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Diana Athill: Irgendwo ein Ende : Mit neunundachtzig auf der Überholspur

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Bild: Verlag

Ein ganzes Liebesleben lang im Dienst der englischen Literatur: Diana Athill hat eine faszinierende Biographie. Bloß erzählt sie wenig davon.

          Ein Buch wie dieses wäre unter ihrer eigenen Ägide im Verlagswesen niemals erschienen, hätte doch ein Essay über Alter und Tod in der Nachkriegszeit keine Leser gefunden. Das hat sich mit der alternden Gesellschaft geändert. Aber wer sich von „Irgendwo ein Ende – Vom guten Leben im Alter“ eine philosophische Auseinandersetzung, einen zum Ratgeber taugenden versöhnlichen Lebensrückblick verspricht, gar eine englische Antwort auf Silvia Bovenschens Wunderwerk „Älter werden“, liegt daneben.

          Diana Athill, geboren 1917, seit 1993 im sogenannten Ruhestand und im vergangenen Jahr für ihre Verdienste von der Königin in den Order of the British Empire erhoben, als die große alte Dame, ja Doyenne der britischen Literatur zu bezeichnen, könnte leicht einen falschen Eindruck erwecken. Denn diese Frau ist alles mögliche, nur keine gesetzte Großmutter, die bei Nachmittagstee und Plätzchen ihre bewegte Vergangenheit mit mildem Amüsement Revue passieren lässt. Nein, wenn Diana Athill, die am 21. Dezember ihren dreiundneunzigsten Geburtstag feiert, ihr Leben ins Visier nimmt, ähnelt sie, wie ein Gast einmal treffend bemerkte, vielmehr einer hungrigen Katze, die frustriert den leeren Vogelkäfig anstarrt.

          Geschmacklosigkeiten und Banalitäten

          Zu den Paradiesvögeln, die sie über fünf Jahrzehnte hinweg im renommierten Literaturverlag André Deutsch bewachte (hüten wäre eine zu harmlose Beschreibung), gehörten Schriftsteller wie John Updike, Philip Roth, Norman Mailer, Mordecai Richler, Jean Rhys, Brian Moore und V. S. Naipaul. Für den legendär schwierigen Umgang mit letzterem mag sie die Bekanntschaft mit Elias Canetti zu Beginn ihrer Karriere gestählt haben, der seine Werke erst nach langer Weigerung in Großbritannien veröffentlichen ließ und dann darauf bestand, dass sie der amerikanischen Ausgabe „bis zum letzten Komma folgten“. Diana Athill blieb als Lektorin nichts weiter zu tun, als die Bücher zu lesen – „doch das reichte, um mich auf die Palme zu bringen: was für eine schreckliche Wichtigtuerei!“

          Diana Athill ist keineswegs ungnädig, sondern lediglich unwirsch. Nachdem sie ihr halbes Leben lang anderen beim Schreiben geholfen hat, ist sie selbst in den letzten Jahren zu einer gefeierten Autorin geworden. In dem Bemühen, die vergangene Zeit aufzuholen, verströmen ihre Schriften eine Art majestätischer Ungeduld, die ohne Umschweife und höchst autoritativ zum Punkt kommt und dabei alles wegwedelt, was nach Bedenkenträgerei, Angepasstheit oder gar, pfui Deifi, Konventionalität aussieht. Im Englischen besitzt die Unverblümtheit, mit der sie zu Werk geht, durchaus Geist, Humor und Tiefe: Für „Somewhere Towards the End“, das von der englischen Kritik hochgelobte sechste Buch aus ihrem Leben, gewann Athill 2008 den angesehenen Costa-Preis in der Kategorie Biographie und begeisterte ein breites Publikum. Aber jetzt, da das Werk unter dem weichgespülten und überdies irreführenden Titel „Irgendwo ein Ende. Vom guten Leben im Alter“ in deutscher Übersetzung vorliegt, ist man fassungslos über die Geschmacklosigkeiten und Banalitäten, die hier apodiktisch aneinandergereiht werden.

          Imaginative Energie

          Es fängt damit an, dass die Autorin, eine begeisterte Hobbygärtnerin, für achtzehn Pfund bei einem Pflanzenversand einen Baumfarn ordert und völlig entgeistert ist, als sie statt des erwarteten stattlichen Farns zum Schnäppchenpreis, der in einem gewaltigen Paket und per Spezialtransport geliefert wird, einen winzigen Blumentopf auspackt, aus dem „vier zarte Blättchen sprießen“: „Ich werde ihn, solange ich kann, im Topf pflegen und hoffe noch zu erleben, dass er groß genug wird, um ausgepflanzt zu werden.“

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