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: Die Greisin und das Dynamit

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Warum Leonora Carrington in Deutschland bisher auf so wenig Liebe gestoßen ist, ist schwer zu verstehen. Allein die Anzahl der aktiven Feministinnen während der achtziger Jahre hätte ihrem Roman "Das Hörrohr" eine andere Auflagenhöhe bescheren müssen, als ich den Impressen der verschiedenen Ausgaben entnehmen ...

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          Warum Leonora Carrington in Deutschland bisher auf so wenig Liebe gestoßen ist, ist schwer zu verstehen. Allein die Anzahl der aktiven Feministinnen während der achtziger Jahre hätte ihrem Roman "Das Hörrohr" eine andere Auflagenhöhe bescheren müssen, als ich den Impressen der verschiedenen Ausgaben entnehmen kann: die erste Auflage 1980 beim Insel-Verlag, das dritte bis fünfte Tausend 1989 in der Bibliothek Suhrkamp, die vierte Auflage 1995 und jetzt, nach dreizehn Jahren Abstinenz, endlich die fünfte.

          Leonora Carrington erzählt die Geschichte der steinalten und stocktauben Marian Leatherby, der ihre Freundin Carmella ein Hörrohr schenkt, "nicht eigentlich modern, dafür außergewöhnlich hübsch, verziert mit Motiven aus Silber und Perlmutt und großzügig wie ein Büffelhorn gebogen". Das Erste, was Marian zu hören bekommt, ist der ruchlose Plan ihrer Familie, sie in ein Altersheim zu verbannen. Dank des Hörrohrs können Marian und Carmella wenigstens Ausbruchspläne schmieden, ehe Marian im autoritären, mit dem bedrohlichen Namen "Bruderschaft zur Quelle des Lichts" bedachten Altersheim des Doktor Gambit landet, wo sie in die Intrigen, sogar einen Mordanschlag der übrigen hochbetagten, exzentrischen Insassinnen verstrickt und in die unglaubliche Geschichte einer geheimnisvollen Äbtissin eingeweiht wird, derweil Carmella die Befreiung ihrer Freundin vorbereitet. Ein surreales Spektakel, an dessen Ende die Pole schmelzen, der Äquator vereist und die überlebenden Menschen sich mit Ziegen, Katzen, Bienen und Werwölfen verbünden. "Inbrünstig hoffen wir alle, dies möge eine Verbesserung der Menschheit bedeuten . . .", schreibt Marian Leatherby am Ende in ihr aus drei Wachstafeln bestehendes Tagebuch.

          Im Frühjahr 1988, als ich das Buch zum ersten Mal las, hatte ich einige Monate zuvor die Ausreise aus der DDR für meine Familie und mich beantragt. Carringtons Mischung aus Realismus, Absurdem und Phantastischem, die Mobilisierung des Unmöglichen, die Tollkühnheit ihrer altersschwachen Heldinnen, die im Bündnis mit geheimnisvollen Mächten dem Unwahrscheinlichen zur Macht verhelfen, waren für mich wie eine ermutigende, herzweitende Begleitmusik zum eigenen Aufbruch.

          Täterin statt Opferlamm

          Damals befragte ich alle möglichen Leute nach Leonora Carrington, aber kaum einer kannte sie; wenn doch, dann eher ihre Bilder, von denen zwei schon auf der Pariser Surrealismus-Ausstellung 1938 zu sehen waren. Jeder kannte Max Ernst, jeder kannte Meret Oppenheim und ihre Pelztasse, warum kannten so wenige Carrington? Was hat sie sogar der Frauenbewegung, die schon in den Jahrzehnten zuvor ihre Ahnenreihe auch in der Literatur gesucht hatte, so wenig brauchbar erscheinen lassen? Vielleicht lag es an Carringtons absoluter Autonomie, an ihrer Untauglichkeit zum Opfer, dass sie in den vom Opfergedanken bestimmten Selbstfindungsprozess der Frauenbewegung nicht passte; vielleicht hätte die mutwillige Täterschaft ihrer Heldinnen, die den ihnen zugewiesenen Platz, im Fall der Marian Leatherby den Platz im obskuren Altersheim des Doktor Gambit, so lange durchsuchen, umstellen und untergraben, bis sie selbst den Verlauf der Geschichte bestimmen; vielleicht hätte diese so entschlossene wie komische Rebellion und ihr phantastisches Ergebnis den zuweilen verbissenen Diskurs über die Herrschaft der Männer und die Unterdrückung der Frauen eher gestört.

