https://www.faz.net/-gr3-omlu

: Die Nackten und die Toten

  • Aktualisiert am

Es sollte eines der Bücher dieser Saison werden. Mit allem, was einen schönen, großen Publikumserfolg zu garantieren scheint: Sex, sehr viel Sex. Nazis, sehr viele Nazis. Politische Brisanz. Biologie- und Chemieträume, Zukunftsvisionen, Sektenglück und ein großes romantisches Finale. Und das alles basierend ...

          Es sollte eines der Bücher dieser Saison werden. Mit allem, was einen schönen, großen Publikumserfolg zu garantieren scheint: Sex, sehr viel Sex. Nazis, sehr viele Nazis. Politische Brisanz. Biologie- und Chemieträume, Zukunftsvisionen, Sektenglück und ein großes romantisches Finale. Und das alles basierend auf bislang kaum bekannten Rechercheergebnissen des Autors, der der Existenz einer kleinen Pornoindustrie in der Nazi-Zeit nachging und das zum Rahmengerüst seines Romans ausbaute. Der Rowohlt-Verlag kündigte das Buch in seiner Programmvorschau reißerisch an: "In seinem packenden, minutiös recherchierten Porträt der morbiden Nazi-Gesellschaft vernetzt der Autor Geschichte und Sexualität, Wissenschaft und Okkultismus und schildert den Untergang des ,Dritten Reiches' als furioses Ende der ,technisch überlegenen' Welt von einst."

          Man hätte sich da schon wundern können, daß der Rowohlt-Verlag in einer Eigenwerbung das "Dritte Reich" flott und knapp mit "technisch überlegener Welt von einst" gleichsetzt. Es scheint sich aber niemand gewundert zu haben, und die Buchhändler bestellten das Buch in großer Zahl. Das Buch heißt "Endstufe", der Autor heißt Thor Kunkel. Es ist ein Romanprojekt, von dem der vierzigjährige Frankfurter schon spricht, seit er vor vier Jahren die öffentliche Bühne betrat, als er in Klagenfurt den zweiten Preis erhielt. Damals mit dem ersten Kapitel seines kurz darauf bei Rowohlt erschienenen furiosen Loser-, Disco-, Frankfurt-, Siebzigerjahre-, Biologietraumromans "Das Schwarzlicht-Terrarium", in dem sich bereits Anspielungen auf "Endstufe" fanden. Jetzt also, in diesem Frühjahr, sollte es soweit sein - doch dann erreichte am vergangenen Freitag die Literaturredaktionen des Landes per Post eine karge Presseerklärung des Verlags: "In der letzten Phase der Lektoratsarbeit an dem Roman ,Endstufe' haben der Autor Thor Kunkel und der Verlag in einigen inhaltlichen und ästhetischen Fragen keine Einigung erzielen können und beschlossen, das Vertragsverhältnis aufzulösen."

          Angst oder Vorurteil?

          Darüber hinaus gibt es vom Verlag keine Erklärung. Der verlegerische Geschäftsführer Alexander Fest schweigt zu den Gründen. Sagt, es sei schlechter Stil, über ein unveröffentlichtes Manuskript zu sprechen. Auch zu der Frage, warum so spät gehandelt wurde: kein Wort. Warum diese drastische Maßnahme, warum nicht, wie sonst in solchen Fällen üblich, der Erscheinungstermin verschoben wurde, um mehr Zeit für das offenbar überraschend komplizierte und aufwendige Lektorat zu gewinnen: auch dazu gibt es keine Erklärung. Das öffnet natürlich größten Spekulationen Tür und Tor. Was ist so überaus bedenklich an dem Manuskript, daß es bei Rowohlt nicht erscheinen darf? Immerhin hatte der Verlag dafür einen beachtlichen Vorschuß gezahlt. Ist es ein Nazi-Roman? Ein die Nazi-Zeit verharmlosender Roman? Ein politisch unmögliches Buch, das uns zu Recht vorenthalten wird? Oder sind Verleger inzwischen, seit sich im letzten Jahr immer öfter Gerichte für die Publikationsfähigkeit von Büchern zuständig erklärten, schon im Vorfeld so ängstlich, daß sie außergewöhnliche Bücher nicht mehr wagen?

          Doch um was geht es überhaupt? Uns liegt das Manuskript des Romans vor - und auch wenn es unüblich ist, sich öffentlich über unpublizierte Werke zu äußern, machen wir in diesem Fall eine Ausnahme. Denn die Ankündigung des Verlages und der Gegenstand des Romans lassen ganz automatisch den Verdacht aufkommen, hier gehe es um eine politische, eine moralische Frage und Kunkel habe vielleicht einen Roman über die Nazi-Zeit geschrieben, der diese auf unverantwortliche Weise verharmlost.

          Weitere Themen

          Mit dem Alias ins Glück

          Bestsellerautor : Mit dem Alias ins Glück

          Der Frankfurter Schriftsteller Matthias Altenburg, besser bekannt als Jan Seghers, wird 60. Seine erfolgreichen Krimireihen wurden bereits verfilmt. Woher nimmt er die Ideen?

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Viel Lärm um Nichts: Theresa May steht nach ihren erfolglosen Verhandlungen auf dem EU-Gipfel in der Heimat mal wieder unter Druck.

          Brexit-Kommentar : Auf Mays nächsten Zug kommt es an

          Auf den Tisch hauen, wie es einst Maggie Thatcher tat, kann die heutige Premierministerin in der EU nicht mehr. Doch ein zweites Referendum könnte ihr helfen.
          Münchens Robert Lewandowski (Mitte) bejubelt seinen Treffer zum 4:0.

          4:0 in Hannover : Gnadenlose Bayern setzen Aufholjagd fort

          Der deutsche Fußball-Rekordmeister kommt in Hannover zu einem ungefährdeten Erfolg. Zwei Rückkehrer stehen bei den Münchenern dabei in der Startaufstellung. Und der Sieg hätte noch deutlicher ausfallen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.