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: Die Tabuverletzerin

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Eigentlich sah ja zunächst alles aus wie ein Einstieg nach Maß: Sophie Dannenbergs Literaturagent hatte ihren Erstling gleich bei der Deutschen Verlagsanstalt untergebracht, die Lektorin zeigte sich spontan begeistert, man erhob "Das bleiche Herz der Revolution" zum Spitzentitel des vergangenen Herbsts.Und dann - der Sturm.

          Eigentlich sah ja zunächst alles aus wie ein Einstieg nach Maß: Sophie Dannenbergs Literaturagent hatte ihren Erstling gleich bei der Deutschen Verlagsanstalt untergebracht, die Lektorin zeigte sich spontan begeistert, man erhob "Das bleiche Herz der Revolution" zum Spitzentitel des vergangenen Herbsts.

          Und dann - der Sturm. Kaum einer der Rezensenten hielt sich lange beim Text selbst auf. Im Vordergrund stand die Frage, das Ratespiel, die Spekulation, an der sich alle, von der "Süddeutschen Zeitung" bis zur "Welt", von "F.A.Z." bis "taz", beteiligten: Wer ist Sophie Dannenberg? Die Tochter von Otto Schily? Ein Renegat, männlich? Eine Freundin von Pop-"Jugend"-Autor Joachim Lottmann? Rechnet hier eine Tochter mit ihren Achtundsechziger-Eltern ab, haben wir es also mit der therapeutischen Bewältigung eines Traumas zu tun?

          Autobiographisch - keinesfalls. Darauf bestand die 33 Jahre alte Verfasserin Sophie Dannenberg immer wieder, schon vor ihrer Enttarnung. Eigene Geschichte hin, Tabuverletzung her: Prügel für das Werk bezog sie dennoch reichlich: "Schreckensoperette", "Pamphlet", "rabiate Anklageschrift". Sophie Dannenberg heißt eigentlich Annegret Kunkel - und hätte sie das gleich gesagt, hätte sie sich womöglich eine Menge erspart. Schließlich muß man kein Namensforscher sein, um zu wissen, daß um 1968 herum kein progressiver Vater, keine emanzipierte Mutter ihre Tochter "Annegret" genannt hätte, ein Name, dessen Popularität schon damals mehrere Jahrzehnte zurückgelegen haben dürfte.

          Und noch mehr hat sich herumgesprochen. "Das bleiche Herz der Revolution" ist eben kein Schlüssel-, sondern allenfalls ein Entwicklungsroman. Besser gesagt, eine hochtourige Satire, die sich allerdings ihrem Gegenstand weniger spöttisch als moralisch nähert. Ein Strang der Handlung dreht sich um einen Philosophie-Dozenten namens Hieronymus Arber, dessen Laufbahn von ebenso intriganten wie dogmafixierten Kollegen ruiniert wird. Die andere Hauptfigur ist Kitty Caspari, die als Kind den nackten Wahnsinn schmuddeliger WGs durchleidet. Kittys Eltern, eine strickende Progressive und ein erfolgloser RAF-Anwalt namens Borsalino von Baguette, werden vom Furor des Fortschrittsglaubens getrieben und ordnen alle Bedürfnisse ihres Nachwuchses der politischen Korrektheit unter - kalt, engstirnig, unfähig. Am Ende sind die großen Projekte wie freie Sexualität oder antiautoritäre Erziehung allesamt gescheitert. Auf der Uni-Toilette wird fortschrittlich gevögelt, "bei Lenin, ja", und wenn Vater Baguette nicht weiter weiß, kaut er Fingernägel. Taugt so etwas als ernstzunehmendes Feindbild? Der Ton des Textes schwankt zwischen satirischer Überzeichnung und heiligem Ernst.

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