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: Die Gabel in der falschen Hand

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Was treibt die Schweizer zur Winterszeit ins Hochgebirge? Das Skifahren natürlich, die gute Luft zudem und vielleicht noch die Familientradition, die seit Generationen die sonnigsten Chalets am Fuße des Matterhorns, die geduldigsten Skilehrer und die abenteuerlichsten Pisten kennt. Wer sich dem entzieht, ...

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          Was treibt die Schweizer zur Winterszeit ins Hochgebirge? Das Skifahren natürlich, die gute Luft zudem und vielleicht noch die Familientradition, die seit Generationen die sonnigsten Chalets am Fuße des Matterhorns, die geduldigsten Skilehrer und die abenteuerlichsten Pisten kennt. Wer sich dem entzieht, wer gar nach Zermatt fährt, um dort fernab der Skihänge nach den Spuren einer Typhusepidemie zu forschen, die den mondänen Ferienort 1963 heimgesucht hat, der wird es schwer haben, denn er muß das Unverständnis seiner Freunde ertragen.

          So ergeht es dem Icherzähler in Christoph Geisers "Grünsee". 1978 war dieser unverkennbar autobiographische Roman des damals knapp dreißigjährigen Autors zum ersten Mal erschienen, nun hat ihn der Ammann Verlag zusammen mit Geisers zweitem Roman, "Brachland" aus dem Jahr 1980, neu herausgebracht.

          Beide Romane können unabhängig voneinander gelesen werden, zusammen bilden sie ein beeindruckendes Diptychon. Geiser entwirft darin die Entwicklungsgeschichte eines jungen Mannes; zugleich erzählt er die Geschichte einer verzweigten, hochangesehenen Basler Familie, deren Geschick über Generationen eng mit der Schweizer Politik verbunden ist. Der Großvater des Icherzählers war helvetischer Gesandter im nationalsozialistischen Berlin, und er war es gern, wie er der Familie beteuert. Eine der Großmütter hingegen, "Grandmama russe", kam aus Rußland, weshalb der Icherzähler und sein kleiner Bruder "Vierteljuden" sind, wie es ihnen im Kinderzimmer noch lange nach Kriegsende mit beklemmender Rassen-Arithmetik vorgerechnet wird.

          Das Zeitgeschehen bildet freilich nur den Hintergrund für die komplizierten familiären Beziehungen, die sich im feinen Basler Patriziat entfalten. Der Protagonist dieser Romane beschreibt sich ohne jede Ironie als "jungen Herrn aus gutem Hause", und das ist keine Übertreibung. Der Vater ein angesehener Kinderarzt, die Mutter eine reiche Erbin und mäßig begabte Künstlerin, Schauspielerin erst, dann Malerin, der Bruder auf dem Weg zu einer erfolgreichen Karriere, die Familienwohnung voll von Antiquitäten und Kunstgegenständen, das Dienstpersonal immer zur Stelle - wer in diesem Ambiente aufwächst, kann nicht nur altgriechische Verse deklamieren und beherrscht feine Tischmanieren, er müßte sich auch um seine Zukunft keine Sorgen machen.

          Doch kann sich der Protagonist nur mit Mühe in diese Traditionen fügen. Der von der Familie vorgezeichneten Berufsperspektive - Arzt oder Jurist - entzieht er sich früh und entdeckt das Schreiben als seine Berufung. Zunächst, im ersten Roman, schlägt er sich als Anzeigenakquisiteur durch und schafft es nicht, seine Chronik der Typhusepidemie zu vollenden; in "Brachland" ist er Kulturredakteur einer kleinen Zeitschrift. Ganz ähnlich ist Christoph Geisers Weg zum Schriftsteller verlaufen.

          Wichtiger als diese äußeren Daten sind jedoch die Beobachtungen aus dem privaten Leben. Aus vielen kleinen Details setzt Geiser das Mosaik vom allmählichen Zerfall einer ehemals mächtigen Familie zusammen. Die Ehe der Eltern lockert sich immer mehr, die Großmütter verlieren Stärke und Einfluß, dazu gibt es dunkle Andeutungen über Geisteskrankheiten und rätselhafte Todesfälle in der Verwandtschaft. Der engste Freund des Erzählers, sein bewunderter älterer Cousin, scheint seinem Leben freiwillig ein Ende gesetzt zu haben, der Erzähler trägt seitdem seine Kleidung.

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