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Claudio Magris’ neuer Roman : Die Mörder stammten aus Triests besten Kreisen

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Auch dieses vermeintliche Paradies blickt auf eine düstere Geschichte zurück: Eine Brücke über den Canal Grande in Triest in einer historischen Aufnahme. Bild: Picture-Alliance

Claudio Magris erzählt in seinem neuen Roman vom dunkelsten Kapitel der Hafenstadt. In Triest stand das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden.

          Eine ungeheuerliche Geschichte erzählt Claudio Magris in seinem neuen Roman: 1943, als Triest unter deutsche Besatzung geriet und die „Operationszone Adriatisches Küstenland“ eingerichtet wurde, entstand am Rande der Stadt das einzige Konzentrationslager auf italienischem Boden. In der ehemaligen Risiera di San Sabba, einer stillgelegten Reisfabrik, richtete die SS nicht nur Folterzellen ein. Auch eine mobile Gaskammer wurde installiert und ein Krematorium eingebaut.

          „Verfahren eingestellt“ heißt Magris’ Roman nicht zufällig, denn nach dem Krieg wurde das Morden verdrängt, die Verfahren ergebnislos eingestellt. Die Helfer und Geschäftspartner der Mörder stammten aus den besten Kreisen der Stadt. Nach dem Krieg traf man sich, als wäre nichts geschehen, bei gesellschaftlichen Anlässen – nur einmal verliert Sara, ein junges jüdisches Mädchen, deren Mutter in der Risiera ermordet wurde, angesichts eines Henkers die Fassung. Ihre Tochter Luisa ist eine der beiden Hauptfiguren dieses berührenden und kunstvollen Romans.

          Claudio Magris bündelt hier souverän alle Fäden seines großen, Mitteleuropa umspannenden Werkes: die vielschichtige und abgründige Geschichte der Grenzstadt Triest, in der er jeden Stein über und unter der Erde kennt; die verborgenen, sich durch die Jahrhunderte ziehenden Korrespondenzen zwischen sämtlichen Ereignissen des Habsburgerreiches und seine exzentrischen, manisch forschenden Helden mit ihren uferlosen Notizen. Triest, die einzige, politisch umkämpfte Hafenstadt Österreichs-Ungarns, war ein Schmelztiegel italienischer, deutscher und slowenischer Kultur. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte sie zu Italien und wurde schon 1922 zum Zentrum der faschistischen Bewegung. Gleichzeitig war sie bevölkert von intellektuellen Exzentrikern, die oft zu Widerständlern wurden, weil sie „die Würde des Einzelnen gegen alles Totalitäre“ lebten – man denke nur an James Joyce oder Italo Svevo.

          „Skelette und Geheimnisse“

          Vorbild der namenlosen Hauptfigur des Romans war der sich als Universalgenie gebärdende Triester Professor Diego de Henriquez, den Magris im Nachwort einen von „totalisierender Leidenschaft“ Getriebenen nennt. Er ist also ein typischer Magris-Held (wie etwa der Ingenieur Neweklowsky im „Donau“-Buch), der in seiner Forschung, in der er die Welt „en gros und en détail“ einfangen will, untergeht. In diesen Figuren, gestand der Autor einmal, parodiere er sich ein bisschen selbst. Aber wie sein Protagonist glaubt er, dass die Feder ein Spaten ist: Sie „deckt Skelette und Geheimnisse auf oder deckt sie zu mit Schaufeln und Worten, die schwerer sind als die Erde“. Dieser Furor treibt hier die Geschichte an.

