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„Die Liebe einer Frau“ von Alice Munro : Schonung der Frauen

  • -Aktualisiert am

Bild: S. Fischer

Ihre Erzählungen haben sie tatsächlich romaneske Qualitäten, sie skizzieren ganze Lebenspanoramen: „Die Liebe einer Frau“ der Kanadierin Alice Munro.

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          Als Alice Munros Erzählsammlung "The Love of A Good Woman" (1998) erschien, kannte die Begeisterung der angelsächsischen Kritik kaum Grenzen. Die "New York Times" verglich die kanadische Autorin mit Tschechow. Die "International Herald Tribune" erklärte, die Tiefe, Feinheit und Subtiliät dieser Erzählungen seien ohne Konkurrenz.

          Es ist ein offenes Geheimnis, daß deutsche Verleger Erzählungen nicht mögen. Sie sind der Meinung, die Leser liebten keine kürzeren Texte, und die Kritik beachte sie weniger als Romane. Wenn aber die Texte solche Qualitäten haben wie die vorliegenden, wenn der Ruhm einer Autorin wie Alice Munro - sie hat als junge Autorin einen einzigen Roman geschrieben - ausschließlich auf Erzählungen beruht, dann kann vor allem die Kritik die Augen davor nicht verschließen.

          Sie vertritt Werte, unauffällig, aber entschieden

          Der S. Fischer Verlag, der jetzt erstmals ein Werk dieser Schriftstellerin vorlegt (die früheren Bände erschienen bei Klett-Cotta), hat dieses Vertrauen auf Leser und Kritik offenbar nicht. Die Titelgeschichte wird, was Alice Munros Intentionen widersprechen dürfte, als "kurzer Roman" ausgegeben. Der Titel des Bandes wird tendenziell verändert. Noch schlimmer: der Originalband wird ohne jeglichen Hinweis um die Hälfte gekürzt. Statt acht Erzählungen werden dem deutschen Leser nur vier geboten. Das könnte man sich erklären, wenn die Schriftstellerin hierzulande völlig unbekannt wäre, der Verlag einen Versuchsballon starten wollte. Warum aber das Erzählwerk einer renommierten Autorin überhaupt neu übernehmen, wenn man zugleich demonstriert, daß man nur halbherzig dahintersteht?

          Alice Munros Werk besitzt Eigenschaften, die quer liegen zu den Vorstellungen und Erwartungen, die man hierzulande der angelsächsischen Literatur entgegenbringt. Ihre Erzählungen - und darin haben sie tatsächlich romaneske Qualitäten - skizzieren ganze Lebenspanoramen. Der Minimalismus der heutigen amerikanischen Erzählliteratur war nie ihre Sache. Noch schwieriger: Diese Autorin vertritt unauffällig, doch entschieden Werte. In den deutschen Klappentexten und Verlagsankündigungen, sogar in den Kritiken, wird darauf nie verwiesen, gerade so, als sei dies ein gravierender Mangel. Man spricht von Untergründigkeit und Ironie, von kriminalistischen Qualitäten und subtilen Schaudereffekten, nie aber davon, daß es hier um das Gewissen und seine Vergewaltigung, ja um den Kampf von Gut und Böse geht. Vielleicht ist das Alleranstößigste darin zu sehen, daß Alice Munro immer wieder zeigt, wie in einfachen alltäglichen Verhältnissen das Gute aufscheinen kann, ja sich durchzusetzen vermag.

          Das, was Munro Liebe nennt

          Damit wären wir bei der Titelgeschichte, in deren Mittelpunkt Enid steht, die "gute Frau". Von ihr heißt es: "Ihre Hoffnung war es, gut zu sein und Gutes zu tun, und das nicht unbedingt in der geordneten, üblichen weiblichen Weise." Diese Frau, die als private Krankenpflegerin arbeitet, kümmert sich um eine todkranke Frau und deren verwahrloste Kinder. Die Kranke, die auf ihrem Sterbebett noch Gift und Galle speit, ihren Mann eines Mordes bezichtigt, ist die Verkörperung des Bösen schlechthin. Ihre Dramatik bezieht die Geschichte weniger aus dem nicht aufgeklärten Mord als aus den Versuchungen, denen die "gute Frau" ausgesetzt wird. Die schlimmsten entspringen dabei Enids eigenem Inneren. Hier sind es die verborgenen Wünsche, die dem schwerblütigen Mann der Kranken gelten. Die Pflegerin hat ihn einst als ewig errötenden, gehänselten Mitschüler gekannt. Dieser Farmer wird als ein Mensch beschrieben, der sich geniere, "in der Welt Raum einzunehmen und einen Namen zu haben, bei dem andere ihn rufen konnten, jemand zu sein, den andere zu kennen meinten". Doch wie stets bei Alice Munros positiven weiblichen Figuren siegt die Vernunft, der Wille, sich zurückzunehmen, die Entschlossenheit, den anderen zu schonen, die Selbstverleugnung. So gibt sie ihre ursprüngliche Absicht auf, den Mann mit dem vermeintlichen Mord zu konfrontieren. "Was konnte nicht aus ihrem Schweigen, ihrem Mittun in Schweigen für Wohl erwachsen . . . Dies war, was die Welt bewohnbar hielt."

