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: Die Aussichten - unbeständig

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Higuchi Ichiyô (1872 bis 1896) gilt als Japans erste bedeutende Schriftstellerin der Moderne. Die früh an Tuberkulose verstorbene Autorin von knapp viertausend Tanka-Kurzgedichten, zwanzig Novellen, diversen Essays und einem Tagebuch ist die Chronistin der Umbrüche eines im Wertewandel begriffenen Landes.Eine ...

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          Higuchi Ichiyô (1872 bis 1896) gilt als Japans erste bedeutende Schriftstellerin der Moderne. Die früh an Tuberkulose verstorbene Autorin von knapp viertausend Tanka-Kurzgedichten, zwanzig Novellen, diversen Essays und einem Tagebuch ist die Chronistin der Umbrüche eines im Wertewandel begriffenen Landes.

          Eine Einsamkeitsahnung umspielt ihre sanft fatalistische, im Spannungsfeld von Konfuzianismus und Kapitalismus mit einem latenten Anklagecharakter ausgestattete Frauenliteratur. Das allen drei Erzählungen und Sozialtragödien gemeine Leitmotiv, das Grundgefühl ist die Floskel der "unbeständigen Welt". Higuchis Prosatexte scheinen sowohl gegen die alten Zöpfe der Tradition anzuschreiben als auch die Verirrungen und Verluste der Moderne offenzulegen.

          So wird in der zartbitteren Erzählung "Die Nacht der Herbstmondfeier" die fremdbestimmte Praxis arrangierter Ehen angeprangert. Nachdem bei einem Besuch im Haus ihrer Eltern diese der jungen O-Seki die Scheidung ausgeredet haben, kehrt die in ein angesehenes Haus eingeheiratete, aber unglückliche Frau in ihr freudloses Eheleben zurück. Die Unentrinnbarkeit des Standesdenkens und der Konflikt zwischen Pflicht und Neigung werden im romantischen Motiv des Rikschafahrers, in dem O-Seki ihre Jugendliebe wiedererkennt, versinnbildlicht. Die klassisch geschulte Autorin entwirft unter zahlreichen Anspielungen auf "Die Hohe Schule der Frauen", einen Erziehungsratgeber aus der Edo-Zeit (1600 bis 1868), eine rhetorisch versierte Kritik der Etikette und Erwartungen in Bezug auf Weiblichkeit.

          In der Novelle "Am letzten Tag des Jahres" entwendet das im Haus geiziger Reicher tätige Dienstmädchen O-Mine eine kleine Geldsumme für ihren notleidenden Onkel. Die "Götter und Buddhas", die sie im Augenblick der Tat um Hilfe anruft, werden dem monetären Götzenglauben der Moderne kontrapunktisch gegenübergestellt. Als bei einem Kassensturz der Diebstahl aufzufliegen droht, wird sie ausgerechnet vom missratenen Sohn des Hausherrn, der dessen Geld regelmäßig mit seinen "Freunden aus den Hinterhöfen" in Spielhöllen durchbringt, gedeckt.

          Immer wieder wird bei Higuchi in dramatischen, zuweilen allzu konstruierten Kehrtwendungen die akute Katastrophe abgewandt und aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. "In finsterer Nacht" persifliert die Machtspiele der Männer in Diensten der neuen Regierung der Meiji-Zeit (1868 bis 1912). Der Vater der schönen O-Ran fiel bei finanziellen Spekulationen politischen Machenschaften zum Opfer und beging Selbstmord. Die Verwahrlosung seines einst stattlichen Anwesens, das nur noch von O-Ran und einem alten Haushälterehepaar bewohnt wird, symbolisiert den Niedergang des alten Japan. Ein von O-Ran aus konfuzianischer Kindespflicht initiiertes Attentat auf einen am Fall ihres Vaters involvierten Abgeordneten, der zugleich ihr früherer Verlobter war, schlägt fehl.

          Geradezu programmatisch erscheint dies: "Für Frauen soll es ausreichend sein, nur fügsam und freundlich zu sein. Über ein wenig Widerspenstigkeit und Durchsetzungsvermögen zu verfügen, das mag unter glücklichen Umständen wohl von Vorteil sein, doch wenn jemandem der Sturm der unbeständigen Welt voll ins Gesicht bläst und man am Scheideweg vor der Entscheidung steht, welche Richtung einzuschlagen sei, kann ein leiser Unglückshauch schon bewirken, dass die Flammen in eine falsche Richtung auflodern." Higuchis Novellen bieten zwischen Rebellion, Opportunismus und Anpassungsdruck an die gesellschaftliche Konvention keine universellen Lösungen oder Ausflüchte aus dem Dilemma der Moderne an.

          STEFFEN GNAM

          Higuchi Ichiyô: "In finsterer Nacht und andere Erzählungen". Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Michael Stein. Iudicium Verlag, München 2007. 100 S., br., 9,80 [Euro].

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