https://www.faz.net/-gr3-7i1w4

„Der wahre Sohn“ von Olaf Kühl : In einem stillen See macht auch ein kleiner Stein Ringe

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt

Ein Roman, der wie ein Krimi beginnt und dann sein Panorama systematisch ausweitet: Olaf Kühl betreibt in „Der wahre Sohn“ ukrainische Seelenkunde.

          4 Min.

          Konrad Krynitzki redet nicht gern über seinen Job. Wenn ihn jemand nach seinem Beruf fragt, sagt er, er leiste Recherchearbeiten für ein großes westdeutsches Unternehmen. Das ist nicht einmal gelogen. Gerade ist vom Leiter der Kfz-Schadensregulierung der Versicherung, für die Konrad arbeitet, eine neue „Recherche“-Anfrage gekommen: Er soll einen gestohlenen Wagen in Kiew ausfindig machen und ihn nach Deutschland zurückbringen.

          Der Auftrag kommt Konrad gelegen, denn er will ohnehin auf und davon, weg aus seiner abgestandenen Beziehung mit Marlene, raus auch aus Berlin. Vor allem aber muss er Distanz gewinnen zu einem frisch gelüfteten Familiengeheimnis. Also fährt er los, um den Mercedes 500 SE, einen Schlitten, wie er Anfang der neunziger Jahre auf den Markt kam, in Kiew ausfindig zu machen. Offenbar hat es der vorherige Besitzer darauf angelegt, den Wagen loszuwerden, da er unbedingt einen neuen Dienstwagen haben wollte. Die Versicherung konnte den Weg des auffälligen Gefährts bis in die Ukraine verfolgen, ja, man will sogar den neuen Halter schon identifiziert haben. Insofern klingt die Sache nicht allzu kompliziert, auch wenn Konrads Ermittlungsgebiet sonst eher Polen ist. Die Warnungen, die er von verschiedener Seite erhält - „Kiew ist ein anderes Pflaster“ -, beunruhigen ihn nicht. Erst als er in Kiew ankommt und sich fragt, warum sich die Versicherung ausgerechnet diese Mission so viel kosten lässt, wird er nervös.

          Detektivstory, Road-Movie, zwei Familiengeschichten

          „Der wahre Sohn“ heißt der neue Roman von Olaf Kühl, sein zweiter nach dem vor zwei Jahren erschienenen „Tote Tiere“. Kühl, Jahrgang 1955, ist ein renommierter Übersetzer aus dem Polnischen und Russischen und einer der besten Kenner der osteuropäischen Literaturen. Dass er eigentlich immer Schriftsteller werden wollte, hat er erst bei Erscheinen seines Debüts bekannt, auch, dass er viel früher zu schreiben begonnen habe, als zu übersetzen. Dazu passt, dass er über fünfzehn Jahre hinweg immer wieder an „Der wahre Sohn“ gearbeitet und mehrere Monate in einer Plattenbausiedlung in Kiew verbracht hat, um die Atmosphäre der Stadt aufzusaugen. Das Kiew, das er nun im Roman vor uns erstehen lässt, ist das der mittleren neunziger Jahre, als jegliche Art von Luxus noch andere Aufmerksamkeit und Verdacht erregte als heute.

          Zunächst vermutet man in Kühls Buch eine Detektivstory, dann erwartet man eine Art Road-Movie, und heraus kommt eine, nein: kommen zwei Familiengeschichten. Denn Konrad stößt bei seiner Suche nach dem Mercedes zunächst nicht etwa auf den knapp neunzigjährigen ermittelten Halter, sondern auf dessen Witwe. Ihr Mann Jurij Solowjow, Parteimitglied und hochrangiger Beamter, sei vor kurzem gestorben, teilt sie Konrad mit. Von dem Wagen wisse sie nichts. Doch diese Svetlana, selbst hochbetagt, übt auf den Deutschen eine merkwürdige Faszination aus, die nichts damit zu tun hat, dass sie sein einziger Ausgangspunkt für die Suche nach dem Wagen ist. Seiner Überzeugung folgend, dass „auch ein kleines Steinchen Ringe macht in einem stillen See“, bleibt Konrad in Svetlanas Nähe.

          Nicht der einzige, der Spuren zu lesen versteht

          Je häufiger er sie aufsucht, desto stärker verwickelt sie ihn in ihre Vergangenheit oder vielmehr: in ihre Version von Ereignissen, die keineswegs nur sie allein betreffen. Denn wie Konrad bei seinen anfänglichen Beschattungsversuchen erfährt, hat Svetlana einen Sohn namens Arkadij, der seit Jahrzehnten in einer psychiatrischen Anstalt lebt, in die sie ihn einst hat einweisen lassen. Konrad, der seine Recherchen stets mit deutscher Gründlichkeit betreibt, stattet bald nicht nur Svetlana, sondern auch Arkadij Besuche ab und vertieft sich überdies in dessen Patientenakten. Dort stößt er auf Hinweise, die Svetlanas Erzählungen signifikant ergänzen und ihnen mitunter auch widersprechen, nicht nur, weil Arkadij von ihr und ihrem Mann adoptiert wurde.

          Weitere Themen

          Was sagt der Bundestag zur Bundes-Notbremse?

          F.A.Z. Frühdenker : Was sagt der Bundestag zur Bundes-Notbremse?

          Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg fahren das Leben runter. In der K-Frage wächst der Druck auf Laschet und Söder, sich endlich zu einigen. Und in Großbritannien laufen die Vorbereitungen für Prinz Philips Beisetzung. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Topmeldungen

          Ein Arzt impft eine Frau in einer Hausarztpraxis mit dem Impfstoff von Pfizer/Biontech.

          Bürokratische Hürden : Warum Privatärzte noch nicht mitimpfen können

          Immer mehr Hausärzte impfen ihre Patienten gegen Covid-19 – wenn sie eine Kassenzulassung haben. Privatärzte werden bislang nicht an der Impfkampagne beteiligt. Ihnen fehlt die nötige Authentifizierung.
          In Flensburg zu Hause: Andrea Paluch, Schriftstellerin, Musikerin, Dozentin, Sängerin, geht ihren eigenen Weg.

          Andrea Paluch : Sie geht ihren eigenen Weg

          Andrea Paluch, die Frau von Robert Habeck, hat ein Buch geschrieben. Liest man darin die Zukunft ihres Mannes? Eher nicht – denn Männer sind in dem Buch mit Absicht abwesend.
          Börsenplakat von Siemens Energy: Der Dax-Neuling will sein Geschäft mit Wasserstoff massiv ausbauen.

          Scherbaums Börse : Und ewig lockt der Wasserstoff

          Viele Anleger sehen den sauberen Energieträger als heißes Investmentthema. Diese Ansicht ist zum Teil berechtigt, zum Teil aber auch nicht. Das zeigt der Blick auf ausgewählte Wasserstoff-Aktien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.