          Ähnlich handelt eine wenig erfolgreiche ältere Schauspielerin, die in der Erzählung "Einzig der Schnitter" ihrem Schwiegersohn, dessen Kinder sie unwillentlich in eine komische, aber auch gefährliche Situation gebracht hat, von diesem abgrundtief Bösen nichts erzählt. "Es gibt Menschen" heißt es von diesem jungen Mann, "die Rechtschaffenheit und Optimismus mit sich herumtragen, die jede Atmosphäre, in der sie sich aufhalten, zu reinigen scheinen, und solchen Menschen kann man nichts Schlimmes erzählen, es wäre zu zerstörerisch." Immer sind es Frauen, die diese Schonung, Fürsorglichkeit, Vergebung ausüben, eben das, was Munro Liebe nennt. Die Männer, die durch die Augen von Frauen gesehen werden, haben ein solches Entgegenkommen offenbar nötig. Sie sind schwach, unfähig, ungeschickt, manchmal, wie der in seinem Auto im Wasser liegende ermordete oder ertrunkene Optiker, brutal.

          Emanzipiert von der Middle-class-Wohlanständigkeit

          Selbst der von einem Schlaganfall gelähmte Greis in "Cortes Island", der seine junge Betreuerin zur Mitwisserin eines lange zurückliegenden Unglücks macht, das vermutlich ein Mord war, strahlt diese gewalttätige Bosheit aus. Indes, es wäre falsch, Alice Munro als Feministin zu bezeichnen. Ihre Protagonistinnen, die ihre Entscheidungen selbständig und kühn treffen, haben sich von einer britisch gefärbten Middle-class-Wohlanständigkeit emanzipiert, ihre eigenen, von einer humanen Ethik bestimmten Lebensregeln geschaffen.

          Die Kinder dagegen kann man aus dem Leben dieser Frauen nicht wegdenken. In jeder Erzählung sind sie, oft als Katalysatoren der Handlung, vorhanden, als Babys, Kleinkinder, Teenager. Ein wahres Kabinettstück liefert die Autorin in dem "Skagerrak" überschriebenen Abschnitt der Titelerzählung. Drei herumstreunende Halbstarke, die auf großmäulig jungmännerhafte Weise die Muskeln spielen lassen, finden den im Wasser liegenden Toten. Meisterhaft gibt Munro die emotionale Verwirrung der jungen Leute wider, denen die Entdeckung buchstäblich die Sprache verschlägt. Für den weiteren Verlauf der Geschichte spielen diese Burschen keine Rolle mehr. "Skagerrak" ist einer jener zunächst wie tote Gänge anmutenden Stollen, die in den Fuchsbau der Erzählung führen.

          In der Übersetzung etwas stärker koloriert

          Alice Munro liebt solche Nebengänge. Die familiären Szenen beim häuslichen Mittagessen der Jungen werfen Schlaglichter auf das soziale und mentale Gefüge der Kleinstadt, in der Enid Gutes zu tun versucht. Die formale Kunstfertigkeit, der Perspektivenwechsel, die unterschiedlichen Zeitebenen, das episch langsame Enthüllen oder auch nur halbe Enthüllen schwer lastender Geheimnisse verleihen Alice Munros Erzählungen ihre Tiefe, ihren Reichtum, ihre Weltläufigkeit - und dies, obwohl sie nur einen ganz beschränkten Ausschnitt der Wirklichkeit wiedergeben.

          Die Übersetzerin Heidi Zerning neigt zu einer etwas stärkeren Kolorierung, als sie Alice Munro eigen ist. "Unseemly thrashing around" (unpassende Herumtreiberei) mit "lotterhaftes Gestrampel" wiederzugeben, klingt zwar apart, bringt aber in die fast klassizistisch einfache Sprache der Erzählerin, die alle auffälligen Wendungen meidet, einen Mißton.

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