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: Die urologische Beunruhigung

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Das ist dann wohl der große deutsche Männerroman: drei Westmänner, zwei Ostfrauen, ein Wort. Oder besser: tausend Worte über Männerkrisen im Gefolge einer "urologischen Beunruhigung", über Wandlung, Wiedergeburt und die "unabweisbare Einsicht, dass das Leben keine Erektion ist". Max, Paul und Albert sind ...

          Das ist dann wohl der große deutsche Männerroman: drei Westmänner, zwei Ostfrauen, ein Wort. Oder besser: tausend Worte über Männerkrisen im Gefolge einer "urologischen Beunruhigung", über Wandlung, Wiedergeburt und die "unabweisbare Einsicht, dass das Leben keine Erektion ist". Max, Paul und Albert sind Cousins, quasi seit Kindesbeinen Männerfreunde und noch im mittleren Alter in Berlin unzertrennlich, ein Intellektuellentrio aus Bielefeld, Söhne ostpreußisch-pietistischer Flüchtlinge, Kenner von Luhmann und Blumenberg, meinungsfreudig, wortgewaltig, politisch wach, aber als "gebildete Feinde der Urbanität" auch Sex, Landluft, Kneipendiskussionen und anderen Wonnen der Gewöhnlichkeit nie abgeneigt.

          Albert, der Erzähler, hält sich als Alter Ego des Autors im Hintergrund. Dafür drängt sich Max Koriath, Besitzer eines florierenden Fitnessstudios und eines Büros für Neuromarketing, umso mehr nach vorn. Sein Vater war dröhnender Prediger und Posaunist der Pietistengemeinde; der kleine große Max verwirklicht sich eher blasphemisch im Diesseits, in Pointenjägerei, smartem Zynismus, geschlechtlicher und verbalerotischer Potenz. Nach einer Hodenkrebsdiagnose wird der Lautsprecher leiser; nach seiner Teilentmannung - Max nennt die Dinge gern beim Namen: "inguinale Semikastratio" - in der Charité büßt er sogar seinen "Tumorhumor" ein. Je mehr Max in sich geht, desto mehr geht der leicht impotente und gehemmte Paul aus sich heraus. Was der eine verliert, gewinnt der andere: Geschäftstüchtigkeit, Weltgewandtheit und Yvonne. Die schnippisch-spröde Ostberlinerin verachtet Moden, Konsum und Kapitalismus und will nur Max retten; aber der lässt sich nicht helfen und will lieber "das Karzinom totquatschen".

          Anders die sanfte Almuth, auch eine Koriath-Cousine. Sie war fünfundzwanzig Jahre lang Pauls Schutzengel und Madonna, und als sie spürt, dass es ihren Geliebten zu Yvonne zieht, gibt sie ihn klaglos frei und wird durch einen Unfall unter die Heiligen entrückt. Schuld an ihrem Tod war ihre Schwester Judith, eine ehrgeizige, zickige "Ostschlampe", die sich nach der Wende zur blasierten Medientheoretikerin fortbildet und als verlebtes Wrack endet. So wird die Geschichte der Tanskis und Koriaths über sechzig Jahre hinweg aufgefächert und mit allen Duftnoten der Nachkriegsgeschichte getrüffelt, von der Flucht 1945 bis zur Fußball-WM 1974, vom 17. Juni 1953 bis zum 11. September 2001. Wie Deutschland sind auch die Familien geteilt. Die Zonen-Verwandten stehen bei den pubertierenden Cousins höher im Kurs als die eigenen Eltern. Onkel Bernhard, der joviale Schweinebrigadist, ist lange nicht so verklemmt, bigott und überheblich wie der westfälische Bausparer Friedrich, auch wenn er sich nach seinem Tod als im Sozialismus untergetauchter Nazi entpuppt. Für die verschüchterten Pietistenkinder ist die DDR ein Hort der Freiheit und Sinnlichkeit: Die Frauen sind frecher hier, die LPG-Schweinepriester fröhlicher, die Früchte saftiger; selbst die Trabi-Abgase riechen nach Freiheit und Abenteuer.

          Bei den Verwandten drüben lernen die Wessis überhaupt erst Sex, Drogen und die Rolling Stones kennen. "Manchmal seid ihr voll bescheuert", sagt Paul, "und trotzdem kann man hier Spaß haben. Oben wird alles blöde verboten, aber unten merkt man's nur manchmal." Orzessek kann alle DDR-Herrlichkeiten aufzählen, von der Buchungsmaschine Acosta 170 bis zum Goldbroiler, ein bisschen lebensfreudigen Opportunismus findet er auch herrlich. Seit Arno Schmidt (dem Orzessek nicht nur mit Kapitelüberschriften wie "Mare Crisium", Frauenbild und Stil huldigt) hat kein westdeutscher Autor die DDR so kenntnisreich, wortgewaltig und nachsichtig beschrieben.

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