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: Die sirrende Zufriedenheit des Trauerschnäppers

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Ins Misslingen verliebt: In seinem neuen Roman "Mittelmäßiges Heimweh" hat Wilhelm Genazino, der Schmerzensmann der Mittelschicht, seinem Anti-Helden-Arsenal ein gelungenes Exemplar hinzugefügt und seinen Humor ein Stück weiter ins Untröstliche vorangetrieben.Von Wolfgang Schneider Wilhelm Genazino ...

          Ins Misslingen verliebt: In seinem neuen Roman "Mittelmäßiges Heimweh" hat Wilhelm Genazino, der Schmerzensmann der Mittelschicht, seinem Anti-Helden-Arsenal ein gelungenes Exemplar hinzugefügt und seinen Humor ein Stück weiter ins Untröstliche vorangetrieben.

          Von Wolfgang Schneider Wilhelm Genazino und seine Figuren sind Beobachter und Belauscher der Mitwelt. Auch im neuen Roman finden sich wieder viele originell formulierte Flaneurswahrnehmungen, gedehnte Blicke ins städtische Getriebe. Dabei stellt sich der Ich-Erzähler - dieses Mal heißt er Dieter Rotmund - quer zu den Abläufen des gewöhnlichen Lebens. Bei aller vorgeblichen Sanftmut hat seine Perspektive etwas Aufsässiges. Sie bringt das Tun der unauffällig beobachteten Mitmenschen um seinen Sinn.

          Etwa in der lärmigen Fußballkneipe, gleich in der Eingangsszene. Rotmund interessiert sich überhaupt nicht für Fußball, er guckt die Fußballgucker. Und macht sich, wie es seine Art ist, ein bisschen lustig über das "Schlichtglück der Leute". Aber da passiert ihm ein Malheur: "Ich sehe mein Ohr am Boden liegen wie ein kleines, helles Gebäck." Schmerzlos ist es ihm abgefallen. Ohne die Ohrmuschel aufzuheben, getrieben von einer merkwürdigen Scham, verlässt Rotmund die Kneipe. Später wird er auf ebenso unerklärte Weise noch einen kleinen Zeh einbüßen. Handelt es sich um Schockreaktionen auf die Zumutungen des Lebens? Oder um eine neue Seuche, die sofortige Quarantäne erforderte?

          Locker sitzende Identitätsteile.

          Oder hat Wilhelm Genazino, den verlässlichen Mikro-Realisten, nun die Lust am Kafkaesken gepackt? Bei Kafka bildet die phantastische Metamorphose den Kern der Erzählung; die Geschichte Gregor Samsas gäbe es nicht ohne das Käfer-Malheur. Der Rotmund-Roman würde dagegen ebenso gut funktionieren, wenn man die Passagen über die Ohrlosigkeit einfach wegließe. Um es mit dem Betroffenen selbst zu sagen: "Tagelang vergesse ich, dass ich nur noch ein Ohr und einen kleinen Zeh habe." Richtig ist allerdings, dass auch andere Teile der Identität bei dieser Figur ziemlich locker sitzen und leicht abfallen könnten. Das Alter zum Beispiel. Wie ein Dreiundvierzigjähriger kommt einem Rotmund nicht vor. Er hat eine Ältere-Herren-Mentalität.

          Aber er leidet ja auch an "vorzeitiger Ermüdung". Das Leben setzt ihm zu. Seine Ehe verendet gerade. Noch lebt er mit Edith halbgetrennt in zwei Haushalten. Sehr heimatverbunden, bewohnt die Gattin mit Töchterchen Sabine die Dreizimmerwohnung in einem Schwarzwaldort. Rotmund hat für die Arbeitswoche ein kleines Apartment in Frankfurt. Er ist Controller in einem mittelständischen Pharma-Unternehmen, und die zwei Haushalte überfordern sein Gehalt. So ist er, der im Beruf "Millionen umleitet", gerade dabei, eine Spar-Neurose zu entwickeln. Während der Schwarzwaldfahrten treibt er sich ständig in der Nähe der Zugtoiletten herum, um der Kontrolle zu entgehen. Aber bald kann er sich auch das sparen. Denn an einem Wochenende - ungute Vorzeichen gab es genug - sagt Edith den denkbar schlimmsten Satz, den eine Frau zu ihrem Mann sagen kann: "Ich mag deine Stimme nicht mehr hören."

          Genazino ist ins Misslingen verliebt. Vor diesem Hintergrund muss man es als klaren humoristischen Tatbestand werten, wenn Rotmund - kontrapunktisch zum Niedergang seines Privatlebens - beruflich aufsteigt. Aus Ratlosigkeit, was er mit seinen Abenden anfangen soll, hat er öfter Überstunden gemacht. Und wird nun Finanzdirektor. Er lernt die Vergünstigungen der Chefs kennen, etwa eine geheime Kammer mit Schlummersessel für das Erholungsschläfchen zwischendurch. Aber man darf sicher sein: Auch am Abend der Beförderung versteht es dieser routinierte Melancholiker, die Stimmung unten zu halten. Dafür genügt der Gedanke an den eingeschweißten Fertigsalat, der in der Wohnung auf ihn wartet. Ein hoher Trübsinnsfaktor ist also garantiert. Rotmunds Tränen werden zum Leitmotiv. Da steht er am helllichten Tag weinend in den Weinbergen oder grübelt über die "Tränensaugkraft" eines Teppichbodens.

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