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Olga Tokarczuks „Jakobsbücher“ : Der falsche Messias

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Das Leben des 1726 in Korolówka, einem Dorf in Podolien, geborenen Ja’akow Josef ben Jehuda Lejb, wie sein echter Name lautete, war nicht minder kompliziert als seine Ansichten. Es spielte sich zwischen der Polnisch-Litauischen Republik, dem Osmanischen Reich, dem Habsburgerreich, das Königreich Böhmen und Mähren und dem Heiligen Reich Deutscher Nation ab, und die Städte Bukarest, Istanbul, Saloniki, Warschau, Lemberg, Tschenstochau und Offenbach waren nur die wichtigsten seiner zahlreichen Stationen. Er konvertierte zum Islam, um dann zum Christentum überzutreten und sich gleich zweimal taufen zu lassen, er gewann die Gunst der damaligen Herrscher und verlor sie wieder, er wurde von den Polen der Ketzerei beschuldigt und jahrelang im Klostergefängnis von Tschenstochau gefangen gehalten, von wo er von den Russen befreit wurde. Schließlich kam er mit seiner Gefolgschaft nach Offenbach, wo der Fürst von Isenburg ihm sein Schloss zur Verfügung stellte und wo er sich den Titel eines Barons zulegte. Dort starb er 1791 und geriet in Vergessenheit. Viele Jahre später gelangte sein Schädel nach Berlin, wo er nach einer peniblen Untersuchung „als Beweis der Unterlegenheit der jüdischen Rasse“ galt.

Franks Leben war nicht minder kompliziert als seine Ansichten

Um diese schier unglaublichen Wenden glaubhaft erscheinen zu lassen, stellt Tokarczuk ihrem Protagonisten eine Reihe von Nebenfiguren zur Seite: den katholischen Pfarrer Benedykt Chmielowski, der dem Judentum viel Respekt und Interesse entgegenbringt, die Kastellanin Katarzyna Kossakowska und die Dichterin Elźbieta Druźbacka, die genau die entgegengesetzte Position vertreten, oder den Juden Nachman, einen von Franks Anhängern. Und sie erzählt seine Geschichte in einem Stil, in dem die berichtenden Teile, die sie mit der Nüchternheit und Genauigkeit eines Chronisten gestaltet, mit Passagen versetzt sind, von denen mal eine poetische, mal eine metaphysische Aura ausgeht.

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In ein solches Buch gehört natürlich auch eine Portion magischer Realismus, den Olga Tokarczuk schon immer mühelos herbeizuzaubern wusste. Man denke nur an ihren bekanntesten Roman, „Ur und andere Zeiten“, dessen Handlungsort, das Dorf Ur, einerseits reale, andererseits phantastische, zuweilen biblische Züge trägt und einen Mikrokosmos bildet, in dem Geist, Materie und Natur fließend ineinander übergehen. In den „Jakobsbücher“ ist es die alte Jenta, Jakobs Großmutter, die für das magische Klima sorgt. Sie liegt bereits im Sterben, doch „plötzlich, als hätte es einen Schlag getan“, sieht sie „alles von oben“ und, was am wichtigsten ist: „Von nun an bleibt es so – Jenta sieht alles“. Als sie schon einen Teil des Romans fertig gehabt habe, gestand einmal die Autorin, sei ihr klar geworden, dass sie es eine alles koordinierende Instanz brauche, sonst komme sie mit dieser Menge Material nicht zurecht. „Und als ich Jenta hatte“ freute sie sich, „fing alles an, Sinn zu ergeben.“

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