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: Die Kraniche des Pfiffikus

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Und schon ist da etwas im Fadenkreuz. Wer bei Google Earth "Kearney, Nebraska" eingibt, stößt direkt ins Herz Amerikas. Ein Volltreffer. Ein Ort, der schon durch seine Koordinaten mehr ist als nur ein Sammelplatz für 25 000 Seelen. Er ist die geographische Mitte Amerikas, das Zentrum, in dem sich ...

          Und schon ist da etwas im Fadenkreuz. Wer bei Google Earth "Kearney, Nebraska" eingibt, stößt direkt ins Herz Amerikas. Ein Volltreffer. Ein Ort, der schon durch seine Koordinaten mehr ist als nur ein Sammelplatz für 25 000 Seelen. Er ist die geographische Mitte Amerikas, das Zentrum, in dem sich alles bündeln soll, was sich über dieses Land sagen läßt, wenn man es als Romanschauplatz ins Visier nimmt: der Landeplatz für die "Great American Novel" und nicht nur für die halbe Million Kanadakraniche, die hier in jedem Februar auf ihrem Weg nach Alaska Station machen. Darunter macht es der neunundvierzigjährige Richard Powers nicht. Als Schwergewichtsschriftsteller findet er die große Welt auch im kleinsten Nest. Alles ist erläutert: von 9/11 bis zum Krieg gegen den Terror, von der Ökologie bis zur Kulturkritik, von der Flatrate bis zum Multi-Player-Onlinespiel, auch die Hirnforschung nicht zu vergessen.

          Dafür lieben ihn viele Rezensenten, vor allem in Europa, für die ganz große Leinwand, und die deutschen Titel helfen noch ein bißchen nach, damit es klingt wie in Stein gemeißelt: "Der Klang der Zeit" (im Original: "The Time of Our Singing") oder "Das Echo der Erinnerung" ("The Echo-Maker"). Da versteigt sich auch schon mancher zu der Formulierung, daß auf vielen hundert Seiten kein Satz zuviel sei, was wohl vor allem daran liegt, daß Richard Powers viele Sätze wie Brosamen in seinem Text verstreut, die sich schön zitieren lassen, tief und voller Nachhall. Sätze, die wie Merksätze klingen, Aphorismen, in denen die Welt auf den Punkt kommt.

          Im Grunde jedoch ist "Das Echo der Erinnerung" eine kleine Geschichte aus der amerikanischen Provinz. Sie handelt von dem siebenundzwanzigjährigen Mark, der nach einem Unfall ins Koma fällt und als ein anderer wieder erwacht; von seiner vier Jahre älteren Schwester Karin, die sich für ihn aufopfert; auch ein wenig von beider Familiengeschichte. Da ist eine rätselhafte Frau, und da ist Gerald Weber, der berühmte Hirnforscher und Bestsellerautor. Doch diese kleine Geschichte ist so groß orchestriert, daß alle brennenden Probleme der modernen Welt Platz in ihr finden. Man kann das schon ein bißchen prätentiös finden oder zumindest arg überfrachtet, und die Geschichte ächzt dann auch immer wieder unter der Bedeutungslast.

          Es ist ja nicht so, daß Powers ein Blender wäre. Er schreibt bisweilen wunderbare Sätze, er hat alle Fäden jederzeit in der Hand, er versenkt sich mit Hingabe in Details, doch walzt er sie dabei mitunter etwas zu sehr aus, und er hat die etwas aufdringliche Angewohnheit, wenn er einen Ort, ein Ding, eine Szene klar und anschaulich geschildert hat, mit einer ordentlichen Bilanz zu schließen. Er läßt, zum Beispiel, den Hirnforscher durch die eintönigen Kleinstadtstraßen gehen, er beschreibt minutiös, was dieser sieht, die Fassaden, die Plakate, die Auslagen, und dann kommt der Satz, der den Absatz resümiert: "Die ganze Stadt lebte ständig in einem Zustand der retrograden Amnesie." Von diesen diagnostischen Wendungen gibt es zu viele, ganz als traute Powers der Kraft seiner Beschreibungen nicht, doch meistens bleiben sie gefällig, ein wenig streberhaft und ohne jene Schärfe, die sie etwa bei einem Don DeLillo haben.

          Richard Powers fehlt die Lakonie, die Entspanntheit im Umgang mit der Welt, wie sie so viele große amerikanische Romane auszeichnet; und er mag sich nicht begnügen mit dem Horizont seiner Protagonisten, der ja, wenn er nur präzise genug geschildert wird, ganz von selbst über sich hinausweist. Er muß den Menschen Gedanken in den Kopf setzen oder Worte in den Mund legen, die sich dort sehr fremd ausnehmen. Er kann die Charaktere nicht einfach einer Entwicklung überlassen, er muß sie zum Holzschnitt machen.

          Daniel zum Beispiel, Karins Jugendliebe, mit der sie sich wieder einläßt, Daniel, der sich um die Kraniche sorgt, wird mit jedem Auftritt mehr zum Abziehbild: ein Vegetarier, der ohne Spülmittel spült, für den Nachtisch eine Sünde ist und der dann auch noch sagen muß: "Glaub mir, die Profitgier läuft Amok." Oder: "Eine Million Spezies dem Untergang geweiht. Da können wir uns nicht zu viele Gedanken um unsere persönlichen Pfade machen." Ein Gutmensch aus der Provinz, wie er besser nicht im Buche stünde.

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