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: Der Wicht als Wille und Wohnung

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Die Zeiten, in denen man einem Dichter der klassischen Literaturperiode einen Gefallen tun konnte, indem man ihn zu einem modernen erklärte, sind vorbei. So würde Jean Paul, der in seiner Jugend so erfolgreiche, in seinen späteren Jahren dagegen und erst recht in seinem Nachleben ein wenig ins Abseits geratene ...

          Die Zeiten, in denen man einem Dichter der klassischen Literaturperiode einen Gefallen tun konnte, indem man ihn zu einem modernen erklärte, sind vorbei. So würde Jean Paul, der in seiner Jugend so erfolgreiche, in seinen späteren Jahren dagegen und erst recht in seinem Nachleben ein wenig ins Abseits geratene Autor, von einer Entdeckung als Zeitgenosse unserer Postmoderne nur wenig profitieren. Doch daß er tatsächlich über alle Finessen der heutigen Reflexion über die Autorfunktion oder den Schreibprozeß, über die Schrift und das Leben gebot, sollte wenigstens der Gerechtigkeit halber gesagt werden. Die unter dem charakteristisch kauzigen Titel "Lebenserschreibung" zum ersten Mal gesammelt veröffentlichten und nachgelassenen autobiographischen Schriften Jean Pauls enthalten auf jeder Seite Reflexionen zum eigenen Schreiben und zum Schreiben überhaupt, wie man sie in solcher Dichte und Nichtfestgelegtheit kaum bei einem anderen Autor finden kann.

          Da die von Eduard Behrend begründete Ausgabe der Werke und des Nachlasses in jüngster Zeit bedeutende, bisher unveröffentlichte Merkblätter und Hefte aus der legendären Werkstatt Jean Pauls herausgebracht hat, steht einem aufgefrischten Interesse an diesem unerschöpflichen Autor nichts im Wege. Jean Paul ist für Renaissancen gut. Ein Ereignis war der Jean Paul des George-Kreises, der hier vom zweifelhaften Ruhm des Idyllikers befreit wurde. Auf dem von Madame de Staël gebahnten Umweg über Frankreich, von wo die Georgianer ihr Jean-Paul-Bild bezogen, hatte er das Provinzielle verloren und wurde nun als "größte poetische Kraft der Deutschen" empfohlen, wie Karl Wolfskehl schrieb. Wohlgemerkt: nicht als Poet, sondern als poetische Kraft. In dieser Formulierung wirkte die alte Konkurrenz mit Goethe nach, die Deutschlands Publikum am Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gespalten hatte. Für diesen frühen Ruhm hatte er einen hohen Preis gezahlt, er hatte sich wie ein Albdrücken auf sein Spätwerk gelegt.

          Nach der Wiederentdeckung des Romanwerks in den fünfziger und sechziger Jahren, die durch die Ausgabe von Walter Höllerer und Norbert Miller möglich wurde, bleibt noch ein Jean Paul zu entdecken, der Autor der legendären Merkbücher, Studienhefte und Zettelkästen. In dieser ungeheuren Stoffülle erst wird sichtbar, welch genauer und kritischer Beobachter seiner selbst und seiner Schriftstellerei dieser überbordende Erzähler, der Serienproduzent von Metaphern und Bildern, gewesen ist. Der Einfallsreiche, dem man eine Kontrolle seiner Phantasie kaum zutraut, erweist sich als ungewöhnlich heller Kopf, der seine Feuerwerkskaskaden mit größtem Bedacht abschießt. Kurz, ein Philosoph.

          In einem der wenigen längeren Stücke dieses Buches, das aus Notizen von nur wenigen Zeilen besteht, gibt Jean Paul seine Zweifel an der Ich-Gewißheit der Philosophie der Zeit zu Protokoll: "Ich als Ich kann mir nichts sein. nur als eine Kraft. die das Gute, Wahre p. liebt. Jedes Ich ist dann so viel wie meines. Denn Ich allein als Ich, d.h. abgeschieden, abgesprungen von der Ich-Menge finden keinen Vorzug voraus, wenn er nicht in etwas, was nicht zum bloßen Ich gehört, in der Liebe für Schönheit, Güte, Wahrheit besteht; aber dann wäre sogar Gott als reines Ich für sich nicht, sondern nur durch Wahrheit, Güte, Schönheit." Als Schlußsatz fügt er die abgründige Frage hinzu: "Nur wer sind diese, woher kommen diese?"

          Montaigne ist der am häufigsten und mit der größten Emphase genannte Name in dieser Sammlung autobiographischer Reflexionen. Zwei Philosophen mit ähnlich beweglichem und vielgestaltigem Ich treffen sich hier. Wie Montaigne seine "Essais", so macht Jean Paul seine nahezu lebenslangen autobiographischen Versuche zu einem fortdauernden Experiment mit der Identität seines Ich. Mehrfach erwägt Jean Paul, Montaignes Essais, die, gleich wovon sie handelten, stets ein neues Licht auf das finessenreiche Ich ihres Verfassers warfen, zum Muster für seine Lebensbeschreibung zu nehmen: "Mach' es in lauter Digressionen; setz' es aus Versuchen à la Montaigne zusammen." Und noch in den spätesten Notizen heißt es: "Kurz, Montaigne, soweit es geht." Das Leben soll in Gedankenfolgen gleichsam aufgeschlagen werden, seine Beschreibung will thematisch bewältigt sein.

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