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Kenah Cusanits Roman „Babel“ : Die innovativsten Ausgräber im Orient

Auf einmal gibt der Lehm das heilige Tier des babylonischen Wettergottes frei: Ausgrabung des Ischtar-Tors. Bild: Verlag J. C. Hinrichs, Leipzig 1925

Der eine wollte nur entdecken, ein anderer widerlegen, ein Dritter auftrumpfen: An den Ufern des Euphrats gräbt Kenah Cusanit in ihrem Romandebüt „Babel“ einen archäologischen Solitär aus.

          Hauptsache, erst einmal Streit anfangen: Die Grabungen in Fara in den mesopotamischen Schilfsümpfen hatten noch gar nicht richtig begonnen, da bot sich Robert Koldewey, Archäologe, Architekt und Leiter der Unternehmung, schon der ersehnte nichtige Anlass dazu. Jemand hatte sein Pferd vor dem frisch befestigten Lager der Deutschen abgestellt, „in unerlaubter Nähe zu den Räumlichkeiten seiner vom Sultan des Osmanischen Reiches persönlich genehmigten Expedition“. Prompt meldete Koldewey diesen Vorfall gleich drei verschiedenen Behörden, bis hinauf zum Bagdader Konsulat, das ihn über die Botschaft in Konstantinopel der dortigen Regierung meldete - die natürlich Besseres zu tun hatte, als sich um einen vierbeinigen Falschparker im Zweistromland zu kümmern. Ein ebenfalls informierter Scheich der umliegenden Dörfer jedoch, Onkel des unbedarften Reiters, ist so entzückt von dem Aufheben, dass er den Deutschen umgehend einen Besuch abstattet, um den empfindlichen Fremden mühsam und ergeben zu besänftigen. So knüpft man Freundschaften, zumindest als gewiefter Expeditionsleiter im Zweistromland vor dem Ersten Weltkrieg - zumindest in Kenah Cusanits Debütroman „Babel“, der seiner Hauptfigur Koldewey an Kühnheit und Eigenwilligkeit in nichts nachsteht.

          Unerschrocken privat wird die Autorin bei einer der prominentesten Gestalten der wilhelminischen Ausgrabungsbegeisterung (Koldewey bescherte Berlin das Ischtar-Tor und die Thronsaalfassade Nebukadnezars, bis heute große Attraktionen im Pergamonmuseum). Als rücksichtslos gegen die missliebigen seiner Assistenten wie gegen die eigenen Bedürfnisse lernen die Leser diesen Robert Koldewey kennen, eigenwillig in seinen Methoden und einigermaßen widerwillig im Umgang mit Auftrag- und Geldgebern im fernen Berlin. Nicht nur einmal fragt sich der Leser, inwieweit der haarsträubende Umgang Koldeweys mit seiner Blinddarmentzündung, die Abfälligkeit im Umgang mit Untergebenen oder die an Respektlosigkeit grenzende Offenheit bei einer kaiserlichen Audienz dichterischer Freiheit entstammen oder aus Kalendereintragungen, Notizen und Briefen rekonstruiert werden konnten. „Sie waren die innovativsten Ausgräber, die jemals im Orient gegraben hatten, und die angeschlagensten“, schreibt Kenah Cusanit, und beiden Eigenschaften widmet sie sich hingebungsvoll.

          Dabei ist die Anlage ihrer Figur noch das kleinere Wagnis im Vergleich zu den geschichtlichen und diskursiven Linien, in deren Schnittpunkt die Geschichte der Ausgrabung von Babylon steht: Mit den archäologischen Expeditionen in Mesopotamien rückt Cusanit eine Gegend in den Blick, die in der aktuellen Diskussion um kulturelle Enteignung - Stichwort: koloniale Raubkunst - noch keine große Aufmerksamkeit erfahren hat. Um den Wettstreit mit Amerika, Frankreich und vor allem England um den Ruhm der Entdeckung und um die Reichtümer Vorderasiens geht es ebenso wie um die seinerzeit unerhörte These des Mitbegründers der Deutschen Orientgesellschaft, Friedrich Delitzsch, die Bibel, das Wort Gottes, habe eine heidnische Grundlage, nämlich Babylon.

          Was, wenn es Krieg gibt?

          Allein dem Mit- und Gegeneinander der unterschiedlichsten Berliner Ambitionen hätte ein eigenes Buch gelten können. Ein anderes den unterschiedlichen Ansätzen: „Die Engländer dachten in Funden, die Deutschen in Befunden“, stellt Cusanit, selbst Altorientalistin, fest: „Denken in Zusammenhängen unter Berücksichtigung der Details war eine Vorgehensweise, mit der man sich aus englischer Sicht finanziell nur ruinieren konnte.“ Ein weiteres Buch hätte die Interessenlage zwischen osmanischen Herrschern, europäischen Ausgräbern und ebenso überforderten wie übervorteilten Einheimischen zum Thema haben können: „Es gab Kulturen, die ihre Vergangenheit wiederverwendeten, und es gab Kulturen, die ihre Vergangenheit ausstellten“, fasst Cusanit den zentralen Unterschied zusammen, mit der Ergänzung, dass die Europäer zur eigenen Vergangenheit durchaus auch die außerkontinentalen Wurzeln ihrer Kultur zählten.

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