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: Die Maus in der Wohlstandsmilch

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Es ist eine der ganz großen Geschichten des zwanzigsten Jahrhunderts, oft erzählt, in vielen Details immer noch ungeklärt und zudem äußerst anrührend: die Geschichte des Inuitjungen Minik aus Nordwestgrönland, der 1897 von dem Polarpionier Robert Edwin Peary zusammen mit fünf anderen Inuit nach New York gebracht wurde, um im dortigen Museum of Natural History zur Schau gestellt zu werden.

          Es ist eine der ganz großen Geschichten des zwanzigsten Jahrhunderts, oft erzählt, in vielen Details immer noch ungeklärt und zudem äußerst anrührend: die Geschichte des Inuitjungen Minik aus Nordwestgrönland, der 1897 von dem Polarpionier Robert Edwin Peary zusammen mit fünf anderen Inuit nach New York gebracht wurde, um im dortigen Museum of Natural History zur Schau gestellt zu werden. Dort musste der siebenjährige Minik erleben, wie sein Vater und dessen Begleiter in kurzer Zeit bis auf einen jungen Mann starben. Als dieser letzte Gefährte dann wieder nach Grönland reiste, blieb Minik allein zurück.

          Der Junge wurde von einem Angestellten des Naturkundemuseums aufgenommen, er wuchs heran und erfuhr aus der Zeitung, das Skelett seines Vaters diene im Museum als Ausstellungsstück - seine öffentliche Forderung nach der Rückgabe der Knochen blieb zu seinen Lebzeiten unerfüllt. 1909 schließlich konnte Minik New York in Richtung Grönland verlassen. Allzu viel aber verband ihn nicht mehr mit dem Stamm, den er als Kind verlassen hatte, auch wenn ein Verwandter ihn aufnahm und in den kulturellen Techniken der Inuit unterwies. Er diente später einem anderen Arktisreisenden als Führer, kehrte 1916 in die Vereinigten Staaten zurück und starb zwei Jahre später in New Hampshire an der Spanischen Grippe.

          Die Geschichte des Heimatlosen, des als Kind im Namen der Wissenschaft und im Dienst der Sensationsgier entwurzelten Inuit, fand schon zu seinen Lebzeiten ein gehöriges publizistisches Echo - man kann sogar sagen, dass sie ohne die interessierte Öffentlichkeit und ihre Medien sicherlich anders verlaufen wäre. Ohne das Interesse der Forscher und Ausstellungsbesucher wären Miniks Leute wohl kaum nach New York gebracht worden, und es ist fraglich, ob der verwaiste Inuit ohne den Druck der Presse je die Gelegenheit zur Rückreise bekommen hätte. Es ist das Verdienst des kanadischen Historikers Kenn Harper, Miniks bis dahin zwar oftmals blumig ausgeschmückte, im Kern aber eher lückenhaft überlieferte Geschichte gründlich erforscht zu haben. Sein Buch über den Inuit führte schließlich sogar dazu, dass 1993 endlich die Skelette der vier in New York verstorbenen Begleiter Miniks, darunter auch die Knochen seines Vaters, auf Grönland bestattet werden konnten, nachdem sich das Museum fast ein Jahrhundert lang nicht dazu bereitfinden wollte.

          Neun Jahre nachdem Harpers Buch auf Deutsch erschienen ist, legt nun der Autor Ralf Isau, bekannt geworden mit Titeln wie "Das Museum der gestohlenen Erinnerungen" oder "Der Herr der Unruhe", seine Version von Miniks Geschichte vor. Dabei orientiert er sich deutlich und bis in die Beschreibungen einzelner Protagonisten hinein an Harpers Recherche (auf die er im Nachwort auch verweist), nur dass er, offenbar aus dramaturgischen Gründen, mit der spektakulärsten Szene beginnt: mit dem Besuch Miniks im Naturkundemuseum und der Begegnung mit dem Skelett seines Vaters. Von da an pendelt die Erzählung zwischen den Jahren vor und nach diesem Ereignis hin und her, bis beide Stränge wieder verbunden werden und die Geschichte auf ihr Ende zusteuert.

          Das ist nicht sonderlich raffiniert, Isaus Sprache ist es auch nicht. New York "pulsiert" natürlich, die Stadt ist ein "Moloch", wo "Abertausende" "täglich ums Überleben kämpfen", und so geht das fort. Andere Bilder kommen arg gezwungen daher: Da empfindet sich der sechzehnjährige Minik als "Maus, die Peary in das Fass New York geworfen hat. Um mich herum schwappt die Milch des Wohlstands, und ich werde trotzdem ertrinken" - all das nur, damit der Junge mit dem bekannten Bild von der zur Butter geschlagenen Milch getröstet werden kann.

          Einzelne Passagen sind durchaus gelungen, etwa die Schilderungen von Miniks Jagdzügen (auch wenn uns dabei gleich mehrfach die Weisheit aufgetischt wird, dass die wahre Tugend des Jägers in der Geduld bestehe) oder die Atmosphäre im Holzfällercamp in New Hampshire, Miniks letzter Station. Wenn es aber um den Jungen selbst geht, greift der Autor nicht selten auf Floskeln zurück, stattet ihn mit einem Bewusstsein aus, das eher dem späteren Beobachter zukommt, oder erlaubt sich gar kuriose Fehler, wenn etwa Minik, dem Isau einen großen Leseeifer attestiert, im 11. Kapitel des Romans nicht zwischen den Polarforschern Cook und Scott unterscheiden kann. Mitunter streift die Erzählung die Kitschgrenze, einige Male überschreitet sie sie auch, etwa wenn es um Miniks Liebe zur schönen Aleqasina geht, Pearys Geliebter in Miniks Heimat. Und warum der intelligente Inuit beim Räsonnieren über eine Region New Hampshires und deren Geschichte offensichtlichen Blödsinn von sich gibt, bleibt das Geheimnis des Autors.

          Immerhin ist dem trotz allem oft kurzweiligen Buch ein interessantes Nachwort beigegeben. Wer allerdings das vergriffene Werk Kenn Harpers irgendwie ergattern kann, ist damit besser bedient. Gemessen daran, ist Isaus Roman eine verpasste Chance.

          TILMAN SPRECKELSEN

          Ralf Isau: "Minik - An den Quellen der Nacht". Thienemann Verlag, Stuttgart 2008. 544 S., geb., 19,90 [Euro]. Ab 13 J.

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