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Reich werden mit Kapitalismuskritik: Marc-Uwe Kling Bild: Ullstein Verlag

„Die Känguru-Apokryphen“ : Der haarige Mitbewohner ist wieder da

  • -Aktualisiert am

Mit der Trilogie über sein kommunistisches Beuteltier wurde Marc-Uwe Kling berühmt. Die „Känguru-Apokryphen“ runden das Werk ab – und wieder liest der Autor selbst vor.

          Die nächste Staffel, die nach der richtig guten, ist dann immer die, in der massive Qualitätsverluste auftreten. Der Plot wird absurd. Etwa zieht die Protagonistin plötzlich aus Liebe zu ihrem jahrelangen Off/On-Boyfriend und gibt dafür ihre eigene, große, erfolgreiche New Yorker Kanzlei auf. Jedem Zuschauer ist klar, dass die Schauspielerin einfach für keine Honorarerhöhung der Welt mehr weiter mitmachen wollte. Statt ihre Rolle einfach durch Mord aus der Welt zu schaffen, was wahrscheinlicher gewesen wäre – nur zum Vergleich: von achtzig Millionen Deutschen sterben pro Jahr 405 Menschen so –, muss es ein Umzug mit Beziehungsmotiv sein.

          Marc-Uwe Kling, der Kleinkünstler mit dem nervigen, verfressenen, behaarten Mitbewohner, würde sich solche Ungereimtheiten nicht durchgehen lassen. Seine Beziehung, das Känguru, war auch schon mal eine Weile aus der Serie verschwunden. Aber erstens war es nicht wirklich weg und zweitens nur untergetaucht, um seine Organisation, das Asoziale Netzwerk, nicht zu gefährden, und drittens spielt es ja sich selbst, eine Rolle, die niemand einfach so aufgibt, so interessant andere Angebote sein mögen.

          Marc-Uwe Kling: „Die Känguru-Apokryphen“ (als Taschenbuch)

          Man kann es sich also ganz gemütlich machen, verkehrtherum auf dem Sofa mit dem Kopf nach unten und den Beinen auf der Lehne und dabei Schnapspralinen lutschen, die Viagrawerbung auf dem Computer wegklicken, seinem Partner neue, teure Klingeltöne aufs Handy laden, und sich den Känguru-Bonus anhören: die „Känguru-Apokryphen“.

          Auch sie bekommen den Stempel „witzig, Marc-Uwe“. „Apokryphen“ sind hier nachgereichte, bislang in der Schublade gelegene Känguru-Geschichten, die nun dem Dunkeln entrissen, zwar immer noch keinem Kanon zugerechnet werden können, aber doch die Sehnsucht nach dem frechen Beuteltier und seinem wenigstens nicht komplett wehrlosen Mitbewohner stillen (Das Känguru: „Das ist ein richtiger Kack-Titel“).

          Man kann, während man sie hört, was dem gebildeten Autor gewiss schmeichelt, ohne dass er es zugeben würde, soziologische Studien über den Witz anstellen. Wann ist es erst recht witzig, wenn ein Spruch zum soundsovielten Male wiederholt wird, und wann hat der Spruch zur Folge, dass man milde, wiedererkennend, aber leicht enttäuscht nickt und denkt „Darüber musste ich beim ersten Mal Hören so lachen am Steuer, dass 150 Stundenkilometer keine sichere Geschwindigkeit mehr waren“. Na ja, sicher, unsicher, das sind doch alles bürgerliche Kategorien.

          Eigentlich ist ja schon der Vorname des Autors ein Witz, halb römischer Kaisername, halb bundesrepublikanisches Kleinbürgertum, „friesischer Lallname, Etymologie ungeklärt“. Genauso schreibt er auch. Die falsch zugeordneten Zitate und anderen anspruchsvollen Verweise auf die Welt-Kulturgeschichte haben es in sich. Ohne sämtliche Filme mit Bud Spencer und Terence Hill sowie „Star Wars“ in und auswendig zu kennen, kann man das unterbrechungsfreie Hören der „Apokryphen“ vergessen. Wer von uns wäre kein abgebrochener taxifahrender Langzeitstudent gewesen. Andererseits sind wir alle halb erwachsene Jungs, die Schnickschnackschnuck spielen und Wetten abschließen, die einem das Badputzen ersparen, das Aufräumen der Rumpelkammer oder den Einkauf von Pfannkuchenzutaten.

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          In Familien, die Känguru-Chroniken, Känguru-Manifest und Känguru-Offenbarung zusammen gehört haben, werden im Alltag heranschwallende langweilige Witze seit Jahren nur mit einem nickenden „Ha, Ha, Muh, Muh . . .“ kommentiert, wie es Julia Müller, der dämlichsten aller Moderatorinnen, einer von Klings lustigsten Erfindungen, ständig entfährt. Super ist auch die Job-Center-Sachbearbeiterin, die nach den ersten Sätzen des Kängurus, in denen es seine Arbeitserfahrungen als Erdbeer-, Bier- und Bratwurstverkäufer schildert – jeweils nie über die Probezeit hinausgekommen –, seufzt: „Ich wünschte, ich wäre tot.“ Der moderne Dienstleistungsarbeitsalltag als antikes Drama.

          Das Känguru spiegelt in seinen Wesenszügen den Charakter der Hauptstadt: Es ist vom Stamme Nimm, übergriffig und latent gewaltbereit, ein Schnorrer und Streuner, aber höchst unterhaltsam, wie Berlin, das vom Finanzausgleich der Länder lebt, von den Bayern, um genau zu sein, und dafür eine Berlinale veranstaltet, auf der Anke Engelke oder Barbara Schöneberger moderieren und sich Brad Pitt auf den Schoß setzen. Nein, Marc-Uwe, du bist viel unterhaltsamer, und das Känguru sieht viel besser aus. Ach ja, und für diese Feststellung, Marc-Uwe, will ich zehn Prozent der Einnahmen.

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