brief an den Vater“ kennt, auch hier mit dem Gesetz des Vaters zu tun hat, den Zwängen bei Tisch, dem Essenlernen nicht als Erziehung zur Freiheit, sondern als Vertreibung aus dem Paradies. Kafka setzt dem Phantasien der Selbstvernichtung entgegen. Und Han Kang tut dies auch und geht doch in einer völlig überraschenden Weise darüber hinaus, indem sie die Frau, Yong-Hye heißt sie, glauben lässt, sie sei eine Pflanze. In der Öffentlichkeit beginnt sie, ihr Oberteil auszuziehen, ihr Gesicht und ihre nackten Brüste der Sonne entgegenzustrecken wie ein Lebewesen, das die Photosynthese braucht. Irgendwann meint sie, nichts als Sonne und Wasser zu benötigen. Bewegungslos stellt sie sich zwischen zwei Bäume.

          Und sie findet jemanden, der ihre Phantasie teilt, jedenfalls für einen kurzen Augenblick der Erfüllung. Es ist der Mann ihrer Schwester, derjenige, der sie von der Zwangsernährungssituation mit der Familie schließlich ins Krankenhaus getragen hat. Er ist Videokünstler und von heftigen erotischen Phantasien umgetrieben, seitdem er von ihrem Mongolenfleck erfahren hat, einer Pigmentierung, die sie seit dem Babyalter auf dem Gesäß hat, die sich bis zum Erwachsenenalter eigentlich verliert, bei ihr aber geblieben ist. Der Schwager will ihren Körper bemalen, will ihn, rund um diesen Mongolenfleck herum, mit leicht geöffneten purpurfarbenen und roten Knospen bedecken, mit Blumenkelchen, die den Blick auf leuchtend gelbe Blütenstempel freigeben. Sie sieht darin die Gelegenheit, sich tatsächlich in eine Pflanze zu verwandeln, und willigt ein. Der Schwager will noch etwas anderes - und schon hat Han Kang den nächsten, der ausschert, um sich jenseits der Norm zu bewegen, das Gesetz des Vaters zu brechen. Er setzt alles aufs Spiel.

          Man ist ununterbrochen alarmiert

          Han Kang schreibt all dies in Sätzen, die unaufgeregt daherkommen, lapidar und gleichmütig, und die man zugleich als unerhörte Provokation empfindet, weil in jedem Satz die Angst mitschwingt, schon der nächste könne in Gewalt umschlagen. In ständiger Habachtstellung liest man dieses Buch, ununterbrochen alarmiert, in jedem Augenblick aufs Äußerste gefasst. Es ist eine Sprache, die man nur bewundern kann: eine ganz und gar ruhige Oberfläche, die einen extrem bewegt.

          Es gibt gegen Ende eine Szene, in der Yong-Hyes Schwester sich daran erinnert, wie sie und ihre Schwester sich als Kinder einmal auf einem Hügel verlaufen hatten. „Lass uns einfach nicht zurück nach Hause gehen“, sagte damals Yong-Hye, die neun Jahre alt war. Aber die ältere Schwester verstand den Sinn dieser Bemerkung nicht. „Was soll das heißen? Es wird bald dunkel. Wir müssen den Weg finden.“ Erst viel später begreift sie, was die Jüngere gemeint hatte. Die Schläge des Vaters trafen hauptsächlich Yong-Hye. Was ihr Bruder einstecken musste, konnte er an seinen Freunden auslassen. Sie selbst kümmerte sich als Ältere anstelle ihrer erschöpften Mutter darum, dem Vater nach seinen Saufgelagen Suppen zu kochen. Deshalb verschonte er sie.

          Wäre alles anders gekommen, wenn sie damals nicht nach Hause gegangen wären? Wenn sie sich als Kinder schon die Freiheit genommen hätten, sich dem Gesetz des Vaters zu entziehen? Han Kang stellt diese Frage in ihrer ganzen Radikalität. Denn was in ihrer Kindheit das Nicht-nach-Hause-Gehen war, ist später das Verlangen, nicht mehr am Leben bleiben zu wollen. Haben wir nicht das Recht und die Freiheit, uns das Leben zu nehmen? Oder uns in Pflanzen zu verwandeln, wenn es uns lebend nicht gelingt, dem Gesetz des Fleisches zu entkommen? Völlig aufgewühlt und zugleich tief beeindruckt lässt Han Kang einen mit diesen Fragen am Ende zurück. „Die Vegetarierin“ ist ein Meisterwerk.

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