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: Die leichten Augenblicke der Liebe

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Am Anfang liegt ein großer Glanz über der Geschichte. Sie spielt im Sommer des Jahres 1978 auf der Insel Capri - und weil man nicht genau genug sein kann, wenn es um einen überwältigenden Zustand, also um die Liebe, geht, benennt Arnold Stadler exakt den Tag, den Ort und die Figuren, die von nun ...

          Am Anfang liegt ein großer Glanz über der Geschichte. Sie spielt im Sommer des Jahres 1978 auf der Insel Capri - und weil man nicht genau genug sein kann, wenn es um einen überwältigenden Zustand, also um die Liebe, geht, benennt Arnold Stadler exakt den Tag, den Ort und die Figuren, die von nun an und für immer mit dem ungeheuren Gefühlsgeschehen verbunden sind.

          Es ist Donnerstag, der 24. August, zugleich der letzte Ferientag von Roland und Rosemarie, zwei Studenten aus Freiburg. Sie sind noch keine vierundzwanzig Jahre alt und werden in knapp drei Monaten heiraten. Von den Prachtserpentinen der Via Krupp aus sind sie die steile Treppe zum Meer hinabgestiegen, haben ihre Handtücher vor den Faraglioni-Felsen ausgebreitet und genießen nun den Tag. Man müsse sich, so instruiert uns der Erzähler, zu all dem noch "die Musik dazudenken", die "Sommerlieder aus San Remo", die aus den "Transistorradios" der Strandbesucher tönen, dazudenken ferner "den Sog der Wellen", "die Sonne und ihr Glitzern und Glimmern auf dem Wasser", das "ältere Paar aus Neapel", das sich mit Sonnenschirm und einem Packen illustrierter Blätter neben den jungen Leuten aus Deutschland eingerichtet hat - jene "Französin" nicht zu vergessen, die in der Nähe lagert und deren einzige Kleidung, als sei sie einem Film von Claude Chabrol entsprungen, aus "einer rabenschwarzen Sonnenbrille mit Spiegelglas" besteht.

          Der schaumgeborene Gott.

          Die Szene ist perfekt. Sie wird für beide, für Roland und Rosemarie, überwältigend, als sich Jim, ein Amerikaner mit italienischen Vorfahren, in sie hineinspielt. Ganz am Ende des Buchs wird sich Roland noch einmal des Augenblicks erinnern, als dieser Jim aus den Wellen kam, und er wird, inzwischen elf Jahre älter, ein gescheiterter Philosoph zudem und ein gewordener Schriftsteller, nicht umhin können, den Mythos der Aphrodite zu bemühen, um die einstige Überwältigung zu beglaubigen - als Anadyomene, als Schaumgeborene, war die Göttin dem Meer entstiegen. Um aber auch Jims unwiderstehlich androgyne Ausstrahlung zu beglaubigen, nehmen uns, einige Kapitel vor dem Ende, der Autor und sein Erzähler mit in ein Freiburger Studentenkino und in einen Film, "der den Himmel und die Erde versöhnte" - in Pier Paolo Pasolinis "Teorema" von 1968 mithin, in dem ein junger gottähnlicher Kerl eine ganze Familie erst verführt und dann verlässt: "Der Hauptdarsteller Terence Stamp", heißt es, "sah Jim zum Verwechseln ähnlich." Und weil der Autor Arnold Stadler als Romanerzähler bisweilen direkt mit uns, seinen Lesern, spricht, fügt er bekräftigend hinzu - "nun wissen Sie es."

          Es ist zu wissen, dass Stadler in seinem neuen Roman, dem mittlerweile achten seit 1989, eine Zauberkulisse zu errichten versteht, die nie in Kitschnähe gerät. Mit Hilfe einiger erzähltechnischer Kniffe hält er seine Geschichte zumindest zu Beginn in der schönen Schwebe zwischen Sinnlichkeit und Vernunft, zwischen Melancholie und Emphase. Kaum also sind im Beziehungsdreieck zwischen Roland, Rosemarie und Jim die ersten Blicke gewechselt, genehmigt sich das Buch auch schon eine Rückblende auf die Nachkriegsreisen des wundersam-liebenswerten, zudem lesbischen "Fräulein Hahn", einer Tante Rolands. Es erlaubt sich sogleich eine ironische Kulissenkritik: "Kein Mensch, der 1978 auf sich hielt, fuhr nach Capri, außer einigen, die es sich leisten konnten." Und Stadler lässt nie einen Zweifel daran, dass es, zumal in den Nebenrollen, Kunstfiguren sind, die, gerade noch heftig agierend, auch gleich wieder "aus dieser Geschichte verschwinden" werden.

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