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: Der verlorene Sohn

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Vom Vater vergewaltigt, depressiv, drogensüchtig: Edward St. Aubyn, Spross aus britischem Hochadel, hat seine Kindheit beschrieben. Jetzt erscheint sein Roman auf Deutsch. Die einen tun es heimlich, die anderen völlig ungeniert: Wenn Autoren eine Buchhandlung betreten, prüfen sie als Erstes, wo ihre eigenen Titel plaziert sind.

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          Vom Vater vergewaltigt, depressiv, drogensüchtig: Edward St. Aubyn, Spross aus britischem Hochadel, hat seine Kindheit beschrieben. Jetzt erscheint sein Roman auf Deutsch. Die einen tun es heimlich, die anderen völlig ungeniert: Wenn Autoren eine Buchhandlung betreten, prüfen sie als Erstes, wo ihre eigenen Titel plaziert sind. Für Edward St. Aubyn ist das immer ein kritischer Moment, den er lachend so beschreibt: "Die Buchhändler wissen nie, ob sie mich unter ,S' oder ,A' einsortieren sollen. Alles wäre einfacher, wenn ich einen alphabetisch eindeutigen Namen hätte."

          Und das ist nicht einmal das einzige Problem, das dieser Name mit sich bringt. In Großbritannien hat die Familie St. Aubyn etwa den Ruf wie hierzulande die Thurn und Taxis oder die Waldburg-Zeils: feudale Großgrundbesitzer, reich, höchst standesbewusst und nicht mehr ganz zeitgemäß.

          Aber Edward St. Aubyn tut vom ersten Moment der Begegnung an alles, um die mit dieser Herkunft verbundene Assoziation zu widerlegen. Der wohlerzogene, beinahe schüchtern wirkende Gastgeber, der Tee in hauchdünne weiße Tassen einschenkt, trägt blaue Wildleder-Slipper, Cordhose und zum anthrazitgrauen Jackett ein hellblaues Hemd ohne Monogramm. Das perfekte Outfit eines Konservativen, der mit Intellektualität flirtet. Auf der hohen Stirn weichen die braunrötlichen Locken schon ein wenig zurück, der helle Teint hingegen zeigt keinerlei Abnutzungsspuren. Schmale Hände, eine leise Stimme, Sätze, die ihr Sprecher nur zögernd entlässt - offenbar nicht, ohne sie zuvor einer inneren Zensurbehörde vorgelegt zu haben.

          Und dieser Mann soll einmal drogensüchtig gewesen sein? Heroin, Koks und Barbiturate? Soll zur schriftlichen Prüfung in Oxford tatsächlich einen leeren Kugelschreiber dabeigehabt haben, um sich mit der eingeschmuggelten Ration den nächsten Schuss setzen zu können? Soll als Fünfjähriger zum ersten Mal von seinem Vater vergewaltigt worden sein - und später immer wieder, bis er acht Jahre alt war? Soll von diesem Monster-Vater zu hören bekommen haben, dass ihm eines "sehr, sehr strenge Strafe" drohe, wenn er auch nur auf die Idee komme, anderen vom Missbrauch zu erzählen?

          Der 46 Jahre alte Autor von mittlerweile sechs Romanen macht kein Hehl daraus, dass zumindest die Hälfte seines literarischen Werks eine ganze Menge mit der eigenen Biographie zu tun hat. Sollte sein soeben auf Deutsch erschienener Erstling "Schöne Verhältnisse" auch hierzulande ein Bestseller werden wie zuvor bereits in Großbritannien und Amerika, könnte auch der eine oder andere deutsche Leser in Zukunft die sonnendurchfluteten alten Villen in der Provence mit anderen Augen betrachten. Denn in dieser Umgebung inszeniert St. Aubyn die größte Niedertracht. Schauplatz ist die Villa Lacoste mit ihrer breiten Treppe, den blassblauen Fensterläden, romantisch überwuchert von Glyzinien und Geißblatt. Sie wird bevölkert von Eleanor Melrose, der Ehefrau, die sich schon morgens aus dem Haus schleicht, um in ihrem Buick in Ruhe den ersten Brandy zu kippen. Dann ist da ihr fünf Jahre alter Sohn Patrick, ein einsamer, von Schreckensphantasien verfolgter Junge. Und schließlich noch David Melrose, ein Monster ganz eigener Art und Güte, dem der Wohlstand seiner Ehefrau den Müßiggang ermöglicht. Zum Zeitvertreib ertränkt er Heere von Ameisen mit dem Gartenschlauch, zwingt seine Frau auf alle viere, um herabgefallene Feigen von den Steinplatten der Terrasse aufzuessen, und vergewaltigt noch vor dem Lunch seinen eigenen Sohn auf dem Ehebett mit der Feuervogel-Decke, um ihn Minuten später leichthin zu fragen: "Hast du Hunger?"

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