          Auf die Frage, ob sie sich mit der Frauenbewegung solidarisch fühle, antwortete Carrington 1990 in einem Interview: "Nur deshalb, weil ich glaube, dass Frauen unterdrückt werden und dass viele Frauen nicht ihr Potential entfalten konnten, weil sie als minderwertig galten. Aber das heißt nicht, dass ich die Frauen über die Männer stelle oder die Männer über die Frauen. Klar ist nur, dass Unterdrückte primär daran interessiert sind, nicht unterdrückt zu werden."

          Sie selbst widersetzte sich schon in der Kindheit allen Bemühungen, ihr Naturell zu bändigen, als sei der Auftrag, ihre Autonomie zu verteidigen, von Anfang an ihr oberstes Gebot gewesen. Sie flog aus allen Internaten, in denen ihre begüterte englische Familie ihr eine standesgemäße Erziehung angedeihen lassen wollte, sie ertrotzte sich die Erlaubnis, in London die Malschule des Amédée Ozenfant zu besuchen, und als sie da Max Ernst kennenlernte und sich in ihn verliebte, ging sie mit ihm nach Paris. Drei Jahre lebten die beiden auf einem Bauernhof im südfranzösischen Saint-Martin-d'Ardèche, Loplop, der Vogelmensch, und seine kindliche Windsbraut, im Reich der Fabeltiere, der Liebe und ungezügelten Phantasie.

          Fünfzig Jahre später wird Leonora Carrington zu ihrer Biographin über die Jahre in Saint-Martin-d'Ardèche sagen: "Es war das Paradies."

          Nach dem Kriegsausbruch wurde Max Ernst interniert. Leonora floh nach Spanien. Der Verlust ihrer Liebe brachte sie um den Verstand, und sie wurde, auf Betreiben ihres Vaters, in die psychiatrische Anstalt von Santander gesperrt, wo sie einige Monate verbrachte, ehe sie fliehen konnte und mit Hilfe eines alten Freundes nach Mexiko entkam. Über den Aufenthalt in Santander schrieb sie drei Jahre später die Erzählung "Unten", eine ungeheure Geschichte über die durchlässige Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahn, über die Untiefen ihres überhitzten und vom Schmerz verwirrten Geistes, der mit Cardiazolspritzen wieder zur Vernunft gebracht werden sollte. (Diese Erzählung ist in dem gerade in der Bibliothek Suhrkamp erschienenen Band "Das Haus der Angst" zu lesen, der neben anderem auch die erste deutsche Übersetzung des Kurzromans "Francis" enthält; auch das oben zitierte Interview.)

          Zu den Mythen Mexikos

          Seit 1943 lebt Leonora Carrington, mit zwei Unterbrechungen nach dem Massaker an den Studenten 1968 und nach dem schweren Erdbeben von 1985, in Mexiko-Stadt. Als ich vor einigen Jahren ihr Haus in der Colonia Roma umschlich und Leute suchte, die mir über sie etwas erzählen wollten, konnte ich mir keinen Ort vorstellen, der für sie passender gewesen wäre als dieses von Mythen durchwobene Land, in dem die Geschichten der Olmeken, Tolteken, Azteken und Maya sich fortgeschrieben haben bis in die Gegenwart. Carringtons vom irischen Katholizismus der Mutter und keltischen Ammenmärchen geprägte Mythenwelt, die sie schon in den Bildern der Surrealisten wiedererkannt hatte, muss in Mexiko fruchtbaren Boden gefunden haben. In der Distanz zum "koscheren Surrealismus", wie sie es nennt, entwickelte sie ihre ganz eigene Metaphorik; Tiere sind nicht nur Tiere und Menschen nicht nur Menschen, sondern Mischwesen, Lebende, das eine durchdrungen vom anderen, geheimnisvoll, unheimlich und immer auch komisch.

