https://www.faz.net/-gr3-s0p5

: Die Alten sind los

  • Aktualisiert am

Annegret Held begibt sich auf eine für deutsche Autoren eher ungewöhnliche Weise auf Stoffsuche für ihre Romane. Sie ist sich nicht zu schade dafür, regelmäßig in die Niederungen eines unterprivilegierten Berufslebens hinabzusteigen. Geradezu in Günter-Wallraff-Manier hat die 1962 geborene Autorin schon als Streifenpolizistin, Fabrikarbeiterin oder auch als Zimmermädchen gejobbt.

          2 Min.

          Annegret Held begibt sich auf eine für deutsche Autoren eher ungewöhnliche Weise auf Stoffsuche für ihre Romane. Sie ist sich nicht zu schade dafür, regelmäßig in die Niederungen eines unterprivilegierten Berufslebens hinabzusteigen. Geradezu in Günter-Wallraff-Manier hat die 1962 geborene Autorin schon als Streifenpolizistin, Fabrikarbeiterin oder auch als Zimmermädchen gejobbt. Zuletzt war sie als Altenpflegerin tätig. Davon zeugt nun ihr neuer Roman, der in einem Pflegeheim mit dem euphemistischen Namen "Abendrot" spielt. Dort geht es keineswegs sanft zu, denn auch hier herrscht jener Pflegenotstand, den Experten hierzulande schon seit Jahren beklagen.

          Eigentlich könnte das eine brisante Geschichte ergeben, wäre die Autorin nicht von Anfang an arg um Komik bemüht. Aufgefahren wird alles, was einem an Gags zu senilen Senioren in einem Pflegeheim einfallen kann. Man liest also von verwirrten Alten, die immer denselben Satz vor sich hin brabbeln oder noch nicht einmal mehr wissen, daß sie sich schon längst im Ruhestand befinden. Man liest von dritten Zähnen, Stützstrümpfen, Schnabeltassen und Windeln, die entweder falsch herum eingesetzt, abgebissen, völlig verdreckt oder gleich gänzlich verschwunden sind. Man liest von geldgierigen Verwandten, die es nicht erwarten können, bis die eingelieferte Erbtante endlich unter der Erde liegt - und von einem buckelig-cholerischen Pflegefall-Monster, das nur noch Sex im Kopf hat.

          Doch als wäre das nicht schon genug, wird auch noch eine Pflegetruppe aufgeboten, die jeder Comedy-Show Ehre machte. Es fängt bei der tolpatschigen Hauptheldin "Lotta Heinz" an, einer vierundzwanzigjährigen Landpomeranze, die sich grundsätzlich immer unglücklich verliebt und nach einer abgebrochenen Ausbildung zur Krankengymnastin einen Neuanfang sucht. Lotta gibt in Helds Pflegekosmos den Part des naiv-sympathischen Dummchens, das mit staunendem Blick auf einen Hort voller Narren trifft - und sich dort natürlich prompt schon wieder in den Falschen verliebt: in ihren bisexuellen Pflegekollegen Ivy nämlich, einen Hallodri aus dem Bilderbuch, der jede Nacht in einer anderen Diskothek versumpft und jeden Morgen zu spät zum Dienst erscheint. Seinen durchtrainierten Körper präsentiert er am liebsten in Muskel-Shirts; im "Marlon-Brando-Gang" flaniert er über die Flure und frisiert den Omis die Haare dann auch schon mal neckisch zur "Punkfrisur" hoch.

          Wie in einem Boulevardstück besetzt jede Figur eine festgelegte Rolle: Ivy ist der komödientypische Filou. Dann gibt es noch die mildtätige Oberpflegerin Rosalinde, eine Nadeschda gibt mit dröhnender Stimme die russische Antreiberin der Kompanie, während Gianna, die italienisch-katholische Putzfrau, dermaßen fromm ist, daß sie an verlorene Seelen in der Kleiderkammer glaubt.

          Die Überfrachtung der Handlung mit Familienschicksalen und ähnlichem läßt die Komödie schnell zur bloßen Lachnummer ohne roten Faden schrumpfen. Ein typisches Beispiel: ",Ich hab' Scheiß-Nachrichten' - ,Was denn?' - ,Wir haben keine Windeln mehr!'" Das mag ein authentischer Dialog aus einem Altenpflegeheim sein. Besonders lustig oder gar interessant liest sich das gleichwohl nicht. Daß Schreiben nicht zuletzt eine Kunst der wohlüberlegten Auslassung ist, scheinen sowohl die Autorin als auch ihr Lektor in diesem schnodderig-überladenen Buch völlig vergessen zu haben. Im falsch verstandenen Ehrgeiz, möglichst lebensecht zu klingen, erspart Annegret Held ihren Lesern weder die Grammatikfehler der Ausländerinnen noch die wortgetreue Wiedergabe beispielsweise katholischer Glaubenstexte oder Einkaufslisten. Die wirklich skurril-komischen oder auch anrührenden Szenen, in denen etwa gestorben wird, ohne daß ein Pfleger Zeit zum tröstenden Beistand hätte, gehen bei soviel schlampig lektorierter Plapperei unter.

          GISA FUNCK

          Annegret Held: "Die letzten Dinge". Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 368 S., geb., 22,90 [Euro].

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Transatlantische Risse: Jens Stoltenberg, Angela Merkel und Donald Trump beim Nato-Gipfel im Dezember 2019 in Großbritannien.

          Trump und Europa : Es kann noch schlimmer kommen

          Schon jetzt ist dank Trumps Rhetorik und Politik des Spaltens viel Gift im transatlantischen Verhältnis. Sein möglicher Wahlsieg im November könnte den Westen nachhaltig schwächen.
          Unser Autor: Bastian Benrath

          F.A.Z.-Newsletter : Die Macht der Straße

          Aus den Protesten in Amerika ist längst eine Weltbewegung geworden. Fast überall regen sich nun Demonstrationen gegen Rassismus. Was Deutschland und die Welt sonst noch bewegt, steht im F.A.Z.-Newsletter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.