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: Die Schwalben von Kabul

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Nur ein Lidschlag liegt zwischen Demütigung und Aggression, Hingabe und Abscheu, Ratlosigkeit und Fanatismus. Dieser Moment, der nette junge Männer zu überzeugten Mördern und Gläubige zu gewalttätigen Fanatikern werden lassen kann, ist das Thema von Yasmina Khadra. Der Schriftsteller, der eigentlich ...

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          Nur ein Lidschlag liegt zwischen Demütigung und Aggression, Hingabe und Abscheu, Ratlosigkeit und Fanatismus. Dieser Moment, der nette junge Männer zu überzeugten Mördern und Gläubige zu gewalttätigen Fanatikern werden lassen kann, ist das Thema von Yasmina Khadra. Der Schriftsteller, der eigentlich Mohammed Moulesshou heißt und einst als Offizier der algerischen Armee den Namen seiner Frau als Pseudonym wählte, um der Zensur zu entgehen, hat den algerischen Bürgerkrieg als Schule der Gewalt, als persönlichkeitsveränderndes Erlebnis beschrieben. In seinem neuen Roman "Die Schwalben von Kabul", den wir von heute an vorabdrucken, nimmt Khadra einen anderen, geistig verwandten Schauplatz ins Visier seiner literarischen Handkamera: Afghanistan in den Jahren der Talibanherrschaft. Wie Khadras frühere Werke ist auch dieser Roman ein Buch voller Zorn. Unverändert ist der lyrische, aber präzise Ton, mit dem der Autor das Grauen diagnostizierend beschreibt. Und doch ist "Die Schwalben von Kabul" in seiner parabelhaften Eindeutigkeit anders als Khadras frühere Bücher.

          Wo Korruption und Gewalt regieren, sind Helden nicht ehrenwerter als alle anderen; sie haben nur das Glück, einmal aus ihrer Lethargie gerissen zu werden. Da ist Atiq Shaukat, Wärter im Frauengefängnis von Kabul, der sich vor sich selbst und seiner Abgestumpftheit gegenüber Tod und Terror ekelt. Er haßt sich dafür, daß er seine schwerkranke Frau anbrüllt und demütigt. Weder bringt er es über sich, sie zu verlassen, noch kann er ihr mit der Geduld und Liebe begegnen, die ihr ihren Zustand erleichtern würden. Mit seinem belesenen Kameraden Nazish, der von einem anderen Leben spricht, aber letztlich nicht den Mumm hat, Kabul zu verlassen, fängt Atiq Shaukat unnötig Streit an. Er kann nicht aus seiner Haut, und die eigene Unzulänglichkeit macht ihn nur noch wütender.

          Im Kabul der Taliban hat kaum einer etwas, wofür zu leben sich lohnt. Religion bietet Khadras Figuren keinen Halt, ebensowenig wie Bildung oder die Ahnung, daß es anderswo besser sein könnte. Auch Mohsen Ramat hat resigniert. Er und seine schöne Frau Zunaira gehörten früher zur liberalen Elite Kabuls, doch in den Kriegsjahren haben ihre Familien Hab und Gut, Ansehen und Selbstbewußtsein verloren. Arbeitslos irrt Mohsen durch die glühenden Straßen. Eines Tages wohnt er der Hinrichtung einer Frau bei. Vom Blutrausch der Menge mitgerissen, wirft auch Mohsen einen Stein nach ihr. Er erkennt sich selbst nicht wieder, doch vermag er den Zorn, der ihn ergriffen hat, nicht einzudämmen.

          Als er gemeinsam mit Zunaira einen Spaziergang wagt, zwingt eine Talibanpatrouille Mohsen, in die Moschee zu gehen und der endlosen Predigt eines Imam zuzuhören, während Zunaira hinter ihrem Schleier Stunde um Stunde in der Hitze ausharren muß. Was aus dieser Repression entsteht, Streit, ein Todesfall und eine drohende Hinrichtung, führt zurück in Atiq Shaukats Frauengefängnis, wo der Roman auf ebenso tragische wie hoffnungsvolle Weise endet.

          Hat Khadra zuvor zeigen wollen, daß Grausamkeit menschlich ist, beweist er nun in "Die Schwalben von Kabul", daß Schönheit ein Leben ebenso sehr zu verändern vermag wie Zorn, daß das Positive dem Zerstörerischen an Kraft sogar überlegen sein kann. Nur die stärksten Gefühle können den ewigen Kreislauf von Wut, Ohnmacht und Gewalt durchbrechen - tröstliche Lektüre in Zeiten eines drohenden Kriegs.

          FELICITAS VON LOVENBERG

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