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: Die Praktikantin des Kommissars

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Vielleicht sollte man einem Text seine Entstehungsgeschichte nicht so deutlich anmerken. Zumindest meint man bei der Lektüre von Feridun Zaimoglus neuem Roman "Leinwand", dem Autor beim Planen, Entwerfen und Verwerfen seiner Ideen zusehen zu können. Alles scheint seinen Anfang damit zu nehmen, daß Zaimoglu einmal einen "Tatort" schreiben wollte.

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          Vielleicht sollte man einem Text seine Entstehungsgeschichte nicht so deutlich anmerken. Zumindest meint man bei der Lektüre von Feridun Zaimoglus neuem Roman "Leinwand", dem Autor beim Planen, Entwerfen und Verwerfen seiner Ideen zusehen zu können. Alles scheint seinen Anfang damit zu nehmen, daß Zaimoglu einmal einen "Tatort" schreiben wollte. Die beschreibenden Sätze sind schmucklos wie Regieanweisungen, Dialoge stehen im Vordergrund, die Dramaturgie orientiert sich am Fernsehformat. Nach einem trügerischen Bild der Langeweile - der türkischstämmige Kommissar Seyfeddin Karasu sitzt auf Nachtwache und verzweifelt am Fernsehprogramm - folgt gleich der Schnitt zur Action: Razzia auf dem Parkplatz der Großdisko, Hundertschaften, Schlagstöcke, Geschrei und Gerenne. Dann eine Reihe von kurzen Verhörszenen.

          Hier gerät der "Tatort"-Vorsatz zum erstenmal leicht ins Wanken, denn die beiden Szenen sind eigentlich zu authentisch und kraftvoll für die öffentlich-rechtliche Fernsehunterhaltung. Doch dann geht es erst einmal regelkonform weiter, Schauplatzwechsel ins Büro der Kripochefin, wo der Kommissar zu einem Leichenfundort geschickt wird und auch noch eine Praktikantin aufs Auge gedrückt bekommt, eine frisch diplomierte Psychologin. Wenn sich da nicht ein neues Traumermittlerpaar etabliert, herzhaftes gegenseitiges Angiften inklusive.

          Doch wer ein vernünftiges Drehbuch schreiben will, das den Zuschauer neunzig Minuten lang fesselt, der muß alle Fäden straff in der Hand halten und die Handlung diszipliniert vorantreiben. Disziplin aber ist Zaimoglus Sache nicht recht, daher schreibt er an den Passagen, die ihm am meisten Spaß machen, und verliert darüber Plot und Spannungskurve aus den Augen. Breiten Raum erhält zum Beispiel eine Episode, die ihre Kompetenzen als retardierendes Element eindeutig überschreitet. Wegen einer politisch inopportunen Fehleinschätzung werden Seyfeddin und Praktikantin kurzzeitig zur Bahnhofspolizei abkommandiert, wo sie eine absurde verdeckte Ermittlung starten. Als Bahnhofshure verkleidet, wird das Mädchen an eine Säule gekettet und muß sich von Pennern, Spießern und Wahnsinnigen bequatschen lassen. Die Schilderung lenkt vom Krimi ab, ist aber vergnüglich zu lesen.

          Irgendwann muß Zaimoglu dann aufgegangen sein, daß sein ursprünglicher Plan zu scheitern drohte. Eine gründliche Überarbeitung des bereits Geschriebenen hätte eine Lösung bringen können, Zaimoglu aber wählt den Weg Alexanders und serviert uns einen erzählerischen Taschenspielertrick, den jeder ernsthafte Krimiliebhaber als Frechheit empfinden muß. Sollte man weniger genre- und mehr zaimogluorientiert sein, wird man das Ganze wohl eher mit einem Kichern quittieren und darauf hoffen, daß der Autor sich das nächste Mal gleich von Anfang an vornimmt, einen gescheiten Roman zu schreiben. Denn auch wenn ein "Tatort" vermutlich von der Autorschaft Zaimoglus profitieren würde, profitiert ein Zaimoglu-Roman nicht recht davon, als "Tatort" geschrieben worden zu sein.

          SEBASTIAN DOMSCH

          Feridun Zaimoglu: "Leinwand". Roman. Rotbuch Verlag, Hamburg 2003. 159 S., br., 13,80 [Euro].

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