          Der Sammler, im Roman nur „ER“ genannt, namenlos wie die vielen, deren Leben und Sterben er dokumentiert um es existent zu machen, häuft Waffen aus allen Ländern an, um ein Kriegsmuseum zu füllen, das den Frieden feiert. Wie der Spielzeugladen seiner Kindheit, den er wegen seiner nutzlosen Schönheit und absurden Überfülle liebte. Jedes Exponat dieses imaginären Museums (das es real in Triest seit 2014 gibt) ist Baustein einer Kulturgeschichte nicht nur des Krieges, sondern der gewalttätigen Menschheit überhaupt, deren Leben von Macht und Gewalt bestimmt ist, bis hin zum Liebesleben. Eindrucksvoll beschreibt Magris die Schlachten, die im Kopf seiner Heldin Luisa zwischen Erinnern, Nachforschen und Verdrängen stattfinden.

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          Der imaginierte Gang durch die Säle des Museums bildet das Ordnungsprinzip des Romans, und Magris hätte für seine Art des Schreibens kein besseres finden können: Gelehrte Exkurse über die Pflanzenwelt, über Kolonialpolitik, Bildungsgeschichte und die Wahrnehmung von Zeit fügen sich selbstverständlich zusammen. Jedes Exponat erzählt seine Geschichte, Deserteure, Partisanen und unglückliche Kaiser – wie Maximilian von Mexiko, dem einer der schönsten Exkurse gewidmet ist – treten auf und ab wie in einem Welttheater. Es sind die Grenzgänger, die Magris interessieren, die eigensinnigen Träumer und naiv Kompromisslosen. Auch wenn manche Abschweifung, wie die zu Luisa de Navarrete, sich in der akribischen Geschichte verliert und ein Lektor die Redundanzen hätte streichen sollen, entstehen im Kopf des Lesers aus diesem tastenden, suchenden Erzählen eindringliche Bilder: ein Erzählgeflecht, das genau jenen beweglichen und historisch durchlässigen „Hypertext“ darstellt, der das erklärte Ziel des Museums ist. Luisa, beauftragte Kuratorin, ordnet die Papierberge, verstrickt sich in Streitgespräche mit dem bei einem mysteriösen Brand umgekommenen Schreiber und verliert sich in der Geschichte ihrer Eltern, des jüdischen Mädchens und des farbigen Besatzungssoldaten, der sich in Triest erstmals anerkannt fühlt. Immer wieder setzt sie neu an, hartnäckig wie Scheherazade, denn auch sie erzählt um ihr Leben.

          Luisas Familiengeschichte kreist um die Risiera, das ungeheuerliche Zentrum des Romans. ER hatte unmittelbar nach dem Krieg die Inschriften auf den Mauern abgeschrieben, mit denen die Häftlinge die Transporte nach Auschwitz und die Namen der vielen Helfershelfer festgehalten hatten. Er streicht über die Wände der Zellen und des Krematoriums, riecht an ihnen – der Geruch muss noch da sein, denkt er, „er muss wie eine Eidechse in irgendeine Spalte geschlüpft sein“. Dieses Motiv des Geruchs, das wie der Rauch 1943/1944 über der Triester Bucht allgegenwärtig ist, prägt sich besonders ein.

          Hart erkämpfter Sieg

          Man kann diesen Roman, der den Leser verschlingt und mitreißt, als eine Parabel auf die Gewalt lesen und gleichzeitig als überzeugendes Modell ihrer Umkehrung. In seinem fiebrigen, apokalyptischen Schlussmonolog quält sich der Sammler mit der Frage, ob auch er schuldig geworden ist, als er sich in Hitlers Geburtstagsfeier einschmuggelte oder als Kriegsflaneur während der letzten Kämpfe 1945 in Triest – beide Passagen gehören zu den stärksten des Buches. Ein unscheinbares Detail tröstet ihn schließlich: die durchgelaufenen, blutbefleckten Schuhe, die ein slowenischer Partisan vor einem geplünderten Schuhgeschäft hatte stehenlassen – das bescheidene, sehr humane Bild eines hart erkämpften Sieges.

          Claudio Magris: „Verfahren eingestellt“. Roman. Aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. Hanser Verlag, München 2017. 400 S., geb., 25 Euro.

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