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: Die Seele geht in Asche

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Der Mann, der John Cheever war, hat es sich und anderen nicht leichtgemacht. Er züchtete Labradore und lief gern Schlittschuh, er trank, und er sehnte sich manisch nach Erfolg, er hatte Eheprobleme, weil er mit seiner Bisexualität nicht zurechtkam, und er schrieb wunderbare Short Storys, von denen nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden, und selbst diese wenigen wurden kaum gelesen.

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          Der Mann, der John Cheever war, hat es sich und anderen nicht leichtgemacht. Er züchtete Labradore und lief gern Schlittschuh, er trank, und er sehnte sich manisch nach Erfolg, er hatte Eheprobleme, weil er mit seiner Bisexualität nicht zurechtkam, und er schrieb wunderbare Short Storys, von denen nur wenige ins Deutsche übersetzt wurden, und selbst diese wenigen wurden kaum gelesen. Da ist es schon ziemlich mutig, Cheevers Roman "Die Geschichte der Wapshots" fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen und fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des Autors in einer Neuübersetzung auf den Markt zu bringen.

          "John Cheever war wie ein Wind, der aus einer entlegenen Ecke blies. Er zog sich sehr korrekt an, mit Anzug und Fliege, und er sprach mit einem Akzent, der aus einer Zeit zu kommen schien, die keiner von uns je gekannt hatte oder sich überhaupt vorstellen konnte", hat T. C. Boyle geschrieben, der bei ihm studierte, und wenn es einen Grund gibt, diesen Roman zu lesen, dann liegt er genau darin: dass man sich von Cheevers Prosa diese Zeit noch einmal vergegenwärtigen lässt.

          Ob "Die Geschichte der Wapshots" nun ein Roman ist oder eher ein Experiment oder ein Abtrünniger der Gattung, damit mögen sich Sachbearbeiterseelen herumquälen wie mit einer undurchsichtigen Spesenabrechnung. Es ist ein Familienmosaik, das aus vielen kleinen Geschichten besteht, und diese Geschichten verhalten sich zueinander wie die Steine eines Puzzles, die nicht unbedingt zusammenpassen, aber deren Reiz aus ebendiesem fragmentarischen Erscheinungsbild entsteht.

          Natürlich, das wissen wir von Tolstoi, ist es eine unglückliche Familie, weil nur unglückliche Familien für gute Geschichten taugen, und wenn man den Mitgliedern des Wapshot-Clans aus dem fiktiven Ostküstenstädtchen St. Botolphs nach New York und Washington, auf die Pazifikinsel Nummer 93 oder in eine namenlose Siedlung in der Nähe einer Raketenabschussbasis folgt, dann spürt man zwar die Jahresringe, welche der Roman angesetzt hat, aber man blickt zugleich fasziniert in den amerikanischen Alltag der vierziger und fünfziger Jahre.

          Was geschieht, ist keine Tragödie; es folgt auch keinem buddenbrookschen Verfallsmodell. Alles spielt auf einer schiefen Ebene, die der Roman schon mit den ersten Seiten betritt. Die Wapshots haben ihre besten Zeiten hinter sich; es ist allein das Geld von Cousine Honora, an dem alles hängt: Der Vergnügungsdampfer "Topaze", auf dem Vater Leander Kapitän ist, gehört ihr, die Farm, auf der sie leben, und selbst die Zukunft der Söhne Moses und Coverly, die nur dann erben werden, wenn sie einen Sohn in die Welt setzen. Am Ende ist das Schiff gesunken, geborgen und von Mutter Sara in einen Souvenirladen verwandelt worden, Leander ist ins Wasser gegangen, und seine Söhne haben sich irgendwie in den Widrigkeiten des Lebens vorangekämpft. John Cheever schreibt Sätze, denen man die Anstrengung der Komposition anmerkt - aber es ist eine Mühe, die sich für den Leser lohnt, weil diese Sätze oft einen großartigen Verdichtungsgrad erreichen, weil sie ganz lakonisch sein können und dann wieder vor Ironie funkeln. "Was für ein zartes Wesen ist doch ein Mann. Auch wenn er ständig schwadroniert oder sich zwischen den Beinen kratzt, kann schon ein Tuscheln seine Seele in Asche verwandeln", steht da auf einmal, wenn man gerade anfängt, Mitleid mit den Helden zu bekommen; und bevor die Ironie eine zu große Distanz zu den Charakteren schafft, findet Cheever die richtige Dosis Zuwendung für ihr Schicksal.

          Cheever liebt diese Sprünge, die Tonlagen- und Perspektivwechsel von Kapitel zu Kapitel, er streut die abgehackten und unbeholfenen biographischen Aufzeichnungen von Vater Leander ein, erzählt Episoden von Frauen, die meistens stärker und durchsetzungsfreudiger sind als die Männer, vom Angeln, Segeln und von der Einsamkeit in der Großstadt, und wenn man die Szenen aus der Siedlung liest, in der Coverly als Codierer in Diensten der Army lebt, dann hat man aus der Vogelperspektive den urban sprawl, das amerikanische Suburbia der Nachkriegszeit, vor Augen, und in der Naheinstellung sieht man, wie nah beieinander hier Versprechen und Verzweiflung wohnen - lauter Einfamilienhäuser, die wie geklont wirken, lauter Leben, die sich nur unterm Mikroskop voneinander unterscheiden lassen.

          Das Einzige, das einen mit der Zeit dann doch nerven kann, weil es so altbacken wirkt, ist der mehr oder minder allwissende Erzähler, der sich dazwischendrängelt, einen immer mal wieder anspricht und sich etwas zu bemüht-ironisch als Strippenzieher versucht. Aber man kann auch darüber hinweglesen, man muss sich davon nicht die Laune verderben lassen. Da ist Welt genug in diesem Roman, eine vergangene, eine untergegangene, eine sehr genau geschilderte Welt, und wenn man dabeibleibt über die ganze Strecke, dann spürt man ihn gelegentlich auch jetzt noch, diesen Wind, der aus einer entlegenen Ecke blies.

          PETER KÖRTE

          John Cheever: "Die Geschichte der Wapshots". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Gunkel. DuMont Verlag, Köln 2007. 384 S., geb., 19,80 [Euro].

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