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: Die Pistole singt nicht

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Worum es in "Der große Schlaf" eigentlich geht, hat selbst Raymond Chandler nicht gewußt. Wer denn nun der Mörder sei, fragte der Regisseur Howard Hawks, ratlos am Drehort seiner Verfilmung des Romans, beim Autor an. Chandler antwortete postwendend: "Woher, verdammt noch mal, soll ich das wissen?"Es spielt keine Rolle.

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          Worum es in "Der große Schlaf" eigentlich geht, hat selbst Raymond Chandler nicht gewußt. Wer denn nun der Mörder sei, fragte der Regisseur Howard Hawks, ratlos am Drehort seiner Verfilmung des Romans, beim Autor an. Chandler antwortete postwendend: "Woher, verdammt noch mal, soll ich das wissen?"

          Es spielt keine Rolle. Der 1939 erschienene Roman, der den Privatdetektiv Philip Marlow in die Weltliteratur einführte, ist nicht berühmt geworden, weil in ihm der Mord an General Sternwoods Chauffeur aufgeklärt wurde. Unvergeßlich sind vielmehr die Stimmung in einem verregneten Kalifornien, das die Personen ziellos in ihren klobigen Wagen durchstreifen, die Dialoge und Chandlers Kunst, in überraschenden Metaphern ein Bild zu entwerfen, das aus dem Gedächtnis, anders als die Kriminalfälle, nicht mehr verschwindet.

          Für Jonathan Lethem, 1964 in New York geboren, war dies offenbar das Känguruh: "Es war überhaupt nichts dabei. Der Super-Chief war pünktlich, wie fast immer, und das Objekt so leicht auszumachen wie ein Känguruh im Smoking." Lethem stellt diese Sätze als Motto über seinen ersten Roman, der auf deutsch "Der kurze Schlaf" heißt - ein für die Übersetzung genial gewählter Titel, auch wenn er mit dem Originaltitel nichts gemein hat. "Gun With Occasional Music" hieß dieser, als das Buch 1994 in Amerika herauskam, ein Titel, für den man es lieben muß, noch vor dem ersten Satz und bevor sich herausstellt, daß eine Pistole tatsächlich beim Entsichern singt. "Knarre mit Begleitmusik" war dann die erste deutsche Übersetzung von Biggi Winter überschrieben, die bei Heyne 1998 erschien. Das klingt deutlich zu billig für diese gekonnte Chandler-Hommage, die es darüber hinaus noch fertigbringt, Detektiv- und Science-fiction-Genre ineinander zu verweben, als seien sie Stränge derselben Erzähltradition. Martin Zöllner, geübter Lethem-Übersetzer und offenbar auch hellhöriger Kenner deutscher Chandler-Übertragungen, hat diese alte Fassung für die Neuausgabe im Tropen-Verlag überarbeitet, die in diesem Sommer auch erneut als Heyne-Taschenbuch erscheint.

          Das Känguruh also. Bei Chandler ist es ein Sprachbild. Bei Lethem eine Hauptfigur. Denn in Kalifornien ist inzwischen die Zukunft ausgebrochen, eine Zeit, in der Tiere in einer Evolutionstherapie, in der sie zu "Evoluten" werden, zu sprechen und zu handeln lernen wie Menschen, was für beide nicht von Vorteil ist. Das Känguruh-Evolut hört auf den Namen Joey, schießt mitunter wild um sich und trägt alle Merkmale jener nervtötenden Widersacher von Philip Marlow, die ihn nachts auf Kasinoparkplätzen auflauerten und in die Magengrube schlugen.

          So ergeht es auch Conrad Metcalf, dem Privatdetektiv in "Der kurze Schlaf". Er erwacht eines Morgens zur "musikalischen Interpretation der Nachrichten", einer radikalen Weiterentwicklung heutiger Medienkultur, aus der das Wort vollständig verschwunden ist. Für gewiefte Hörer wie Metcalf aber deuten die Geigen an, daß Arbeit auf ihn warten könnte: Der Mordfall, den er sich aufzuklären in den Kopf setzt, ist kaum weniger mysteriös als der Mord an General Sternwoods Chauffeur.

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