https://www.faz.net/-gr3-tpmb

: Die Bombe im Gehirn

  • Aktualisiert am

Erinnerung ist für die Verfolgten und Deportierten, so hat Ruth Klüger kürzlich geschrieben, "ein Graus, eine Zumutung, eine einzige Kränkung der Eigenständigkeit", zugleich aber "eine Art Schatz, ein Besitz, und wer ihn uns entreißen will, macht uns ärmer".In ihrem großartigen, im letzten Jahr ...

          Erinnerung ist für die Verfolgten und Deportierten, so hat Ruth Klüger kürzlich geschrieben, "ein Graus, eine Zumutung, eine einzige Kränkung der Eigenständigkeit", zugleich aber "eine Art Schatz, ein Besitz, und wer ihn uns entreißen will, macht uns ärmer".

          In ihrem großartigen, im letzten Jahr erschienenen Roman "Die Geschichte der Liebe" hat die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss bewiesen, wie diesem Zwiespalt mit Erzählfreude begegnet werden kann. Ihr 2002 im Original veröffentlichter und nun in deutscher Übersetzung nachgelieferter Erstlingsroman "Kommt ein Mann ins Zimmer" (Man walks into a Room) zeigt, wie gründlich und systematisch sich die junge Autorin mit dem Thema der Erinnerung auseinandergesetzt hat. Es sind vor allem das Versagen des Gedächtnisses und die Schwierigkeit des Nachvollzugs der Erinnerung der anderen, die das erzählerische Ingenium von Nicole Krauss beschäftigen. Es ist unübersehbar, daß dieses Interesse mit der jüdischen Herkunft zusammenhängt und damit aus einer Tradition, in der Erinnerungen durch das erzählte Weitergeben von Generation zu Generation beschworen werden.

          In "Kommt ein Mann ins Zimmer" gestaltet Nicole Krauss das Thema in einer waghalsigen Konstruktion, die das Genre des Romans zum experimentellen Gedankenspiel überschreitet. Der Englischprofessor Samson Greene wird in der Wüste herumirrend aufgefunden. Es stellt sich heraus, daß er durch einen Tumor alle Erinnerungen seit seinem zwölften Lebensjahr verloren hat. Die gesteigerte Erfahrung der Fremdheit der Welt, die als Spiegelung auch seiner jungen Frau Anna widerfährt, führt ihn in die Hände eines visionären Gehirnforschers, der von der Herstellung wahrer Empathie durch "Gedächtnistransfer" träumt. In absehbarer Zukunft will er die Menschen gegen Entfremdung immunisieren, "wie sie einst gegen Pocken und Kinderlähmung geimpft worden waren".

          Samsons Geschichte liest sich aber im nachhinein nicht wie Science-fiction, sondern eher wie eine Legende. "Und irgendwo geschah es, daß ein anderer alles vergaß, was er einmal gewußt hatte, den Geist eines alten Lebens aufgab und eine neue Leere betrat. Ein Mann auf halber Strecke seines Lebens, der sein Buch umgedreht auf den Tisch legte, um eine Ecke ging und in die Zukunft verschwand." Er möchte die Leere füllen, um wieder etwas wert zu sein, nach der Operation aber hat Samson nichts gewonnen als einen "Albtraum im Kopf, der ihm nicht gehört".

          Vor allem in der Nebenfigur des Onkel Max, "der aus Deutschland geflüchtet war und ihm beigebracht hatte, auf jiddisch zu fluchen", und der ihm Kafkas Werke zugesteckt hatte, als wären sie Pornographie, erscheint die Verbindung zum Problem der jüdischen Nachgeborenen. Samson in seiner partiellen Amnesie will den Kontakt nicht. "Er fand es zu schwierig, ihre Stimmen zu hören." Onkel Max aber wußte einst, daß der Klang der Worte alles sagt. Obwohl er nicht an Gott glaubte, ging er in die Synagoge und las in der Thora: "Um sich zu erinnern." Schließlich sieht Samson Onkel Max doch wieder - im Heim für Alzheimer-Patienten.

          Empathie erscheint dort nur noch in ihrer Unmöglichkeit. "Er wünschte, er könnte sich um ihn kümmern, in seinen letzten Tagen bei ihm sein, sie beide zusammen irgendwo in einem Haus, wo Zeit wäre zu reden - ja sogar Zeit, sich zu erinnern." Wenn aber alles vergessen ist, ist es für alles zu spät. Dann schlägt die Zeit um in leere Unendlichkeit.

          Für einen neurophysiologisch halbwegs informierten Leser ist das Gedankenexperiment zunächst irritierend, zumal es mit einem technokratischen Kauderwelsch und einer scheinbar naiven Faszination an den blinkenden Bildern der Gehirnforschung aufbereitet und inszeniert wird. Wie "auf ein Stichwort wurde der Bildschirm schwarz, und es erschien ein dreidimensionales, durch den Raum rotierendes Gehirn, so lebendig, daß es realer schien als ein echtes, die Gehirnlappen voller leuchtender Signale einer regen Tätigkeit, abgelöst von jeder Konsequenz die reinen Denkbewegungen verfolgend, ohne Blut und ohne Atem, ohne ein schlagendes Herz, das ihnen die Richtung wies".

          Weitere Themen

          Transformers wird gerettet Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Bumblebee“ : Transformers wird gerettet

          Wer bisher kein Fan von den Transformers-Filmen war, sollte sich „Bumblebee“ trotzdem nicht entgehen lassen. Wie Charlie Watson gespielt von Heilee Steinfeld zusammen mit dem gelben Käfer die Reihe rettet, erklärt Dietmar Dath.

          „Bumblebee“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Bumblebee“

          Am 20. Dezember kommt der Prequel des 2007 Transformers „Bumblebee“ in die deutschen Kinos. Im Mittelpunkt steht der gleichnamige Transformers-Charakter.

          Topmeldungen

          Hessen : CDU und Grüne einigen sich auf Koalitionsvertrag

          Bis in die frühen Morgenstunden haben sie verhandelt. Nach Elf Stunden endlich die Einigung: Die Grünen erhalten mehr Ressorts. Die schwarz-grüne Koalition in Hessen wird fortgesetzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.