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Olga Tokarczuks „Jakobsbücher“ : Der falsche Messias

  • -Aktualisiert am

Eine Portion magischen Realismus wusste sie schon immer mühelos herbeizuzaubern: Olga Tokarczuk Bild: Frank Röth

In ihrem Magnum Opus „Die Jakobsbücher“ rekonstruiert Olga Tokarczuk den verworrenen Lebensweg des Sektenführers Jakob Frank. In Polen wurde die Literaturnobelpreisträgerin nach Erscheinen des Buchs als Staatsfeindin abgestempelt.

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          Das Interesse sei groß, das Buch aber leider nicht lieferbar: Diese Antwort, die wir vor Kurzem in einer führenden Münchner Buchhandlung bekamen, als wir wissen wollten, wie sich der neue Roman der frisch gekürten Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk denn verkaufe, spricht Bände. Denn einerseits ist da diese Autorin, die zwar in Deutschland seit Langem keine Unbekannte mehr ist, deren letzte deutsche Veröffentlichung aber („Der Gesang der Fledermäuse“) bereits acht Jahre zurückliegt und die nun als denkbare, doch nicht unbedingt erste Kandidatin für den wichtigsten Literaturpreis der Welt galt.

          Und andererseits hat es die polnische Literatur hierzulande nicht leicht. Von der Kritik wird sie meistens wahrgenommen und nicht selten mit Lob bedacht, die Leser aber bleiben oftmals eher zurückhaltend. Verständlich also, dass der kleine Zürcher Kampa Verlag, den es selbst erst seit einem Jahr gibt, Olga Tokarczuks sehr aufwendig gestalteten, fast 1200 Seiten starken Roman offenbar fürs Erste nur in einer kleinen Auflage herausbrachte. Ob er nun aber, nach dem nobelpreisbedingten Nachdruck, auf einen großen Publikumserfolg hoffen darf? Das wagt man zu bezweifeln, auch wenn es ein Buch ist, auf das man gar nicht anders reagieren kann als mit einer tiefen Verbeugung. Ein enormer literarischer Kraftakt, ein enzyklopädisches Werk, das dem Leser entsprechend viel Zeit, Geduld, Konzentration und Wissensdurst abverlangt.

          Allein die Frage, wovon diese, wie der Untertitel verspricht, „große Reise über sieben Grenzen, fünf Sprachen und drei große monotheistische Religionen“ handelt, ist nicht so schnell und eindeutig zu beantworten, wie es auf den ersten Blick scheint. Vordergründig folgt sie den Spuren desjenigen, von dem sich der Haupttitel des Romans ableitet: Jakob Frank, Anführer einer jüdischen mystischen Bewegung und selbsternannter Prophet, der im achtzehnten Jahrhundert wirkte und dabei so berühmt wie umstritten war. Seine Fähigkeit, Tausende von Anhängern um sich zu scharen, basierte allerdings kaum auf der Tiefe oder Originalität seiner Gedanken, im Gegenteil, seine Lehren waren nur „ein Sammelsurium aus den Theorien der türkischen Sabbatianer und der Kabbalisten“. Er verdankte den Erfolg vielmehr seinem Charisma, der Kühnheit seiner Ziele und der Ungewöhnlichkeit der Mittel, zu denen er griff, um sich Gehör zu verschaffen.

          Olga Tokarczuk: „Die Jakobsbücher“. Aus dem Polnischen von Lisa Palmes und Lothar Quinkenstein. Kampa Verlag, Zürich 2019.1184 S., geb., 42,– €.

          Nicht nur dass er die Gesetze des Talmuds ablehnte – er wechselte sogar mehrmals die Religion; er strebte nach einem Leben, das auf Freiheit und Gleichheit der Menschen basieren würde; er wollte seinem Volk zu mehr Selbstbewusstsein und Geltung verhelfen. Seine Anhänger versuchte er davon zu überzeugen, eine Reinkarnation von Schabbatai Zwi, den Begründer der sabbatianischen Bewegung, zu sein, und danach ging er sogar noch weiter, indem er sich gern als menschliche Inkarnation Gottes inszenierte. Mit dem Ergebnis, dass er von den anderen als der neue Messias verehrt, von den anderen als Hochstapler verschrien wurde.

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