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: Die Brandschatzinsel

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Stevenson auf Samoa - das ist ein Literaturmythos wie Kafka in Prag oder Malcolm Lowry in Mexiko. Hierzulande oft als Autor für die Jugend unterschätzt, gehört Robert Louis Stevenson im angelsächsischen Raum längst zu jenen Heiligen der Literatur, bei denen die Biographie nicht weniger fasziniert ...

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          Stevenson auf Samoa - das ist ein Literaturmythos wie Kafka in Prag oder Malcolm Lowry in Mexiko. Hierzulande oft als Autor für die Jugend unterschätzt, gehört Robert Louis Stevenson im angelsächsischen Raum längst zu jenen Heiligen der Literatur, bei denen die Biographie nicht weniger fasziniert als das Werk. Auf Fotos wirkt der hagere Mann mit dem Don-Quijote-Gesicht wie eine Mischung aus Abenteurer und Christusgestalt. Bevor er mit nur 44 Jahren an der Tuberkulose starb, hatte er die Hälfte seines Lebens im Krankenbett zugebracht. War er zwischenzeitlich einmal genesen, malträtierte er seinen Körper mit Gewaltmärschen und beharrlichem Tabakkonsum. Daß gerade der Kranke eine um so heftigere Lust auf die Welt draußen entwickelt, leuchtet ein. Aber gleich in die Südsee? In erster Linie war es nicht Exotismus und Aussteigertum wie bei Gauguin, sondern die Flucht vor dem schottischen Klima, was Stevenson für die letzten fünf Jahre seines Lebens in die pazifische Inselwelt verschlug.

          Der ebenfalls sehr weltläufige Alberto Manguel, berühmt durch seine "Geschichte des Lesens", hat mit "Stevenson unter Palmen" eine Literatur-Novelle geschrieben, die nicht nur kanonische Szenen aus Stevensons Leben in den Rahmen einer Kriminalhandlung faßt, sondern auch die Grundmotive seines dichterischen Werks abruft. Ein leicht bekömmlicher Stevenson-Remix also, der auch in dieser Machart an das Schreibverfahren des Autors der "Schatzinsel" erinnert - war die berühmte Schurkengeschichte doch ein ziemlich unbekümmerter Zusammenschnitt seinerzeit geläufiger Vorlagen.

          Stevenson auf Samoa - das ist der Patriarch eines Clans, inmitten üppig verwilderter Natur. Reife Früchte fallen von den Bäumen und platzen auf wie Fleischwunden. Beim Europäer platzt die dünne Schicht der Zivilisation. Manguels Stevenson jedoch erscheint als distinguierter, affektkontrollierter und großzügiger Mann. Er berät die Samoaner, tritt als Schlichter ihrer Konflikte auf und wird als "Tusitala", der Geschichtenerzähler, verehrt. Und er beurteilt die so freizügig anmutenden Sitten ohne viktorianische Prüderie. Nebenbei erfährt der Leser etwas über Stevensons schlagkräftige Poetik: Kampf dem Adjektiv! Tod dem Sehnerv in der Literatur! Die Geschichte seiner Ehe mit der zehn Jahre älteren Fanny Vandegrift passiert Revue, und am Ende fehlt nicht die legendäre Sterbeszene. "Was ist das? Sehe ich irgendwie merkwürdig aus?" - mit diesem überlieferten Satz bricht der Schriftsteller tot vor seiner Frau zusammen.

          Bevor es jedoch soweit ist, bekommt es der Gute mit einem Bösen zu tun, einem Frömmler der übelsten Art. Mr. Baker, Abgesandter der Missionsgesellschaft von Edinburgh, wird zu Stevensons Widerpart, Religion steht gegen Literatur. Als Lektüre läßt Baker nur die Bibel gelten: "Für Romangewäsch habe ich keine Zeit. Erfundene Geschichten, ich bitte Sie!" In den Kneipen behelligt er die Trinker: "Spürt Ihr nicht das Nahen der Hölle?" Aber während er anderen Abstinenz predigt, genehmigt er sich selbst gern einen guten Schluck: "Nicht ich, die anderen müssen den Trunk fürchten." So lieben wir unsere Moralwächter. Abgerundet wird die Figur durch ein "dünnes, unangenehmes Lächeln".

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