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: Die Angst in voller Blüte

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Jeden Freitag übersetzt der Anlageberater Karl von Kahn in einer Finanzkolumne für seine Kunden "alles Wirtschaftliche ins Menschliche". Einmal zitiert er Benjamin Franklin: "Money makes money. And the money that money makes makes more money." Entschieden betrachtet dieser Karl von Kahn den "Markt ...

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          Jeden Freitag übersetzt der Anlageberater Karl von Kahn in einer Finanzkolumne für seine Kunden "alles Wirtschaftliche ins Menschliche". Einmal zitiert er Benjamin Franklin: "Money makes money. And the money that money makes makes more money." Entschieden betrachtet dieser Karl von Kahn den "Markt als Naturgeschehen", aus dem sich der Staat herauszuhalten habe, denn: "Die Schlacht wird vom Besseren gewonnen." Von wem auch sonst, wenn es keine Regeln gibt?

          Man darf annehmen, dass Martin Walser es in seinem bisher vorletzten Roman "Angstblüte" nicht darauf angelegt hat, die Figur des Karl von Kahn als Parodie eines von allen Rücksichten befreiten Neoliberalen bloßzustellen. Eher schien es seine Absicht, die charakterlichen Eigenarten, die er dahinter vermutete, freizulegen und als etwas Allgemeinmenschliches begreiflich zu machen. Die materielle und, wie beim späten Walser ja mittlerweile notorisch, sexuelle Gier, dazu die Geltungssucht dieser Figur sind so präzise und offen beschrieben, dass man wohl nicht zu weit geht, dahinter ein identifikatorisches Moment zu vermuten.

          Inzwischen macht Walser damit von sich reden, dass er den umgekehrten Weg seines Karl von Kahn geht und das Menschliche ins Wirtschaftliche übersetzt - vielmehr: Er trägt das Menschliche ins Wirtschaftliche hinein und erklärt Korruption für eine lässliche Sünde, die nur in Deutschland beanstandet werde. Das Magazin "Capital" ließ er wissen, "dass in vielen Ländern Großaufträge ohne Bestechung nicht zu bekommen sind". Eines dieser Länder ist Bulgarien, dem die Europäische Union gerade eine halbe Milliarde Euro vorenthalten hat, weil man in Brüssel vermutlich nicht ohne Grund befürchtet, diese Hilfsgelder würden im immer noch nicht trockengelegten Korruptionssumpf versickern. Meinte Walser dieses Vorgehen, mit dem immerhin verhindert wird, dass Geld, das Steuerzahler durch ehrliche Arbeit erwirtschaftet haben, verschwendet wird? Es ist noch gar nicht lange her, da führte Walser öffentlich Klage darüber, dass er eine größere Summe, die er bei seinem Abschied von Suhrkamp "mitgenommen" habe, allen Ernstes habe versteuern müssen. "Ich gestehe: Ich fühlte mich beraubt." Wer solche Empfindungen äußert, stellt sie schon über das Steuerrecht und trägt dazu bei, die Zahlungsmoral zu untergraben.

          Der Amnestievorstoß, mit dem der Untreue-Experte Walser gleichsam eine Brücke schlägt von seiner literarischen Geliebtenrepublik zu einer Bestechungsrepublik, kommt auch sonst zur rechten Zeit: Für Anfang kommender Woche wird das Urteil im ersten Siemens-Schmiergeldprozess gegen einen ehemaligen Firmendirektor erwartet. Die Staatsanwaltschaft hat sich für zwei Jahre auf Bewährung ausgesprochen - eine Strafe, die sogar von der Verteidigung akzeptiert werden würde. Was noch aussteht, ist eine Schadenersatzklage von Siemens gegen seine eigenen ehemaligen Vorstände. Für Heinrich von Pierer hält Walser jetzt schon ein Plädoyer: "Hier ist eine öffentliche Person in den Medien mehr oder weniger zur Hinrichtung präpariert worden". Mehr oder weniger? Von Pierer musste sich nicht erst ans Licht zerren lassen, sondern trat früher in Talkshows als Sachverständiger in Fragen der Unternehmenshygiene auf.

          Interessant an dieser vielleicht nicht unsympathischen Meinung ist die Denkfigur der Vorverurteilung, die Walser schon lange umtreibt und der er sich unlängst in einer Münchner Akademie-Rede ausgiebig gewidmet hat: "Über Erfahrungen mit dem Zeitgeist - ein Potpourri" sprach er und nahm auch da schon von Pierer in Schutz. Die jetzige "Capital"-Auslassung ist also nur ein Ableger davon - die Angstblüte produziert eine Angstblüte, und die Angstblüte, die die Angstblüte produziert, produziert noch eine Angstblüte. Es sei "deutsch, deutsch bis ins Mark", Manager an den Pranger zu stellen. Wenn es international üblich ist, auf diese Form von Moral zu pfeifen, wie kann es dann sein, dass Siemens ein Fall für die amerikanische Börsenaufsicht wurde? Dem Zeitgeist attestiert Walser, sich sein Urteil vorab zu bilden, und wundert sich darüber, dass gegen Siemens so gründlich ermittelt wird.

          Die reflexhafte Nationalpsychologie, die selbst die Verdächtigung betreibt, die sie zu bekämpfen meint, entbindet niemanden davon zu fragen, ob gegen geltendes Recht verstoßen wurde. Walser sieht nur noch Moral am Werk und ist blind dafür, dass vor Gericht keine Moralkeulen geschwungen werden, sondern man sich dort kühl ans Gesetz halten muss. Wie schrieb er in der "Angstblüte"? "Im Alter nimmt Verschiedenes ab. Auch die Kraft, moralisch zu sein. Oder sich so zu geben." Die Freiheit sei ihm gegönnt. Als Resteverwerter sollte er nur wissen, was er Karl von Kahn mitgab: "Dass du nicht zweimal im selben Wasser baden kannst, wird nirgends so wahr wie im Anlegergeschäft." Fürs intellektuelle Geschäft gilt das auch.

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