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Martin Walsers Gesamtausgabe : Der Wille zur Werkherrschaft

Der Schriftsteller Martin Walser. Bild: dpa

Heribert Tenschert hat sämtliche bisher erschienenen Werke seines Freundes Martin Walser in einer „Gesamtausgabe letzter Hand“ zusammengefasst. Welch ein Monument!

          Dieser Autor stellt die Machtfrage. Sie zieht sich, immer wieder neu und anders, durch sein literarisches Werk: Er beschreibt, durchdringt und erleidet Abhängigkeiten, Herrschaftsverhältnisse, Chef-Charaktere und Knechtsseelen, selbsternannte Oberkommandierende und gebeugte Befehlsempfänger in verschiedenen Milieus und sozialen Biotopen. Wo Robert Musil den Möglichkeitssinn einforderte, pflegt er den Ungleichheitssinn, das überfeine Gespür für das Unausgewogene in allen sozialen Beziehungen. Dabei ist er weder ein Denker des Egalitären noch ein Gerechtigkeitsfanatiker. In nie nachlassender Verletztlichkeitsbereitschaft misst er den Grad seiner jeweiligen Erschütterung auf der nach oben offenen Walserskala und notiert ihn im Diarium, dem Stundenbuch seiner Wunden.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Martin Walser hütet seine Verletzlichkeit wie seinen größten Schatz. Schutz sucht er nicht für sich, sondern für sie. Könnte er sie doch in einen Panzer hüllen! Doch das geht nicht. Weil er an seinen Wunden genesen will, lässt er nicht zu, dass sie sich schließen. Wo andere ihn als Angreifer empfinden, erlebt er sich als Verteidiger seiner selbst, ein Defensivkünstler, immer mit dem Rücken zur Wand, die er selbst errichtet hat.

          Gesichert: die Hoheitsrechte über das eigene Schaffen

          Auch das Werk stellt die Machtfrage. Es fordert seinen Schöpfer heraus. Seit 1981 weiß man, dass Autorschaft, die diese Herausforderung annimmt, nach Werkherrschaft verlangt. Damals erschien Heinrich Bosses einschlägige Monographie „Autorschaft ist Werkherrschaft“, die vor allem „die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit“ beschrieb, wie es im Untertitel heißt, aber auch ein Tätigkeitsfeld der Schriftsteller in den Blick nahm, das zuvor nur wenig Beachtung gefunden hatte: die Werksicherung, also das ganze Bündel von Maßnahmen, die sich ergreifen lassen, um dem Autor die Hoheitsrechte über das eigene Schaffen zu sichern.

          Martin Walser veröffentlichte im selben Jahr unter dem Titel „Selbstbewusstsein und Ironie“ seine Frankfurter Vorlesungen zur Poetik, in denen er den Ironiebegriff von Kierkegaard, Kafka und anderen untersuchte und den selbstbewusst-ironischer Stil als ein Instrument beschrieb, das „noch die stärksten Machtgefüge zum Schwanken“ bringen könne. So steht es in der Chronik der traditionsreichen Frankfurter Poetikvorlesungen.

          Die Zeit als „Produktivfaktor“ der Werkpolitik

          Was Bosse mit dem Begriff der Werkherrschaft begonnen hat, setzte Steffen Martus fort, als er 2007 seine Studie zur „Werkpolitik“ vorstellte. Im selben Jahr erschien „Das geschundene Tier. Neununddreißig Balladen“ von Martin Walser, in denen immer wieder Allmachtanspruch und Ohnmachtsgefühl aufeinanderprallen wie zwei Steinböcke zur Paarungszeit. Martus hat Bosses Konzept erweitert und gezeigt, wie sich auktoriale Werkpolitik unter den Bedingungen einer sich allmählich institutionalisierenden Literaturkritik im achtzehnten Jahrhundert verändert hat. Kommunikationsstrategien mussten entwickelt, Kontingenzpotentiale minimiert, Kanonisierungsprozesse vorangetrieben und beeinflusst werden.

          Mit Klopstock, so Martus, habe erstmals ein deutscher Autor das Konzept des Lebenswerkes verfolgt, das darauf angelegt ist, dem Publikum eine sich über Jahrzehnte erstreckende Werkentwicklung vor Augen zu führen. Das ideale Mittel dazu ist die Werk- oder Gesamtausgabe, die den einzelnen Titel als Baustein eines größeren Ganzen mit höherem Persistenzpotential erscheinen lässt. Erst die Gesamtausgabe gibt dem Autor eine gewisse Sicherheit, dass die Zeit ihre Rolle als „Produktivfaktor“ der Werkpolitik entfalten kann.

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