https://www.faz.net/-gr3-rhrp

: Die Rechte der Frauen, des Rotfuchses, der Bären und des Ozons

  • Aktualisiert am

Charlotte Simmons kommt aus Sparta, North Carolina. Das liegt in den Bergen und ist ziemlich hinterwäldlerisch, aber Charlotte hat es in sich. Sie ist begabt und fleißig. Außerdem ist sie sehr hübsch. Und man muß es Tom Wolfe glauben, daß der Name "Sparta" nicht zufällig gewählt wurde: Hier, in der Provinz, hält man auf Zucht und Disziplin.

          Charlotte Simmons kommt aus Sparta, North Carolina. Das liegt in den Bergen und ist ziemlich hinterwäldlerisch, aber Charlotte hat es in sich. Sie ist begabt und fleißig. Außerdem ist sie sehr hübsch. Und man muß es Tom Wolfe glauben, daß der Name "Sparta" nicht zufällig gewählt wurde: Hier, in der Provinz, hält man auf Zucht und Disziplin. Oder zum mindesten ist Charlotte ein ideales spartanisches Wesen: Sie trinkt nicht und ist noch Jungfrau. Die großen amerikanischen Erfolge wie das "Silicon Valley" oder die bemannte Raumfahrt, das hat uns Wolfe immer wieder erklärt, haben ihre Wurzeln im sittenstrengen christlichen Bürgertum und in Gegenden, auf welche die Kulturelite der Metropolen oft nur naserümpfend blickt.

          Als Charlotte wegen ihrer Leistungen ein Stipendium für die Universität Dupont erhält - eine fiktive, aber sehr nach dem Muster von Stanford gezeichnete Bildungsanstalt -, da geht es ihr so, wie es vor zweieinhalbtausend Jahren einer jungen Spartanerin gegangen wäre, die man plötzlich in eine Stadt des üppigen Tieflandes verpflanzt hätte: Um sie herum herrscht das pure Laster. Da geht es von einer Party zur nächsten, da ist ein Kleidchen knapper geschnitten als das andere, da wird dem Alkohol mehr als zuträglich gefrönt, da paart man sich schamlos, da spricht man nur noch im Dialekt der Hormone.

          Will man gleich einen Einwand gegen diesen Roman von Wolfe erheben, so wäre es dieser: daß wir über und über mit dem Bier- und Schweißdunst dieser in jedem zweiten Kapitel aufs neue abrauschenden Partys katechisiert werden, mit dem Gegröle der Studenten und dem Gekicher der Studentinnen, mit den lüsternen Tänzen und der stupiden Musik dieser Jugend. Klischees? Immerhin ist sehr vieles sehr gut gesehen. Wolfe, ein Kenner der Sprachen und Stile Amerikas seit den sechziger Jahren, hat auch diesmal aufmerksam beobachtet und zugehört. Das betrifft nicht nur Redewendungen oder die verstümmelte Kürzelsprache, es geht um die Intonation selbst. Und hier hilft die Übersetzung kaum weiter - man muß den Originalton kennen, mit dem junge Frauen in Amerika jeden Aussagesatz, indem sie am Schluß die Tonhöhe steigen lassen, in eine Frage verwandeln, als wollten sie um jeden Preis die Festlegung und das Urteil vermeiden - eine kuriose, sinnlose Metamorphose der amerikanischen Höflichkeit und Offenheit, für die niemand ein feineres Ohr hat als Wolfe.

          In Dupont also wird Charlotte zum Zentrum eines Wirbels, in den drei junge Männer hineingezogen werden: Der einzige weiße Basketball-Spieler der Universität, Jojo Johannssen, sympathisch-beschränkt, aber mit einem besseren Kern; Hoyt Thorpe, ein sehr gut aussehender, aber sich nietzscheanisch überschätzender Fraternity-Mann, der am Anfang des Buches, in einer wunderbar komischen Szene, den Leibwächter des kalifornischen Gouverneurs mit einem gezielten Schlag ausschaltet, während der Gouverneur sich im Park à la Bill Clinton verwöhnen läßt; schließlich der ebenso komische, immer hilfsbereite, immer ein bißchen neurotisch auf der Verliererseite stehende jüdische Student Adam Gellin, der die Uni-Zeitung mit herausgibt und naiv-großspurigen Träumen vom neuen Intellektuellen nachhängt.

          Weitere Themen

          Man nennt es Meinungsfreiheit

          Trump gegen Google : Man nennt es Meinungsfreiheit

          Ohne das Internet wäre Donald Trump wohl nicht amerikanischer Präsident geworden. Jetzt beschwert er sich über politische Ideologisierung bei Google. Aus dem Silicon Valley schallt es zurück.

          Eine echte Chance

          Verkauf von Tumblr : Eine echte Chance

          Verizon verkauft Tumblr mit 99 Prozent Verlust an den Dachkonzern von Wordpress. Damit steht dem Internetportal der Weg für neue Kunden offen.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.