          Auf der dritten Seite vom "Hörrohr" sagt Marian Leatherby: "Ich habe dieses Land nie verstehen können und fürchte nun langsam, dass ich nie wieder in den Norden zurückkehren werde, nie wieder von hier fortkommen . . . Für die meisten Menschen sind fünfzig Jahre eine lange Zeit, um ein Land zu besuchen; immerhin ist das oft mehr als ein halbes Leben. Doch für mich bedeuten fünfzig Jahre nur einen Zeitraum, den ich an einem Ort verbracht habe, an dem ich in Wirklichkeit überhaupt nicht sein wollte. Seit den letzten fünfundvierzig Jahren versuche ich, von hier fortzukommen. Aus irgendeinem Grund ist es mir nie gelungen, vielleicht gibt es einen Zauberbann, der mich in diesem Land festhält. Irgendwann werde ich wohl herausfinden, warum ich hier so lange geblieben bin, wiewohl ich glücklich von Rentieren und Schnee, Kirschbäumen, Wiesen und Drosselgesang träume."

          Falls Leonora Carrington, die das "Hörrohr" in den späten fünfziger Jahren geschrieben hat, sich diese Frage damals selbst gestellt haben sollte, muss sie für den Schnee, die Kirschblüten und den Drosselgesang in den letzten fünfzig Jahren wohl entschädigt worden sein. Und ihr Buch haben die fünf Jahrzehnte seit seiner Entstehung eher verjüngt. Dass eine Schar von Greisinnen, verstoßen von ihren Kindern und für unbrauchbar befunden vom Rest der Welt, eben diesen Zustand in Freiheit verwandelt, das liest sich heute wie eine aktuelle Botschaft an unsere von Altersangst besessene Gesellschaft. Marian Leatherby betrachtet die Welt mit der Distanz, die den noch nicht oder nicht mehr Dazugehörigen auferlegt ist, und mutet darum so kindlich wie weise an, was in Carringtons Text diesen rührend einfältigen und immer auch komischen Ton ergibt.

          Gesprengtes Heim

          "Nur unter äußersten Schwierigkeiten würde man Carmellas Pläne, einen unterirdischen Gang zwischen dem Heim und ihrem Haus zu graben, in die Tat umsetzen können. Wer sollte all das Graben besorgen? Wo würden wir Dynamit finden, um unseren Weg durch die unterirdischen Felsen zu sprengen? Mit Spitzhacken würden Carmella und ich eine Ewigkeit brauchen, um mindestens zehn Kilometer Untergrund zu durchstoßen."

          Die Feministinnen von 1980 sind inzwischen selbst in die Jahre gekommen, und die Aussicht auf eine demütigende Zukunft als Heiminsassin oder auch nur lästiges, weil zu versorgendes Familienmitglied ist ihnen nähergerückt. Vielleicht, hoffentlich, lassen sie sich diesmal anstecken von Leonora Carringtons furchtlosem Gelächter, ihrer bedenkenlosen Phantasie und ihrem anarchischen Kampf um Autonomie; was natürlich auch für Männer gilt, denen ihre Emanzipation ohnehin noch bevorsteht.

          Leonora Carrington: "Das Hörrohr". Roman. Aus dem Englischen von Tilman Spengler. Suhrkamp-Verlag, 16,80 Euro. Gelesen von Rosemarie Fendel jetzt auch als Hörbuch erschienen (4 CDs, 22,95 Euro). "Das Haus der Angst". Aus dem Französischen und Englischen übersetzt von Heribert Becker und Edmund Jacoby. Suhrkamp-Verlag, 16,80 Euro

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