https://www.faz.net/-gr3-113py

: Die Kriege, der Terror und die Stille danach

  • Aktualisiert am

Schweigen ist die Antwort. Schweigen, Verschweigen und Vergessen. Nach der Rückkehr aus der Welt, nach der Rückkehr aus dem Krieg, dem Wahnsinn, dem Töten ringsumher. Wer in der Hölle war, will vergessen und sonst nichts. "Ich schloss die Augen und versuchte, alle Bilder von diesem Zimmer aus meinem Gedächtnis zu löschen.

          7 Min.

          Schweigen ist die Antwort. Schweigen, Verschweigen und Vergessen. Nach der Rückkehr aus der Welt, nach der Rückkehr aus dem Krieg, dem Wahnsinn, dem Töten ringsumher. Wer in der Hölle war, will vergessen und sonst nichts. "Ich schloss die Augen und versuchte, alle Bilder von diesem Zimmer aus meinem Gedächtnis zu löschen. Ich wollte mich später nicht daran erinnern. Ich wollte nie wieder hierher zurückkommen." Nie wieder. Wie erzählt die Literatur der Gegenwart vom Krieg? Wie vom Terror, von der Angst? Wie erzählen, wenn Täter und Opfer schweigen und vergessen wollen? "Der Ennui des Flaneurs des 19. Jahrhunderts hat sich in die politische Apathie des Bürgers des 21. Jahrhunderts verwandelt", hat die englische Autorin Zadie Smith gerade in einem Text über realistische Literatur der Gegenwart im "New York Review of Books" geschrieben. Aber stimmt das überhaupt?

          In diesem Herbst sind auf Deutsch drei Bücher junger amerikanischer Autoren erschienen, zwei Romane und ein Erzählungsband, die auf unterschiedliche Weise dieser Apathie begegnen. Auf unterschiedliche Weise Formen des engagierten Schreibens erproben, dem man in unserer Gegenwart kaum noch begegnet. Matthew Eck, 34, war Mitte der neunziger Jahre Soldat der US-Army auf Haiti und in Somalia. Er brauchte Geld fürs College und Stoff für seine Bücher, also ging er zur Armee. Daniel Alarcón, 31, wurde in Lima geboren. Als er drei Jahre alt war, verschwand sein Onkel, wie viele tausend andere Menschen damals in Peru. Er floh mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten. Später kehrte er für ein Jahr allein zurück, auf der Suche nach dem Leben, das er dort nicht gelebt hatte. Nam Le, 30, war noch ein Säugling, als er mit seiner Familie auf einem Boot von Vietnam nach Australien floh. Er arbeitete später als Anwalt in Melbourne. Schon seine juristische Abschlussarbeit an der Universität hatte er in gereimten Versen abgegeben. Er blieb nicht lange Anwalt, reiste um die Welt, schrieb einen 700-Seiten-Roman, studierte in Iowa Creative Writing, warf den Roman weg und begann Geschichten zu schreiben.

          Allein unter Feinden

          Die Bücher der drei Debütanten handeln vom Krieg und vom Vergessen in den unterschiedlichsten Gegenden der Welt. Sie versuchen das Unerzählbare zu erzählen. Das Zitat oben, am Anfang des Textes, stammt aus dem Roman von Matthew Eck, dem Soldaten auf der Suche nach dem Erzählstoff. Er hat in Somalia mehr als genug davon gefunden. Sein Buch heißt auf Deutsch "Das entfernte Ufer", und der Moment, in dem der Ich-Erzähler die Augen schließt, um schon im Augenblick des Erlebens das Vergessen zu üben, steht etwa in der Mitte des Buches. Es erzählt die Geschichte von sechs GIs, sie sind Späher auf dem Dach des höchsten Hauses in einer namenlosen Stadt, wahrscheinlich Mogadischu, sie geben Anweisungen an die amerikanischen Bomber, die ihre Angriffe auf die Stadt fliegen, in der irgendwo Kriegsherren wohnen. Sie haben die ganze Stadt im Blick, auch in der Nacht, "die armen Seelen da unten, diese armen Schweine hatten keine Ahnung, dass wir sie vom Dach des höchsten Gebäudes der Stadt beobachteten". Sie selbst sind die Herren des Krieges in diesem Moment. Doch etwas geht schief. Auf dem Weg hinunter vom Dach erschießen sie in der Dunkelheit zwei unbewaffnete Jungen, ihr Wagen wird gestohlen. Später fällt auch noch ihr Funkgerät aus. Sie sind von ihrer Truppe getrennt, allein auf sich gestellt in einem Land, von dem sie nichts wissen, dessen Landessprache sie nicht sprechen. Und die Kriegsherren vom Dach sind plötzlich die Gejagten, denn der Mord an den Jungen spricht sich in Windeseile herum. Die ganze Stadt jagt sie.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rivalität mit Amerika : Was braucht China noch zur Weltmacht?

          Die Geschichte der Menschheit ist geprägt vom Aufstieg und Niedergang mächtiger Reiche und Staaten. Ist Amerikas Absturz unvermeidlich? China zeigt schon jetzt, welche internationale Ordnung es sich vorstellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.