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: Die bittere Wahrheit

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Henri Beyle, genannt Stendhal, schenkte der Weltliteratur zwei große Romane, die noch heute gelesen werden. Den einen, "Die Kartause von Parma", schrieb er in 52 Tagen. Er zählt über 600 Seiten. Er brachte dem zu Lebzeiten nicht sonderlich beachteten Autor einige Jahre vor seinem Tod ein wenig Ruhm. Neun ...

          Henri Beyle, genannt Stendhal, schenkte der Weltliteratur zwei große Romane, die noch heute gelesen werden. Den einen, "Die Kartause von Parma", schrieb er in 52 Tagen. Er zählt über 600 Seiten. Er brachte dem zu Lebzeiten nicht sonderlich beachteten Autor einige Jahre vor seinem Tod ein wenig Ruhm. Neun Jahre zuvor hatte er, ohne damit für großes Aufsehen zu sorgen, seinen ersten großen Wurf gelandet. Der Umfang von "Rot und Schwarz" steht dem der "Kartause" nicht nach, obwohl sich Stendhal ein bißchen mehr Zeit gelassen hatte - etwas mehr als ein Jahr.

          Aber man wird nicht berühmt, indem man in Windeseile dickleibige Romane produziert, schon gar nicht, wenn man als Berufsschriftsteller nicht ernst genommen wird, weil man andere Dinge im Kopf hat. Diese "anderen Dinge" waren im Fall Stendhals Napoleon Bonaparte und dessen Aufstieg zum französischen Imperator. Als sich Bonaparte 1804 auf den Kaiserthron setzte, war Stendhal einundzwanzig, dilettierte als Schauspielschüler in Paris, versuchte sich als Autor an einem Theaterstück und lief Frauen hinterher. 1806 aber tritt er in Napoleons Armee ein und folgt ihr nach Braunschweig und Berlin. Zum Offizier ernannt, führt Stendhal ein mondänes Leben zwischen Paris, Wien, Berlin, Straßburg, Mailand, Bologna und Rom. Hohe Ämter werden ihm übertragen, er macht Karriere. Die wenigen Jahre, die dem Empire bis 1814 noch verbleiben, verlaufen glanzvoll für ihn.

          Nach der Abdankung und Verbannung Napoleons verabschiedet sich Stendhal vorerst nach Mailand, wo er in liberalen, romantischen Kreisen verkehrt und unter anderem Lord Byron begegnet. Mittlerweile lebt er von seinem halbierten Sold, aber er braucht nicht viel, und er hat genug Zeit zu reisen und zu schreiben. Er ist zweiunddreißig, als sein erstes Buch erscheint, biographische Betrachtungen über Haydn, Mozart und Métastasio. Zehn Jahre lang, bis 1828, führt er das Leben eines mondänen Dandys zwischen Paris, Mailand, Rom, Bologna, Florenz und Parma. Er kreiert eine Lebensanschauung, die er "Beylisme" nennt, und profiliert sich als scharfzüngiger Salonlöwe.

          Julien, der Protagonist von "Rot und Schwarz", wird ihm später zum Exempel dieser Haltung werden. Einer, der sich auf der Suche nach dem Glück weder von moralischen noch gesellschaftlichen Verboten beeindrucken läßt. Weil er seinen liberalen, bonapartistischen Überzeugungen auch in den Zeiten der Restauration treu geblieben ist, muß er Mailand schließlich verlassen. Als er in Paris ankommt, ist Stendhal fünfundvierzig Jahre alt, ohne Geliebte, ohne Stellung, ohne nennenswertes Einkommen und ohne Reputation als Schriftsteller. In dieser Situation liest er in der "Gazette des Tribunaux", einem Blättchen, das populär über mehr oder weniger spektakuläre Gerichtsprozesse berichtet, von der "Affäre Berthet". Im Februar 1828 wurde ein Emporkömmling namens Antoine Berthet zum Tod durch die Guillotine verurteilt, weil er versucht hatte, eine Frau zu töten, in deren Familie er als Hauslehrer engagiert gewesen war. Eine eher banale Geschichte. Aber Stendhal erkennt darin das Schicksal einer ganzen Epoche wieder und verwendet sie als Vorlage für "Rot und Schwarz".

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