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: Die Greisin und das Dynamit

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Auf der dritten Seite vom "Hörrohr" sagt Marian Leatherby: "Ich habe dieses Land nie verstehen können und fürchte nun langsam, dass ich nie wieder in den Norden zurückkehren werde, nie wieder von hier fortkommen . . . Für die meisten Menschen sind fünfzig Jahre eine lange Zeit, um ein Land zu besuchen; immerhin ist das oft mehr als ein halbes Leben. Doch für mich bedeuten fünfzig Jahre nur einen Zeitraum, den ich an einem Ort verbracht habe, an dem ich in Wirklichkeit überhaupt nicht sein wollte. Seit den letzten fünfundvierzig Jahren versuche ich, von hier fortzukommen. Aus irgendeinem Grund ist es mir nie gelungen, vielleicht gibt es einen Zauberbann, der mich in diesem Land festhält. Irgendwann werde ich wohl herausfinden, warum ich hier so lange geblieben bin, wiewohl ich glücklich von Rentieren und Schnee, Kirschbäumen, Wiesen und Drosselgesang träume."

Falls Leonora Carrington, die das "Hörrohr" in den späten fünfziger Jahren geschrieben hat, sich diese Frage damals selbst gestellt haben sollte, muss sie für den Schnee, die Kirschblüten und den Drosselgesang in den letzten fünfzig Jahren wohl entschädigt worden sein. Und ihr Buch haben die fünf Jahrzehnte seit seiner Entstehung eher verjüngt. Dass eine Schar von Greisinnen, verstoßen von ihren Kindern und für unbrauchbar befunden vom Rest der Welt, eben diesen Zustand in Freiheit verwandelt, das liest sich heute wie eine aktuelle Botschaft an unsere von Altersangst besessene Gesellschaft. Marian Leatherby betrachtet die Welt mit der Distanz, die den noch nicht oder nicht mehr Dazugehörigen auferlegt ist, und mutet darum so kindlich wie weise an, was in Carringtons Text diesen rührend einfältigen und immer auch komischen Ton ergibt.

Gesprengtes Heim

"Nur unter äußersten Schwierigkeiten würde man Carmellas Pläne, einen unterirdischen Gang zwischen dem Heim und ihrem Haus zu graben, in die Tat umsetzen können. Wer sollte all das Graben besorgen? Wo würden wir Dynamit finden, um unseren Weg durch die unterirdischen Felsen zu sprengen? Mit Spitzhacken würden Carmella und ich eine Ewigkeit brauchen, um mindestens zehn Kilometer Untergrund zu durchstoßen."

Die Feministinnen von 1980 sind inzwischen selbst in die Jahre gekommen, und die Aussicht auf eine demütigende Zukunft als Heiminsassin oder auch nur lästiges, weil zu versorgendes Familienmitglied ist ihnen nähergerückt. Vielleicht, hoffentlich, lassen sie sich diesmal anstecken von Leonora Carringtons furchtlosem Gelächter, ihrer bedenkenlosen Phantasie und ihrem anarchischen Kampf um Autonomie; was natürlich auch für Männer gilt, denen ihre Emanzipation ohnehin noch bevorsteht.

Leonora Carrington: "Das Hörrohr". Roman. Aus dem Englischen von Tilman Spengler. Suhrkamp-Verlag, 16,80 Euro. Gelesen von Rosemarie Fendel jetzt auch als Hörbuch erschienen (4 CDs, 22,95 Euro). "Das Haus der Angst". Aus dem Französischen und Englischen übersetzt von Heribert Becker und Edmund Jacoby. Suhrkamp-Verlag, 16,80 Euro

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