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: Die Dichte des Schmerzes

  • Aktualisiert am

Albanien ist Einsamkeit, heißt es in einem der Reiseessays von Andrzej Stasiuk. Das von Enver Hoxha über Jahrzehnte mit Hunderttausenden Bunkern, die wie Betonschädel aus der Erde quellen, vom Rest Europas abgeschirmte Land sei das "Unbewusste unseres Kontinents", das europäische Es, die Angst, die Westeuropa nachts heimsuche.

          Albanien ist Einsamkeit, heißt es in einem der Reiseessays von Andrzej Stasiuk. Das von Enver Hoxha über Jahrzehnte mit Hunderttausenden Bunkern, die wie Betonschädel aus der Erde quellen, vom Rest Europas abgeschirmte Land sei das "Unbewusste unseres Kontinents", das europäische Es, die Angst, die Westeuropa nachts heimsuche. Wer sich einen Europäer nennt, der solle, so der polnische Autor, als eine Art Initiationsritus ins Land der Shqiptaren reisen.

          Mit dem Debüt der 1968 in Tirana geborenen und heute in Paris lebenden Ornela Vorpsi kann man zumindest lesend ausziehen in ein Land aus "Staub und Schlamm", das einen das Fürchten lehrt. Dieses Albanien ist gefangen in zäher Zeitlosigkeit und brutaler Gleichgültigkeit. Hier sterben immer die anderen, das Wort "Angst" hat seine Bedeutung verloren, eine übermächtige Diktatur verwandelt die Menschen in Schicksallose, willenlose Seelen im letzten Kreis der Hölle.

          In Vorpsis schmalem Band geht es jedoch nicht um die großen Dimensionen einer historischen Sonnenfinsternis, vielmehr seziert die Autorin mit dem naiven Blick einer Heranwachsenden den fauligen Mikrokosmos einer kleinen, provinziellen Welt, der auf bitter-böse, surreale Weise die lethargische Agonie dieses kommunistischen Systems spiegelt. Elona, die auch mal Ornela oder Eva heißt, was zuweilen debütantisch bemüht wirkt, lebt mit ihrer schönen, stolzen Mutter in einer muffigen Küche bei der Großmutter. Der Vater war eines Tages spurlos verschwunden. Man hatte ihn, wie die Mutter herausfindet, überfallen, in einen Sack gesteckt, auf den man dann mit Fäusten einschlug, und ihn ins Gefängnis geworfen. Die herausgeschlagenen Zähne schenkte er Frau und Tochter, als sie ihn später im Lager besuchten. Über den Grund der Inhaftierung wurde nur spekuliert. Vielleicht hatte sich ein Parteibonze in die Mutter verliebt und wollte den Ehemann loswerden, vielleicht hatte der Vater auch eine unbedachte Bemerkung gemacht und war denunziert worden. Letztlich bleibt die Suche nach Erklärungen in einer rechtlosen Welt irrelevant.

          Wir sind im Albanien der achtziger Jahre. Während aus Moskau die ersten Lüftchen des Wandels über Osteuropa wehen, herrscht hier totalitäre Windstille. Der krummbeinigen Lehrerin Dhoksi bereitet es ein sadistisches Vergnügen, mit einem im Holzofen zum Glühen gebrachten eisernen Lineal Muster auf die Haut ihrer Schülerin zu zeichnen, nur weil Elona italienische Postkarten mit zur Schule gebracht hat: mit Engeln und einem allzu blauen italienischen Himmel. Zu Hause werden die Blessuren versteckt, aus Scham über die eigene Achtlosigkeit und aus Angst, dass auch noch die Mutter ins Gefängnis wandern könnte. Das Grauen verbirgt sich nicht hinter Stacheldraht, es durchzieht den bizarren Alltag wie die allgegenwärtigen Elektrokabel, die Kindern als Springseile, Frauen als Wäscheleinen und zwei Nachbarinnen, Mutter und Tochter, als Stricke dienen, an denen sie sich im Arbeitslager, in das man sie zum wiederholten Male verbannt hatte, nebeneinander erhängen - Schneeweißchen und Rosenrot im Bunkerland. Für Elona bieten Krankheit und Bücher die einzigen Fluchtpunkte aus der unerträglichen Ewigkeit des Schmerzes. Der Lektürestoff ist hingegen begrenzt, und so stiehlt sie den Schmuck der Mutter und tauscht ihn gegen Grimms Märchen ein, in den Märchen, die sie in der Schule zu hören bekommt, gibt es nur Partisanen, keine Prinzen, Prinzessinnen, Zauberer oder Hexen. Mit dem schönen Schauer der Märchenwelt kann die schauerliche Welt der Erwachsenen nicht konkurrieren. Hier dreht sich alles ums "Herumhuren", um die Gier der die Mutter angaffenden Männer und die Unberührtheit der Mädchen, die sich nie von einer Schande reinwaschen können und bei ungewollter Schwangerschaft ins Wasser gehen oder an den Folgen dilettantisch durchgeführter illegaler Abtreibungen sterben.

          Wie im Rumänien Ceausescus waren im kommunistischen Albanien Abtreibungen illegal und Verhütungsmittel absolute Mangelware. Ein dicker Bauch bezeugt, so wird Elona erklärt, dass die Betroffene im Gebüsch gevögelt hat und nun in ihrem Leib zur Strafe die "Würmer der Schande" nähren muss. Es gibt kein Mitleid, keine Solidarität, keine Träume und auch keine Trauer. Die alltäglichen Banalitäten des Bösen in einer Diktatur vermischen sich mit den überlebten Ritualen einer archaisch-patriarchalischen Clankultur und ihrer bigotten sexuellen Moral und einem auf Blutsbanden basierenden Ehrenkodex.

          Dieses nostalgieresistente, auf Italienisch und nicht in der albanischen Muttersprache geschriebene Kindheitsmuster ähnelt mit seiner bitteren Lakonie und der verzweifelten Liebessehnsucht den Romanen des Russen Pawel Sanajew und des Polen Wojciech Kuczok; wohl nicht zufällig erinnert Vorpsis Affinität zum Mystischen an Herta Müllers "Niederungen". Sie alle sind poetische Nachzügler einer Epoche, die zu Ende, aber für viele, die sie erlebt haben, noch lange nicht vorbei ist. Zum Schluss ist die Protagonistin dreizehn, sieben zeitlose Jahre sind vergangen, sie hat ihre erste Regel bekommen und sieht aufgeregt ihrem ersten Rendezvous entgegen: mit einem weißhaarigen Mann, den sie weder kennt noch liebt und der ihr Vater ist. Die Familienbande sind zerbrochen, die Eltern gehen getrennte Wege, und das Land wird über Nacht aus dem Dornröschenschlaf, der ein Albtraum war, befreit.

          SABINE BERKING.

          Ornela Vorpsi: "Das ewige Leben der Albaner". Roman. Aus dem Italienischen übersetzt von Karin Fleischanderl. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2007. 140 S., geb., 14,90 [Euro].

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