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: Die Männer von Beaufort

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Sie spielen ein Spiel, wenn einer von ihnen getötet wird: "Er wird nicht mehr." Diese Worte werden einem entgegengeschleudert, beim Essenfassen, auf der Stube, beim Fußballspielen oder auf Heimaturlaub per Telefon. Dann muss der Satz vervollständigt werden. Jonathan wird nicht mehr seinen kleinen Bruder ins Kino mitnehmen.

          Sie spielen ein Spiel, wenn einer von ihnen getötet wird: "Er wird nicht mehr." Diese Worte werden einem entgegengeschleudert, beim Essenfassen, auf der Stube, beim Fußballspielen oder auf Heimaturlaub per Telefon. Dann muss der Satz vervollständigt werden. Jonathan wird nicht mehr seinen kleinen Bruder ins Kino mitnehmen. Er wird nicht mit seiner Freundin die erste gemeinsame Wohnung beziehen. Er wird nicht wissen, welches Lied sie an seinem Grab gespielt haben. Und er wird nie wissen, wie seine Kameraden über seinem Leichnam geweint haben.

          Das Ritual des Erinnerns betreiben die israelischen Soldaten auf der Bergfestung Beaufort im Südlibanon exzessiv, kein noch so triviales Detail wird dem Vergessen überlassen. So ertragen sie den Verlust, wenn ein Raketenangriff der Hizbullah wieder einen von ihnen das Leben gekostet hat. Sie spielen ihr trauriges Spiel, während sie unter meterdicken Betonschichten sitzen und die feindlichen Raketen auf den Stützpunkt niedergehen. Sitzen, erinnern, ausharren, den nächsten Angriff überleben.

          Der einundzwanzigjährige Offizier Eres und seine vierzehn frisch ausgebildeten Soldaten treffen im Sommer 1999 auf der Festung ein. Sie sind begierig auf ihren ersten Kontakt mit dem Feind und stolz, nicht in einer Kaserne im Hinterland Wachdienst zu schieben. Nur Eres kennt den Stützpunkt, kennt den zermürbenden Effekt der Abgeschnittenheit von der Heimat und die Bedingungen, unter denen die Soldaten hier leben. "Beaufort, das hieß, deine Mutter am Telefon anzulügen, damit sie sich keine Sorgen machte."

          Ans Tageslicht kommen die Soldaten nur zum Wachdienst, eine Dusche gibt es alle zwei Wochen, und nach drei Tagen im engen Schlaftrakt der Anlage - dem "U-Boot" - kann man die Kameraden im Dunkeln am Geruch der Stiefel voneinander unterscheiden. Die Trägheit des Ausharrens zwischen Wachdienst und Backgammon trennen nur Sekundenbruchteile von der Hektik eines Angriffs. "Nicht einmal Gott half dir, wenn alles in deinem Kopf durcheinanderging." Fast befreiend wirken die wenigen Einsätze auf die Soldaten, wenn sie keine zweihundert Meter vom Stützpunkt entfernt nachts die Auffahrtstraße sichern oder nach Minen absuchen - stets in Gefahr, unter Beschuss zu geraten und von einem "Hässlichen", einem Bergepanzer, gerettet werden zu müssen. Doch es ist besser, als einfach nur abzuwarten. So lange, bis der erste Kamerad fällt.

          Ron Leshems preisgekröntes und auch mit großem Erfolg verfilmtes Erstlingswerk "Wenn es ein Paradies gibt" ist Literatur, die unter die Haut geht. Unmittelbar eröffnet der israelische Autor und Journalist das intensive Gefühlsleben der Soldaten auf Beaufort: tiefe Freundschaft und Liebe zwischen den Soldaten, die gegenseitig ihr Leben schützen. Wut über die eigene Ohnmacht. Und Hass auf den Feind, dessen Attacken die Festungsbesatzung ausgeliefert ist. Dieser Hass ist nicht politisch oder religiös, sondern fast vollkommen kreatürlich - der Hass auf denjenigen, der das eigene Leben und das der Freunde bedroht.

          Die politischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten, die Uneinigkeit in der israelischen Gesellschaft über den Abzug im Libanon - all das berührt Eres und seine Truppe nur durch die praktischen Konsequenzen, die es für die Soldaten hat. Ein Abzug ist immer mit Gefahren für die abrückende Truppe verbunden, und keiner will der letzte Gefallene in einem Konflikt sein, dessen Ende bereits beschlossen ist. Niemals gibt der Text diese große Nähe zu seinen Protagonisten auf, stets bleibt er dicht an den Charakteren und ihrem persönlichen Schicksal - und so bleibt jede noch so politische Aussage subjektiv, wird nie zum Statement des Autors, sondern immer Teil einer fiktionalen Erzählung.

          Für seinen Mikrokosmos des Krieges, in dem der drohende Tod normal und ein Milchshake im Straßencafé etwas Besonderes ist, hat Leshem eine unverblümte, handfeste Sprache gefunden - eine, die man Armeesoldaten an der Front zutraut. "Wenn du neu warst, war Beaufort wie ein brummendes Arbeiterlokal. Und du? Du warst noch nicht mal der Araber, der den Salat schnippelt, du warst der Thailänder, der den Siff runterschrubbt, der an Bestecken, Nirostateilen und Tellern klebt." In dieser Sprache entfalten die unterschiedlichsten Emotionen - Wut, Freude, Trotz, Resignation - einen Klang, der bisweilen fast schon erschreckend realistisch ist. Diese poetische Alltäglichkeit lässt markante Formulierungen zu, die durch Einfachheit ihre Wirkung entfalten. "Wer sagt, der Tod hat kein Antlitz? Hat er sehr wohl."

          Nicht zuletzt lässt Leshems Stil keine andere Wahl, als in das Leben der Soldaten auf Beaufort einzutauchen, mit ihnen zu fiebern und zu leiden, um am Schluss zu wissen, dass ein Krieg weder gut noch heroisch ist, sondern eine Erfahrung, deren Intensität ans Unmenschliche grenzt.

          THOMAS SCHOLZ

          Ron Leshem: "Wenn es ein Paradies gibt". Roman. Aus dem Hebräischen übersetzt von Markus Lemke. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2008. 352 S., geb., 19,90 [Euro].

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