https://www.faz.net/-gr3-ri1o

: Die Schönheit der Seemaus

  • Aktualisiert am

Unter den Wundern, die Marco Polo auf seinen Reisen entdeckte, befand sich in Badaschkan ein einzigartiger blauer Stein. Für Kundige läßt sich sein leuchtendes Ultramarin noch heute wiederfinden, in "Beeren, Blüten und Kieseln" zum Beispiel. Woher aber kommt dieses Blau? "Es kommt von / jenseits ...

          4 Min.

          Unter den Wundern, die Marco Polo auf seinen Reisen entdeckte, befand sich in Badaschkan ein einzigartiger blauer Stein. Für Kundige läßt sich sein leuchtendes Ultramarin noch heute wiederfinden, in "Beeren, Blüten und Kieseln" zum Beispiel. Woher aber kommt dieses Blau? "Es kommt von / jenseits des Wassers, dessen Farbe es zu / besitzen scheint." Und wo ist das? Die zweite Antwort wiederholt die erste, nur etwas verkürzt: "Es kommt von jenseits." Romantisch ist diese Antwort - wie das Motiv selbst - allerdings nur so lange, bis das Gedicht weiterfragt. "Woher kommen / diese Dinge", fragt es, "diese / Erfindungen - die heiligen Orte, / ... die Seraphim - und unten, unter alledem / das Geheul?" Dies erst ist der letzte Vers; er bleibt ohne Antwort.

          "Brought From Beyond" von 1994 ist eines der spätesten Gedichte von Amy Clampitt. Wenige Monate nachdem es in dem Band "A Silence Opens" erschienen war, ist die Dichterin gestorben. Und noch immer galt sie da als eine Neuentdeckung. Als Bibliothekarin und Lektorin hatte sie gearbeitet, die Farmerstochter aus Iowa in New York City, als in den siebziger Jahren die ersten Gedichte in Privatdrucken und Zeitschriften erschienen. Mit dreiundsechzig Jahren erst hat sie ihren ersten Gedichtband veröffentlicht, 1983: "The Kingfisher", "Der Eisvogel". So heißt nun auch Joachim Kalkas wunderbare Auswahl aus Amy Clampitts fünf Gedichtbüchern, die erste in deutscher Sprache. Kalkas geschmeidige und präzise Übersetzung trifft gerade deshalb den Ton, weil sie darauf verzichtet, die zarten Alliterationen und Phrasierungen des Originals nachzuahmen.

          Zu Clampitts Vorgängern und Vorbildern gehören amerikanische Poeten wie Elizabeth Bishop und Marianne Moore, die expatriates in Europa und vor allem die englischen metaphysical poets des siebzehnten Jahrhunderts, auch Keats und Gerald Manley Hopkins, dem sie den Titel ihres späten Debüts verdankte; manchmal denkt man an Seamus Heaney. Auch hier sind sinnliche Wirklichkeitsnähe und Metaphysik verschwistert; auch hier können sich Lebensgeschichten jederzeit öffnen in die Geschichte des Lebens.

          Die Wanderin am Strand etwa vergnügt sich damit, die biologische Nomenklatur nachzubuchstabieren, einen Naturführer in der Hand, denn immer will sie es genau wissen. So entdeckt sie die Schönheit der Seemaus, die wirklich so heißt und ein filziger, farbig schillernder Meereswurm ist. Und mit dem Zusammentreffen des Wortes und des Lebewesens beginnt der Zauber. Denn wie von selbst gleiten nun die Namen aus dem Biologiebuch hinüber in die umgangssprachlichen Wörter und die Phantasien der Kindheit; und mit dem Zauberstab der Analogie öffnet sich wieder das Blau eines fernen Himmels. So wird, "was wir damals / (fälschlicherweise) die blauen Glockenblumen nannten", mit ebendiesem Kinderwort zur "Falltür", zum Fenster in Weiten, in denen man die Vereinigung des Getrennten ahnt.

          Wißbegierig und sinnlich ist diese Poesie, von einer zärtlichen Hingabe an die Schöpfung, die durch Klugheit und Witz keineswegs gestört wird, und sehr beweglich. "Alles, was wir wissen", denkt die Spaziergängerin einmal unterm Blütenfall der Birnbäume in Manhattan, alles, "woraus wir bestehen, ist Bewegung". Tatsächlich sind diese Verse unablässig unterwegs, von Mexiko bis nach Hellas, hinaus in die Natur und hinab in die Tiefen der Zeit. Wie der Eisvogel im Titelgedicht, so tauchen auch diese Verse hinab in die "Landschaften unbebauter Erinnerung", in die Schreckensorte der Menschenopfer von Assur bis Auschwitz, bis dahin, wo im Museum der Weltkulturen "die Driften und Dünen / lange erstarrter Keilschriften sich wieder / zu bewegen beginnen, ein Basrelief der Angst".

          Weitere Themen

          Der andere Bibliothekar

          Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

          „Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“ – so kündigten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger Franz Greno 1985 die „Andere Bibliothek“ an. Eine Würdigung des Feuilletons zum 90. Geburtstag ihres einstmaligen Herausgebers.

          Topmeldungen

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Impeachment-Ermittlungen : Sie macht nur Ärger

          Am zweiten Anhörungstag der Impeachment-Ermittlungen wird klar, wie Donald Trump die frühere amerikanische Botschafterin in Kiew aus dem Weg räumen ließ.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.